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Donnerstag, 17.05.2018

Der Kampf der Laubenpieper

Kleingärtner suchen Ruhe und Erholung. Doch gerade das finden sie zurzeit am Dresdner Heller nicht. Sie sind in Konflikt geraten mit den Gesetzen.

Von Karin Großmann

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Süchtig nach Grün und gucken, wie was wächst: Für Vereinschef Kurt Gebhardt ist das Gärtnern die reine Freude - dafür will er bis vors Gericht ziehen.
Süchtig nach Grün und gucken, wie was wächst: Für Vereinschef Kurt Gebhardt ist das Gärtnern die reine Freude - dafür will er bis vors Gericht ziehen.

© ronaldbonss.com

Er ist schon auf hundertachtzig, sagt Gebhardt, wenn er früh aufwacht. Dann kämpft er im Kopf mit Paragrafen, feilt an der zünftigen Antwort und schimpft. Er sagt zwar, dass er sich nicht gern mit anderen anlegt, doch genau das tut er. Der Kleingartenspartenchef Kurt Gebhardt hat gerade wenig Chancen, sich viele Freunde zu machen.

Die Geschichte beginnt 2009, doch genau genommen fängt sie kurz nach dem Krieg an: Die Dresdner Innenstadt kam auf den Heller. Der Trümmerberg wurde zum Selbstbedienungsladen für Häuslebauer. Sie holten handwagenweise verrußte Steine und geborstene Fenstersimse. Das erklärt, warum die Lauben in der Hellersiedlung Nord bis heute so durcheinander wirken. Der beliebte Holzbungalow Typ Weißwasser gehört zu den Ausnahmen.

Eine Gartensparte, die Siedlung heißt – darin steckt schon ein Teil des Konflikts, der Gebhardt das Leben schwer macht. In seinem Garten hat er kaum einen Blick für die Maiglöckchen, die im Schatten still vor sich hin duften. Anderswo sind sie fast verblüht. Oben am Stadtrand ist das Wetter oft drei, vier Grad kühler, sagt Gebhardt, ein energischer Mann mit weißem Haar, braunem Shirt und abgearbeiteten Jeans. Salatblätter flattern im Wind. Winziges Grünzeug marschiert fröstelnd in einer Reihe.

Tatsächlich war hier mal eine Siedlung geplant nach dem Vorbild von Hellerau. Deshalb zieht sich mancher Schrebergartenweg in doppelter Autobreite schnurgerade über einen Kilometer lang hin, und so durchs halbe Alphabet von A-Weg bis N-Weg. Am späten Vormittag brummt ein Essenlieferant durch. Er hält vor der Nummer 559. Dort wohnt Werner Höppner. Er ist in diesem Jahr neunzig geworden. Bei Höppners Datsche drehte das DDR-Fernsehen die Serie „Geschichten übern Gartenzaun“. Der Zaun ist noch derselbe. Herbert Köfer teerte das Dach der Garage. Rolf Herricht spielte seine letzte Rolle.



Die ersten Erdbeeren reifen. Kontaminiert ist nur der Boden beim Nachbarn. Foto: Ronald Bonss.

Fast 40 Familien haben wie Werner Höppner ein Dauerwohnrecht in der Sparte. Insgesamt sind es 877 Parzellen. Schon baumeln erste CDs in den Süßkirschenbäumen zum Schrecken der Stare. Wer weiß, was auf den Silberlingen drauf ist. „Na, wachsen die Kartoffeln schon?“, ruft ein Nachbar dem anderen zu. „Und ob, nächste Woche ernten wir!“, so die Antwort. Kleingärtner sind soziale Wesen, sonst wären sie keine.

Mit 55 Hektar war die Sparte am Heller die größte in der DDR und ist nun die mitgliederstärkste in Dresden. Obwohl die Grundstücke halbiert wurden, sind sie mit rund 500 Quadratmetern immer noch üppiger als üblich. Ein junger Mann hinterm Zaun hüpft mit einem Springseil und hüpft und hüpft. In anderen Gärten würde er sich schnell zwischen Rosen und Johannisbeersträuchern verfitzen. In der Hellersiedlung ist Platz. Hier fährt der Kleingärtner mit dem Auto bis vor die Akelei, setzt Trampolin und Swimmingpool daneben und hat immer noch Wiese übrig. Mancher scheint seinen Rasen mit der Nagelschere zu trimmen. Am Rand wachsen Alibizwiebeln.

