erweiterte Suche
Dienstag, 17.04.2018

Dem Diesel geht die Puste aus

Käufer und Händler beklagen fehlende Entscheidungen der Politik. Profitieren könnte, wer jetzt gegen den Trend kauft.

Von Christian Eißner und Franz Werfel

5

Bild 1 von 2

Steffen Pietrczak verkauft Gebrauchtwagen bei der Firma Hammerschmidt in Freital-Zauckerode – den letzten Diesel im Dezember. Jetzt steht nur noch dieser T5 auf dem Hof.
Steffen Pietrczak verkauft Gebrauchtwagen bei der Firma Hammerschmidt in Freital-Zauckerode – den letzten Diesel im Dezember. Jetzt steht nur noch dieser T5 auf dem Hof.

© Karl-Ludwig-Oberthür

  • Steffen Pietrczak verkauft Gebrauchtwagen bei der Firma Hammerschmidt in Freital-Zauckerode – den letzten Diesel im Dezember. Jetzt steht nur noch dieser T5 auf dem Hof.
    Steffen Pietrczak verkauft Gebrauchtwagen bei der Firma Hammerschmidt in Freital-Zauckerode – den letzten Diesel im Dezember. Jetzt steht nur noch dieser T5 auf dem Hof.

Pirna. René Schulz hat zwei VW Passat auf seinem Hof stehen: Selbes Baujahr, gehobene Ausstattung, fast gleiche Laufleistung. Trotzdem bietet der Inhaber von Auto Schulz in Pirna den einen Passat 3 000 Euro günstiger an als den anderen. Der Grund: Es ist ein Diesel. „Früher hätte ich mehr für den Diesel verlangen können“, sagt der Gebrauchtwagenhändler. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Autokäufer schieben Dieselfrust.

Der Abgasskandal bei VW, drohende Fahrverbote in einzelnen Städten und vor allem eine Regierung, die das Diesel-Problem seit Monaten aussitzt – das alles rüttelt den Neu- und Gebrauchtwagenmarkt in der Region gehörig durcheinander. Vor allem die Tatsache, dass sich potenzielle Käufer auf nichts verlassen können.

Wird es Nachrüstungen für „schmutzige“ Diesel geben? Wer bezahlt die? Wo und in welcher Form drohen Fahrverbote? Kommt eine neue Umweltplakette und wenn ja, welches Auto bekommt sie? Alles unbeantwortete Fragen, weil Entscheidungen fehlen. Vor allem das belastet betroffene Autofahrer und Händler.

Der Automarkt im Landkreis verändert sich


„Bei uns ist das gesamte Diesel-Geschäft auf Null gefahren“, sagt Steffen Pietrczak, Verkäufer beim Gebrauchtwagenhändler Helmut Hammerschmidt in Freital-Zauckerode. Nach gebrauchten Diesel-Fahrzeugen würde nicht mehr gefragt, stattdessen wollten die meisten ihre Diesel jetzt loswerden. Die Kunden seien total verunsichert, so Pietrczak. Seinen letzten Diesel hat er im Dezember verkauft.

„Die Hysterie, die hier erzeugt wird, ist Wahnsinn“, bestätigt René Schulz in Pirna. „Ich verkaufe seit 21 Jahren Autos und habe schon einige unruhige Zeiten erlebt wie beim Börsencrash oder der Abwrackprämie.“ Aber das, was jetzt passiere, sei unbegreiflich. „Hersteller und Politik vernichten das Geld der Autofahrer.“ Er sieht das Problem vor allem bei der Bundesregierung. Da ein privater Autokauf immer eine Entscheidung für mehrere Jahre ist, brauche man Planbarkeit: „Nachrüstlösungen für die Abgasreinigung müssen endlich zugelassen werden, und ich habe auch nichts gegen eine neue Umweltplakette, welche Farbe auch immer die hat. Die Leute wüssten so wenigstens, woran sie sind.“

