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Sonntag, 12.08.2018

Das Spielzeug von gestern

Weil er 1992 in Not geriet, begann Georg Brückner, auf dem Müll nach Verwertbarem zu suchen. Er barg die Reste der entsorgten DDR-Gesellschaft. Und wurde so zum Bewahrer vergangener Zeiten.

Von Peter Ufer

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Georg Brückner in seinem Lager. Neben Hunderten von Autos gehört zu seinen großen Schätzen ein Metallbaukasten eines Märklin-Krans aus den 1930er-Jahren.
Georg Brückner in seinem Lager. Neben Hunderten von Autos gehört zu seinen großen Schätzen ein Metallbaukasten eines Märklin-Krans aus den 1930er-Jahren.

© ronaldbonss.com

  • Georg Brückner in seinem Lager. Neben Hunderten von Autos gehört zu seinen großen Schätzen ein Metallbaukasten eines Märklin-Krans aus den 1930er-Jahren.
    Georg Brückner in seinem Lager. Neben Hunderten von Autos gehört zu seinen großen Schätzen ein Metallbaukasten eines Märklin-Krans aus den 1930er-Jahren.
  • Aus seinen Objekten schuf der Sammler Szenen in Kaufmannsläden wie hier in einer Bäckerei. Ausgestellt waren die Werke im Landschloss Zuschendorf.
    Aus seinen Objekten schuf der Sammler Szenen in Kaufmannsläden wie hier in einer Bäckerei. Ausgestellt waren die Werke im Landschloss Zuschendorf.
  • Zu den seltenen Stücken gehört ein sowjetisches Spielzeugauto aus Metall.
    Zu den seltenen Stücken gehört ein sowjetisches Spielzeugauto aus Metall.
  • Soldaten, Panzer und Fahrzeuge aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.
    Soldaten, Panzer und Fahrzeuge aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.
  • Hier schuf Brückner ein Sinnbild: Roboter vertreiben die Menschen aus der Fabrik.
    Hier schuf Brückner ein Sinnbild: Roboter vertreiben die Menschen aus der Fabrik.
  • In den Regalen stapelt Brückner die Kaufmannsläden mit inszenierten Situationen.
    In den Regalen stapelt Brückner die Kaufmannsläden mit inszenierten Situationen.

Vergessenes Spielzeug stapelt sich in seinen Regalen. Hunderte Autos, Flugzeuge, Kräne, Puppen, Loks, Bären, Pferde, Soldaten, Stabilbaukästen, Modelleisenbahnen, Karussells, Holzbausteine. Auf den Brettern liegt verstaubt Gestrandetes aus den Kinderzimmern der Umgebung. Eine Lagerhalle entsorgter Vergangenheit.

Georg Brückner läuft an den Regalen entlang. Er zeigt einen roten Laster mit Schwungrad, ein Tretauto aus Blech, ein Minidorf für Cowboys, eine Kugelbahn aus Holz. Er bittet, sich die Puppenstube mit klitzekleiner Sesselgarnitur, Gardinen vor den Fenstern und Porzellanservice auf dem Tisch anzusehen. Der 72-Jährige sagt: „Ich habe, ohne es zu planen, massenhaft Geschichte angehäuft.“ Dass er jetzt über ein Depot Alltagshistorie wie für ein Stadtmuseum verfügt, war nie sein Motiv, die Dinge zu suchen. Er sammelte all die Gegenstände zunächst aus Not. Er begann mit Schrott, Kupfer brachte ein paar Mark. Aber dabei blieb es nicht. „Einmal sah ich einen auf der Halde, der gezielt Mosaik-Hefte barg. Da begann ich, ganz bewusst nach Spielzeug zu suchen“, sagt Brückner.

Die Geschichte von Georg Brückner ist auch eine Geschichte über den Wert von alten Dingen. Über den Umgang mit Sachen aus Zeiten, die manche lieber vergessen würden. Und eine Geschichte über jemanden, der nach dem großen Bruch versucht, neue Wege zu gehen.