Das haben sich die Kleingartengesetze anders gedacht, ganz anders. Da kann nicht jeder häckeln, wie er will. Wo kämen wir denn da hin! Ja, wohin eigentlich? Der Schlag kam 2009. Da wurde dem Verein die Gemeinnützigkeit aberkannt. Er legte Widerspruch ein. Der Protest hatte Erfolg, allerdings mit amtlichen Auflagen: kleinere Hütten, niedrigere Hecken, mehr Obst und Gemüse … Der Verein bekam dafür bis 2015 Zeit. Ende 2017 befand das Amt, dass die Auflagen unzureichend erfüllt wurden. „Das war ein Hammer!“, sagt Gebhardt. Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit hätte für die Kleingärtner böse Folgen.



Die 14-teilige TV-Serie „Geschichten übern Gartenzaun“ wurde Anfang der Achtziger auf der Parzelle 559 in der Dresdner Hellersiedlung gedreht. Foto: Ronald Bonss

Zwei ältere Frauen stehen gebeugt über ihren Beeten und reden den Küchenkräutern gut zu. Mancher Regenwurm scheint sich angesprochen zu fühlen und ringelt frohsinnig fort. Das freut auch die Kresse.

Kurt Gebhardt breitet auf dem Tisch Pläne, Fotos und Gesetzbücher aus. Nebenbei erzählt er, dass er Maurer gelernt hat, bei der Transportpolizei arbeitete und sich später bei der Bereitschaftspolizei auf Beweissicherung spezialisierte. Bayern, Gorleben, Hamburg, er zählt die Einsätze auf. Mit fünfzig, sagt er, hat er sich noch mal qualifiziert und ist als Lehrer an die Polizeischule Kamenz gegangen. Mit sechzig in den Ruhestand. „Bis 2002 hab ich mit einer Flasche Bier im Garten jeden 1. Mai die Parade der Elbdampfer abgenommen. Dann kam die Waldschlößchenbrücke.“

Seitdem gräbt er am Heller um. Aber vorsichtig. Ein Teil der Parzellen gilt seit der Kriegs- und Nachkriegszeit als kontaminiert. Auch bei Gebhardt kollidiert das Kleingartengesetz mit dem Umweltschutz. Auf einem Drittel der Fläche soll er Obst und Gemüse ernten – was er besser nicht tun sollte. Er hat Hochbeete gebaut. Man sieht sie jetzt überall. Altersgerechtes Gärtnern. Liebevolle Schnitzer schmücken die Hölzer mit Mustern. Bei Gebhardts Sohn nebenan leuchten die ersten roten Erdbeeren. Sie wachsen in einem normalen Beet. Hoffentlich hält sich das Gift im Boden an die Flurgrenze. „Von wegen saftige Scholle!“, sagt Gebhardt. Eine Hummel saust darüber hin.

Der ehemalige Polizist sichert wieder Beweise. Ein halbes Leben lang hat er hauptberuflich auf Recht und Gesetz geachtet, und jetzt mit 65 soll er mit seinem Verein selbst ein Gesetzesbrecher sein? Es will ihm nicht in den Kopf, und es dauert eine Weile, bis die Zusammenhänge sortiert sind. Es ist ein Spiel mit überraschend vielen Beteiligten. Erster Akteur ist der Freistaat als Eigentümer von Grund und Boden. Zweiter Akteur ist der Stadtverband Dresdner Gartenfreunde als Pächter und Interessenvertreter aller 360 Vereine. Dritter Akteur ist das städtische Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, zuständig für Gesetzestreue. Und da ist noch gar nicht die Rede von Umweltamt und Bauaufsicht, die auch immer mal mitsprechen wollen.



Auf dem Heller ist es oft etwas kühler, da sind die Maiglöckchen noch nicht verblüht. Foto: Ronald Bonss

Über den Zaun hinweg diskutieren zwei erdkrümelbehaftete Gärtnerinnen in Gummistiefeln, ob die Stangenbohnen nicht langsam rein sollten. War’s das mit den Eisheiligen, oder kommen sie wieder? Die Bindfäden sind jedenfalls schon gespannt. Jedes Frühjahr ein Knäuelkunststück für sich. Ein Kleingarten soll ja vor allem der Erholung dienen. Einer von Gebhardts Nachbarn meint, dass er sich beim Unkrautzupfen zwischen Blumen genauso gut erholt wie beim Zupfen zwischen Kohlrabi. Außerdem braucht er keinen Kohlrabi. Auch keine Möhren. Er gehört wohl nicht einmal zu jenen Gartenfreunden, die einander stolz die erste grüne Gurke aus dem Gewächshaus aufs Handy schicken.

