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Donnerstag, 10.05.2018

Der saubere Diesel

In der aktuellen Abgas-Debatte kommt eine spannende Alternative nicht vor. Die wird in Sohland produziert.

Von Jens Fritzsche

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Anlagenfahrer Heiko Pursche beim Filterwechsel in der Produktion der Biowerk GmbH in Sohland. Rund 100000 Tonnen Biodiesel werden hier jährlich hergestellt.
Anlagenfahrer Heiko Pursche beim Filterwechsel in der Produktion der Biowerk GmbH in Sohland. Rund 100 000 Tonnen Biodiesel werden hier jährlich hergestellt.

© Steffen Unger

Diesel-Diskussion, Feinstaub-Ärger, Elektromobilitäts-Skepsis: Warum redet eigentlich niemand über Biodiesel? Noch dazu, weil nicht wenige Experten überzeugt sind, dass zumindest aktuell die hochgesteckten Klimaziele der EU ohne verstärkten Einsatz von Biodiesel kaum zu erreichen sind. Denn noch ist eine Wirtschaft ohne Verbrennungsmotoren kaum vorstellbar – und aktuell wohl auch nicht machbar. Die Frage steht, ob es überhaupt möglich ist, den kompletten Verkehr – vor allem den Schwerlastverkehr – mit den im Moment so in den Fokus gepeitschten Elektroantrieben zu bewältigen.

Der einzige Hersteller von Biodiesel in der Region zwischen Dresden und polnischer Grenze ist dabei in Sohland an der Spree ansässig. Hier, ein bisschen abseits und mitten in der Idylle der Oberlausitzer Berge, hat sich die Biowerk Sohland GmbH seit nun schon gut 16 Jahren auf dem durchaus schwierigen Markt behauptet.

„Flüssige Biokraftstoffe sind aus meiner Sicht im Moment eine relativ einfach umsetzbare Alternative, um die von Verbrennungsmotoren erzeugten Treibhausgase erfolgreich einzudämmen“, ist Geschäftsführer Ralph Münzberg überzeugt. Damit könnten nicht zuletzt die strengen EU-Vorgaben erfüllt werden. Hinzu kommt, dass Biodiesel einen höheren Sauerstoff-Anteil hat und bei der Verbrennung weniger Ruß entsteht. Außerdem ist im Biodiesel praktisch kein Schwefel enthalten. Auch die Möglichkeit, dem „klassischen“ Diesel-Kraftstoff mehr Biodiesel-Anteile beizumischen, schwebt über der Debatte. Aktuell dürfen es maximal sieben Prozent sein. Dass es nicht mehr ist, hat sicher auch mit den kritischen Stimmen zu tun, die vor Jahren vor Problemen in der Landwirtschaft durch den Anbau schnell wachsender Pflanzen zur Biodiesel-Herstellung warnten. Wälder könnten weichen, um Platz für das lukrative Geschäft zu machen, hieß es.

Diese Sicht kennt natürlich auch der Sohlander Geschäftsführer. Hält aber dagegen: „Wir haben uns auf dem schwierigen Biodiesel-Markt eine Nische gesucht, mit der wir ökologisch auf dem richtigen Weg und wirtschaftlich erfolgreich sind.“ In Sohland werden in erster Linie Altspeisefette verarbeitet. Unter anderem aus Großküchen. „Eine sinnvolle und umweltfreundliche Nutzung von Abfällen“, freut sich Betriebsleiterin Corina Protze, dass sich das Biowerk damit als Mittelständler auf dem hart umkämpften Markt behaupten kann. Rund 100 000 Tonnen Biodiesel produzieren die insgesamt 27 Mitarbeiter hier pro Jahr. Die Abnehmer sind vor allem Mineralölhersteller. „Für die spielt Biodiesel eine wichtige Rolle, um die erwähnten Vorgaben zur Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes bei der Kraftstoff-Verbrennung erreichen zu können.“ In Anbetracht dieser Fakten erscheint es verwunderlich, dass Biodiesel in den aktuell aufgeregten Debatten kaum eine Rolle spielt. Denn moderner Biodiesel belastet inzwischen das Klima 70 Prozent weniger als fossiler Diesel, machen jüngste Untersuchungen deutlich.

Es wird sich zeigen, ob Biodiesel insgesamt noch einmal stärker ins Blickfeld rücken kann. In Sohland weiß man jedenfalls um die Sprunghaftigkeit der politischen Diskussionen. Als die Biowerker 2002 starteten, war Biodiesel gerade auf dem Weg, sich als echte Alternative an den Zapfsäulen zu platzieren. Autobauer brachten Modelle mit entsprechenden Motoren auf den Markt – 2011 tauchte zudem mit E10 an den Tankstellen der Versuch auf, auch Benzin-Motoren durch die Beimischung von Bio-Ethanol umweltfreundlicher zu machen. „Aber der Umgang mit dem Thema Biodiesel hat sich in den Jahren eben immer wieder gewandelt, regelmäßig neue Vorgaben und Gesetze aus Berlin oder Brüssel – damit haben wir umzugehen gelernt“, will sich Geschäftsführer Ralph Münzberg nicht auf politische Debatten einlassen. Das tut aber Elmar Baumann, der Geschäftsführer des Verbandes der Biokraftstoffindustrie (VDB). Er beklagte jüngst die Regulierung des Biodieseleinsatzes. Das beschneide den Klimaschutz im Straßenverkehr und schädige die deutsche Biokraftstoffindustrie, wird er in der Zeitung „Die Welt“ zitiert.

Aktuell stehen in Sohland ohnehin andere Themen im Vordergrund. „Natürlich haben auch wir mit Fachkräftemangel zu kämpfen“, verweist Betriebsleiterin Corina Protze auf das brennendste dieser Themen. Fachkräfte werden dringend gesucht, „denn wir haben eine sehr gute Auftragslage“, schiebt sie gut gelaunt hinterher. Und wer weiß, vielleicht wird ja demnächst doch mal wieder intensiver über Biodiesel diskutiert? Zwischen den aktuellen Schlagworten Diesel-Diskussion, Feinstaub-Ärger und Elektromobilitäts-Skepsis …

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Neubürger.GR

    Toller PR-Artikel ;-) Von wegen 'sauberer Diesel': Die Umweltbilanz der Geschichte hängt im Wesentlichen davon ab, ob die eingesetzten Rohstoffe nachhaltig erzeugt werden, d.h. die Umwelt nicht schädigen und keine Konkurrenz für die Lebensmittelproduktion darstellen. Bliebe es beim Abfallrecycling aus Alt- und Tierfetten - wie im Artikel beschrieben - wäre das in der Tat optimal. Zum praktischen Einsatz im Dieselmotor: Verglichen mit Dieselkraftstoff auf Mineralölbasis sind die Emissionen von Stickoxiden beim Biodiesel erhöht. Man darf nicht nur auf das CO2 schauen, welches ja in der Atemluft keine Probleme macht.

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