Ab 1992 stieg Georg Brückner jeden Tag, manchmal bis in den späten Abend, über Müllberge. Er kramte in Containern und im Sperrmüll nach etwas Verwertbarem, weil er von irgendetwas leben musste. Es gab Tage, da stand er neben schwer beladenen Lastern, die fabrikneue Produkte aus aufgelösten volkseigenen Betrieben abkippten. Er musste nur zugreifen. Keiner hielt ihn auf. Nicht allein Spielzeug landete auf der Halde, sondern Schallplattenspieler, Kassettenrekorder, Toaster, Staubsauger, Lampen, Uhren, Heizgeräte. Er lud auf, was die landesweite Haushaltsauflösung anbot. Er sah, wie sich DDR-Bürger von ihren vermeintlichen Altlasten trennten, wie die Bewohner freiwillig wegschmissen, was sie Jahre zuvor mühevoll erworben hatten.

Bewahren sozialistischer Konsumgüter galt den meisten nach 1990 als schwachsinnig. Ein Massenbegräbnis der eigenen Identität fand unter dem Jubel der Trauergäste statt. Georg Brückner nahm den Kram als eine Art Hinterbliebenenspende, obwohl er damals gar keine Zeit hatte, über solche Begriffe oder die Bedeutung der Ereignisse nachzudenken.

Er holte fleißig die Reste eines Besitzstandes zusammen, der anderen wertlos erschien und freiwillig ausgetauscht wurde gegen das Neue. Der Auswurf des deutschen Beitrittsgebietes diente ihm zur Rettung seiner Existenz. Brückner arbeitete das Gefundene auf, vervollständigte es, bot die Relikte von gestern auf Märkten an. Und er behielt, was er nicht losbekam. „Als es mit den Verkäufen gut lief, da habe ich auf Trödelmärkten auch Sachen erworben, die mir gefielen. Ich begann langsam, damit eine Sammlung anzulegen“, sagt er. Er holte sich zudem nachträglich das Spielzeug einer Kindheit zurück, die er selbst nie so erlebte. „Meine Eltern besaßen nach dem Krieg nicht genug Geld, um ihre Kinder so reichlich zu beschenken, wie das heute geschieht.“

Georg Brückner sagt auch, dass er Fehler gemacht hat. Oft kamen Trödelprofis aus der Wegwerfgesellschaft, die ihm seine Kisten schon bei der Ankunft auf dem Markt billig abkauften, weil sie wussten, dass Schätze manchmal Generationen brauchen, um wirklich welche zu werden. Außerdem fand er auf dem Müll nicht nur Waren aus der DDR, sondern auch vieles aus den 1920er- bis 1940er-Jahren oder aus anderen Ländern wie der UdSSR oder der CSSR. Altes Blechspielzeug zum Beispiel besaß einen Wert, von dem der Neuling noch nichts wusste. Dass holländische Profis alte Leiterwagen oder andere Scheunenfunde für horrende Preise bis in die USA exportierten, das ahnte Georg Brückner damals nicht einmal.

Geboren wurde der Sachse am 3. Oktober 1946. „Dass ich zum Feiertag der Deutschen Einheit meinen Geburtstag begehe, wirkt irgendwie schicksalhaft, sehr denkwürdig ist das für mich“, sagt er. In Rathmannsdorf mitten in der Sächsischen Schweiz wuchs er auf. Als er sechs Jahre alt war, zogen die Eltern mit ihm und den drei Geschwistern nach Leipzig. Der Vater, ein Drogist, hatte dort eine neue Arbeit beim Konsum bekommen. Von ihm erbte der Sohn das grafische Talent. Georg Brückner lernte nach der Berufsausbildung mit Abitur erst Dreher, studierte dann in den 1970er-Jahren an der Fachschule für angewandte Kunst in Schneeberg Holzgestalter, arbeitete zunächst als Modellbauer und lebte später als freier Künstler.

„Ich verfüge über kein gutes Gehör, bin ziemlich unmusikalisch“, sagt Georg Brückner. „Aber meine Augen sehen sehr gut und meine kindliche Fantasie blieb mir immer erhalten. Ob ich allerdings wirklich ein Künstler bin, damit hadere ich bis heute.“ In seiner Werkstatt drechselte er damals Holzleuchter, die in Volkskunst-Läden gut verkauft wurden. Vom Büro für architekturbezogene Kunst der DDR erhielt er bis 1990 ein bis zwei Aufträge im Jahr. Er gestaltete und baute Raumteiler und Wandinstallationen aus Holz für Gaststätten in der ganzen Republik, entwickelte und errichtete Spielplätze, stellte seine freien Werke auf den Kunstausstellungen der DDR in Leipzig und Dresden aus. Mitte der 1980er-Jahre holte er vom Leipziger Braunkohleabraum einen Baumstamm, der einem Kreuz glich. Er setzte einem leicht nach vorn stehenden Ast am Ende, wie auf Jesus Kopf die Dornenkrone, eine Sägekette auf und symbolisierte so das Sterben der Natur und die Umweltkatastrophe rund um die Messestadt.

