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Donnerstag, 10.05.2018

„Das vergesse ich nicht“

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiteten Gefangene in Stollen bei Strand. Eine Halbestädterin sah das damals täglich.

Von Katharina Klemm

Heute wohnt Hildegard Janzik bei ihrer Tochter in Königstein. Als Jugendliche lebte sie in Halbestadt und erinnert sich noch gut an die Gefangenen, die gegenüber im Steinbruch arbeiteten.
Heute wohnt Hildegard Janzik bei ihrer Tochter in Königstein. Als Jugendliche lebte sie in Halbestadt und erinnert sich noch gut an die Gefangenen, die gegenüber im Steinbruch arbeiteten.

© Daniel Schäfer

Königstein. Jeden Tag schleppten sich die Gefangenen aus ihrem Lager am Lilienstein zur Elbe. Mit einem Kahn wurden sie hinüber gefahren. Dort mussten sie nahe dem heutigen Struppener Ortsteil Strand Stollen in den Felsen treiben. Das war vor Ende des Zweiten Weltkriegs, 1944. Noch heute erinnert sich Hildegard Janzik daran. Sie las kürzlich vom Arbeitslager unterhalb der Festung in einem SZ-Artikel und teilte ihre Erinnerungen in einem Brief mit.

Sie lebte damals mit ihren Eltern am Rande von Halbestadt, direkt gegenüber den Stollen. „Tag und Nacht wurde gearbeitet“, sagt die heute 88-jährige. Ständig sei dieser Krach zu hören gewesen. „Und dann 1945 war es auf einmal ganz still.“ In den Stollen wollte das Naziregime eine bombensichere Fabrikanlage für Treibstoff einrichten. Doch bevor das Projekt mit dem Namen „Schwalbe II“ endgültig umgesetzt werden konnte, war der Krieg zu Ende. Die Stollen sind allerdings noch heute vorhanden.

Hildegard Janzik erinnert sich an die schwer arbeitenden und ausgemergelten Männer in ihren gestreiften Anzügen. Kontakt hatte sie nicht zu den Gefangenen. Das sei auch verboten gewesen. Eine Nachbarin, die weiter in Richtung Rathen wohnt, habe ihnen einmal heimlich Essen gegeben, erzählt sie. Auch vom Lager unterhalb der Festung Königstein kamen die Gefangenen, um in den Stollen zu schuften. Sprechen durften sie auf dem Weg dahin nicht, sagt Hannelore Bürgin, Hildegard Janziks Tochter. Erzählt hat ihr das eine Thürmsdorferin. Deren Oma hatte das erlebt und ihre Erinnerungen mit ihrer Enkelin geteilt. Die Gefangenentrupps mussten auch besonders zeitig und besonders spät hin- und zurückmarschieren, damit es keinen Kontakt mit der Bevölkerung gibt, so Bürgin.

Manchmal haben die Leute damals Brotstücken oder angebissene Äpfel hingeworfen. Sie mussten findig sein, damit es nicht so aussah, als würden sie den Gefangenen helfen. Auch Hildegard Janzik erinnert sich daran, wie schlecht es den Zwangsarbeitern ging. Sie hätten sogar Gras gerupft und gegessen. „All das hat mich sehr berührt“, sagt sie. Es sei sehr schlimm gewesen, was den Menschen damals angetan wurde, sagt Hildegard Janzik. „Das vergesse ich nicht.“