Damit stellt der Nachbar das BKleingG grundsätzlich infrage. So heißt das Bundeskleingartengesetz im Amtsdeutsch. Es wünscht Selbstversorger und keine „ausschließliche Erholungsnutzung“. Kurt Gebhardt sagt, dass er das lieber nicht so eng sehen würde. Aber er weiß, dass er damit nicht durchkommt. Würde der Verein die Gemeinnützigkeit verlieren, würden die Grundstücke als Freizeitobjekte eingestuft. „Jetzt zahlen wir einen Pachtzins von 13 Cent pro Quadratmeter, das steigt dann auf 3,80 Euro.“ Außerdem fürchtet er um den Kündigungsschutz. Der Freistaat könnte jeden Pächter um die besenreine Übergabe des Gartens bitten. Mancher in der Anlage meint, die Stadt Dresden sei an dem Areal sehr interessiert. So viele Großflächen gibt es nicht mehr zum Bebauen.

Vorsichtshalber führen Experten im Vorstand schon mal Eulen, Eidechsen, Kröten, Igel und andere Tiere ins Feld: der Kleingarten als Biotop. Ein Gartenrotschwanz schnalzt überzeugend. Eine Familie lüftet das Geschirr nach dem Winter. Was zu Hause keiner mehr braucht, kommt in die Laube. Es wäre doch schade um Omas Milchkännchen. Man könnte Vergissmeinnicht pflanzen. Das würde passen. Radieschen zählen natürlich mehr, wegen der Essbarkeit.



Vereinschef Kurt Gebhardt. Foto: Ronald Bonss

Kurt Gebhardt wurde 2012 zum ehrenamtlichen Vereinschef gewählt. Es hat mit Ehre wenig zu tun. Er erzählt, dass er sich einige Male fast Schläge einhandelte, als er Gartenpächter bewegen wollte, ihre Häuser auf die vorgeschriebenen 24 Quadratmeter zu verkleinern. Im Namen des Vereins schickte er Abmahnungen. „Muss ich mich denn mit jedem Pächter vor Gericht krachen?“ Ein Pächterwechsel wäre eine gute Gelegenheit, wenigstens die Hecke zu stutzen. Das geht gerade gar nicht. Heckeschneiden ist laut Naturschutz unerwünscht, solange Vögel dort wohnen.

Die Hausgröße hält der Vereinschef selbst nicht ein. „Es ist wie in dem Märchen vom Fischer und siner Fru: An den Anbau wurde angebaut und angebaut, da sind wir zurück in der tiefsten DDR.“ Die Flickschusterei von einst bedeutet heute die Rettung für viele Hütten. Denn das Bundeskleingartengesetz enthält „Überleitungsregeln aus Anlass der Herstellung der Einheit Deutschlands“. Was vor 1989 stand, darf bleiben. Das gilt auch für jene Objekte, die aus Dresdner Trümmerresten umfangreich zusammengestückelt wurden.

Vereinschef Gebhardt ist deshalb in Aktenschränke gekrochen, um nachzuweisen, wann was auf welcher Parzelle gebaut wurde. In einem ministeriellen Schreiben von 1988 entdeckte er sogar die Erlaubnis zum Bau von Carports, die damals noch Unterstellmöglichkeit für Pkws hießen. Sie dienten der „Formverschönerung“ der Gärten, heißt es in dem Brief. Mit Klebezetteln hat Gebhardt die Gesetzestexte markiert. Sie scheinen einander mitunter zu widersprechen. Darf der Dachfirst der Laube bis zu drei Meter achtzig oder nur bis zu drei Meter fünfzig hoch sein?

Kurt Gebhardt ist entschlossen, für die Gemeinnützigkeit des Vereins vor Gericht zu ziehen. Andere im Vorstand raten zu Kompromissen. Die Hellersiedlung Nord wurde als einer von 25 Begegnungsorten ausgewählt, die bei der Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt mitspielen.