Verkäufer Steffen Pietrczak in Freital sieht das ähnlich. Die Unsicherheit in der Bevölkerung sei „politisch gemachte Unruhe“, sagt er. Pietrczak denkt nicht, dass es in unserer Region zu Fahrverboten kommt. Aber: „Mit seinem Auto will man doch flexibel sein. Wenn ich dann bestimmte Straßen in Stuttgart, Hamburg oder Berlin nicht nutzen kann, ist das doch Mist.“

Diese Gedanken der Autokäufer spiegeln sich in den Zulassungszahlen wider. Von 2014 bis Ende 2017 ist die Anzahl der Kraftfahrzeuge im Landkreis von 167 000 auf reichlich 175 000 gestiegen. Es gibt auch mehr Diesel, aber der Zuwachs in diesem Segment hat sich deutlich verlangsamt. Private Käufer kehren dem Diesel den Rücken, vor allem jenen Fahrzeugen mit schlechterer Abgasnorm als Euro 6. Das spüren auch die Vertragshändler. „Wir müssen Wertverluste bei Leasing-Rückläufern mit Euro-5-Norm verkraften“, bestätigt Sven Brust, Geschäftsführer des VW-Autohauses Pirna. Viele dieser Fahrzeuge werden ins Ausland verkauft, weil sie sich hierzulande nicht mehr absetzen lassen. Wie die freien Händler richtet auch Brust seinen Blick nach Berlin. „Das Thema muss endlich in den Hafen gefahren werden, damit die Verunsicherung ein Ende hat.“

Das sollten Diesel-Besitzer jetzt beachten

Das Problem: Wer heute einen Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 verkaufen möchte, kann dies nur mit großem finanziellen Verlust tun. Da es den Händlern ähnlich geht, nehmen einige solche Fahrzeuge zum Weiterverkauf schon gar nicht mehr an.

Händler René Schulz in Pirna rät Diesel-Besitzern, trotz aller Unsicherheit einen kühlen Kopf zu bewahren. „Die Politik kommt gar nicht umhin, gerade für die vielen Euro-5-Diesel eine Lösung zu finden“, ist er sich sicher. Wer also solch einen Diesel hat, sollte ihn lieber weiter fahren, statt ihn jetzt mit Verlust zu verkaufen.

In bestimmten Fällen kann es sich auch lohnen, vor Gericht zu gehen. Katja Henschler, Referatsleiterin Digitales und Mobilität bei der Verbraucherzentrale Sachsen, spürt nicht nur Verunsicherung, sondern auch Resignation angesichts des Diesel-Skandals. Sie rät betroffenen Diesel-Fahrern aber, sich aufzuraffen und rechtliche Möglichkeiten ins Auge zu fassen, auch wenn dies Kraft koste: „Nehmen Sie es nicht hin, um Ihr Geld gebracht zu werden!“ Besitzer von Diesel-Fahrzeugen mit der Abgasnorm Euro 5 haben nach wie vor die Möglichkeit, gegen den Hersteller zu klagen – mit momentan unsicheren Aussichten auf Erfolg. Wer bei einem Gerichtsverfahren kein Geld riskieren will, kann sich an Finanzdienstleister wenden. Diese bündeln die Fälle, eine Provision ist nur im Erfolgsfall zu zahlen.

Wer indes solch ein Auto über die Bank eines Herstellers finanziert hat – das gilt nicht nur im Fall von VW – kann möglicherweise aber auch den Darlehensvertrag widerrufen. Das Geschäft könnte dann rückabgewickelt werden. Dieser Weg, sagt Katja Henschler, habe gute Aussichten auf Erfolg. Die Verbraucherzentrale bietet Beratungen dazu an.

Darüber sollten Autokäufer jetzt nachdenken

Der Pirnaer Händler René Schulz rät: Wer ein Auto kaufen will, sollte einen modernen Diesel nicht von vornherein ausschließen – nur, weil das Risiko besteht, dass man vielleicht eine einzelne Straße in einer Großstadt an einem bestimmten Tag mal nicht befahren darf. Für Vielfahrer rechne sich ein Diesel nach wie vor, da Benziner gerade auf längeren, schnellen Etappen deutlich mehr Sprit schlucken und Elektro-Autos weit von einer echten Alltagstauglichkeit als Familienkutsche entfernt seien. VW-Autohauschef Sven Brust bestätigt diese Einschätzung. „Der Diesel wird schlechtgeredet, für viele lohnt er sich aber nach wie vor.“ Dass die modernsten Diesel von Fahrverboten betroffen sein werden, das hält auch die Expertin der Verbraucherzentrale für unwahrscheinlich.

Händler René Schulz hält auch – ganz gegen den Trend – Euro-5-Diesel für eine Überlegung wert, gerade für Autofahrer, die ohnehin kaum in Großstädten unterwegs sind. „Man macht ein Schnäppchen.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dieselautofahrer

    Wie schön das die SZ immer wieder in das Wespennest"Dieselautoverbot"stechen muss.Das hilft weder den Autofahrern noch den Händlern.Ich verstehe diese Panik sowieso nicht,hier geht es doch in erster Linie um einige Städte und nicht gleich Flächendeckend über D.?Und wie sieht es mit anderen Fabrikaten aus?Hier ist immer nur die Rede von VW?Wie sehen das die anderen Länder Europa und Weltweit?Christian Eißner und Franz Werfel-vielleicht könnt Ihr mal darüber Informieren?Wir warten auf Antwort.

  2. René

    Ich kann das Thema schon nicht mehr hören! Auch ich werde meinen Diesel-PKW Euro 5 bis zum bitteren Ende fahren. Der ist jetzt 3,5 Jahre alt, er ist sparsam und ein guter Begleiter auf langen Fahrten. Warum verkaufen mit hohen Verlusten und der Automobilindustrie das Geld wieder in den Rachen werfen. So ein Autokauf ist eine Entscheidung für mehrere Jahre, nicht jeder kann und will sich ständig ein neues Auto zulegen, nur damit irgendwelche Grenzwerte stimmen. Und solange die "alltagstauglichen" Alternativen 30000-70000 Euro kosten, wird sich da auch in den nächsten Jahren recht wenig tun.

  3. Dieselautofahrer

    @2 Rene,Nur nicht verrückt machen lassen.Es wird noch viel Wasser die Spree runterfliessen bevor es ein Dieselverbot gibt.Das ist alles nur Panikmachen. Denn bis jetzt beziehen sich die Debatten nur auf PKW,jedoch was ist mit den LKW,Bussen,Bahnen...? Was passiert mit den Ausgemusterten Fahrzeugen?Die wandern Richtung Osten oder Afrka und tuckern dort munter weiter. Und da ich ein eingefleischter Dieselfahrer bin wird mich so schnell kein anderes Fahrzeug begeistern. Ich kann mir auch schlecht vorstellen welchen Verbrauch ein Benziner mit selber Leistung im 40-Tonner haben soll?

  4. Visionär

    Ich habe heute früh mal die Sattelauflieger einer größeren deutschen Spedition gezählt beim Rauchen, 38 Stück. Wenn ich mir vorstelle, diese wären alle auf der A17 per eigener Achse bewegt worden ... nein, es geht auch per Bahn. Man muß nur wollen! Dabei darf man gern mal nachdenken, bei wievielen LKW die Abgasreinigung manipuliert ist um Adblue zu sparen. Jetzt bissel weiter gedacht, wieviel verbraucht ein LKW im Vergleich zu PKW an Diesel? Da wir alle schlaue Menschen sind denken wir narürlich auch daran, daß der Wind auch die Abgase von den um die Großstädte führenden Autobahnen in die bewußten Städte bläst/blasen kann... ICH BIN DIESELSAURUSREX, ICH ÜBERLEBE EUCH ALLE!

  5. Jörg

    @4Visionär. Die Sattelauflieger haben aber viel geraucht. Jeder Auflieger 38 Stück, oder alle zusammen? Waren die Auflieger überhaupt schon 16 Jahre alt? Man weiß es nicht. Sie haben mich erheitert. Danke.

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.