Auf dem Nachbarweg gräbt eine Familie gemeinsam um. Wohl dem, der eine kleine Tochter mit großen Füßen hat, wegen des Spatens.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

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  1. Drittetreppelinks

    Wenn ich den gut geschriebenen, aber dennoch etwas mehr um die Vermittlung von Impressionen als von klar gegliederten Informationen bemühten Artikel richtig verstehe, liegt hier tatsächlich eine Art Missbrauch vor. Die Grundstücke werden vom Freistaat zu stark verminderten Pachtsummen als eine soziale Geste an Selbstversorger zur "Nahrungssicherung" vergeben. Da diese es aber offensichtlich nicht mehr nötig haben, selbst anzubauen, wäre es das Mindeste, dass ihre Freizeit/Wohnparzellen nicht mehr subventioniert werden und sie voll bezahlen. Abgesehen von der Abstellung solcher Privilegien wäre es wohl ohnehin besser, die alten Pläne einer Wohnbebauung wieder aufzugreifen, wenn im Dresdner Norden immer mehr Arbeitsplätze entstehen sollten.

  2. Karl Heinz

    #1 Drittetreppelinks. Ich glaube sie machen sich gerade sehr unbeliebt. Von "subventioniert" kann ja wohl nicht die Rede sein, wenn der Freistaat einfach mal die Füße ruhig hält und nicht nach jedem Euro grabscht den er bekommen kann.

  3. Fünftestuferechts

    Man sollte die Kleingärtner generell besser schützen und in Ruhe lassen. Lasst den Leuten doch ihre oft über Jahre geschaffenen Oasen. Pacht von 13 cent pro qm ist doch ok. Der Freistaat hat so schon genügend Einnahmen. Wir im Umland zahlen übrigens 5 cent pro qm. Und diese irrsinnigen Regeln mit 24qm Dachfläche (!) - die hat man ja so schnell erreicht. Die da oben sollen froh sein, daß es noch Leute gibt, die ihren Kindern im Garten Werte vermitteln und Natur erlebbar machen. Stattdessen wären der Stadt weitere häßliche Betonwüsten wohl viel lieber.

  4. omama8

    Auch ich bin im Vorstand eines Gartenvereins in Radeberg. Ich kenne den (aussichtslosen) Kampf bzw. Krampf mit den Pächtern, die geforderten Vorschriften einzuhalten. Der Vorstand ist sowieso immer der Doofe und die armen Pächter fühlen sich unverstanden. Um eben die Gemeinnützigkeit und damit einen günstigen Pachtzins nicht zu verlieren bedarf es nun mal gewisser Regeln. Wenn die (Neu)Pächter mal alle die Papiere durchlesen die sie bei Übernahme eines Gartens erhalten (haben) wären sie von vorn herein informiert wie der Hase läuft. Aber die Ignoranz unter den Leuten ist leider sehr groß. Es herrscht die Meinung "ich mach was ich will". Letztendlich bekommt man die Leute doch nur übers Geld zu fassen. Denn wer will schon ein Vielfaches mehr an Pacht bezahlen. Im Endeffekt schaden sich die Querulanten unter den Pächtern doch selbst. Nur das begreifen sie eben nicht.

  5. marko weissbach

    Das Bundeskleingartengesetz ist gar nicht das Problem, denn in diesem Gesetz selbst ist gar nicht so viel geregelt. Schwierig wird es erst durch die Regelungswut des Stadtverbandes. Ein Beispiel: Der Stadtverwand verlangt in seiner Satzungen für Dresden zum Beispiel Pflanzverbot für hochstämmige Obstbäume in Kleingärten. Wir haben einen Garten auf einer sandigen Weinbergslage im Wilden Mann und können uns im Sommer vor 16.oo Uhr kaum vor der Hitze retten, weil wir keine Beschattung pflanzen dürfen. Wir sollen doch statt der Bäume lieber eine Pergola bauen! Das wäre erlaubt... Unnötige Schikane der Kleingärtner, die niemand braucht. Und im Umland sind solche Regelungen zudem völlig unbekannt. Gemüse vertrocknet, weil voll besonnt und wir nicht jeden Tag gießen können. Die Kosten der Selbstversorgung sind dadurch letztlich höher, als wenn ich mir den BioKohlrabi im Supermarkt kaufe... Man wundert sich, dass in Dresden immer alles etwas komplizierter sein muss, als bei "Normalos"

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