Das Leben ging dennoch irgendwie seinen sozialistischen Gang. Georg Brückner hatte seine Nische gefunden, war jetzt verheiratet, ein Sohn kam auf die Welt, die Familie suchte einen Platz, wo sie gut wohnen und er mit einer großen Werkstatt samt Atelier arbeiten konnte. 1987 fand er unweit der Heimat seiner Kindheit einen Ort. Die Familie zog von Leipzig Richtung Sächsische Schweiz, nach Goes auf einen Bauernhof, den er nach und nach sanierte und wo er bis heute lebt und arbeitet.

„Meinen letzten Spielplatz baute ich 1989 in Pirna am Ernst-Thälmann-Platz, einen Elefanten aus Holz, auf dem Mädchen und Jungen rumkletterten.“ Der Kletterelefant verschwand 1991, weil er angeblich den DIN-Normen des vereinten Deutschlands nicht entsprach. Das bekümmerte den Holzgestalter, es ließ ihn nachdenken, was da auf ihn zukam. Das Nachdenken ließ ihn in seinem Künstlerdasein aufleben, er mischte sich fortan ein in die Debatten um die Übernahme des Landes, in dem er bisher seine Spielplätze gebaut hatte. Eine seiner Arbeiten hieß „Das Brüder- und Schwestern-Schnitzel“, ein Teller aus Holz wie man ihn aus Kirchen kennt, umrandet mit der Aufschrift: „Unser einig Vaterland gib uns heute“. Auf dem Teller ein Stück Fleisch mit dem Umrissen der DDR angerichtet, links und rechts Messer und Gabel.

Brückner gehörte zu jenen Künstlern, die im Frühjahr 1990 mit witzigen Ideen, Provokationen und grellem Dada-Jux ihr Unbehagen an Vereinigungstaumel und aufkommendem Nationalismus inszenierten. Im Juli 1990 berichtete das Zeit-Magazin über die Aktionen, ein Foto von Brückner inklusive, wie er das DDR-Schnitzel auf dem Präsentierteller um den Hals gehängt über den Dresdner Altmarkt schreitet. Der Autor des Artikels schrieb dazu: „Da protestierte wenige Tage vor der Wahl ein anonymer Schnitzer in der Dresdner Innenstadt mit einem geschnitzten Holzrelief (…) gegen Kunst-Kommerz und gegen die Privatisierung kommunaler Galerien.“

Mit den Dresdner Aktionskünstlern Richard Mansfeld und Holger Stark oder dem Bildhauer Thomas Reichstein stand der „anonyme Schnitzer“ Georg Brückner in einer Reihe jener Kulturarbeiter, die sich gegen einen neuen deutschen, vor allem übertriebenen Patriotismus und eine übergestülpte Ästhetik wehrten, mit der sie nichts anfangen konnten oder wollten. Brückner schuf 1989 eine Skulptur und nannte sie „Der kleine Unterschied“. Eine Ansammlung von Holzfiguren, die wie dicht aneinander gedrängte Kegel beieinanderstehen, sind umringt von Holzfiguren mit Helmen. Der Betrachter sieht Polizei als allmächtige Staatsmacht, die jene, die mit der Hand das Victory-Zeichen zeigen bedrängen und jene, die den Hitlergruß in den Himmel strecken beschützen. Brückner gestaltete einen Apfel aus Holz, schwarz, rot, gold bemalt. Aus seinem Inneren kriecht ein Wurm, der ein Hakenkreuz auf der Stirn trägt. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, zitiert er Bertolt Brecht.

1992 schuf Brückner zwei Sitzplastiken, Hand und Fuß, für eine Ausstellung in Remscheid. Die hieß „Gedanken in Holz“ und war eine Reflexion auf die Vereinigung. „Präsentiert wurden die Werke von der RWE-Energieberatung. Die wollten die große Hand-Plastik auch ankaufen“, sagt der Gestalter. „Aber sie verhandelten mit mir darüber wie über ein Stück Holz, nicht wie über Kunst.“ In dem Jahr verdiente er insgesamt 6 000 Mark und seine Frau meinte, dieser Verdienst würde künftig für den Unterhalt der Familie und des Hofes keinesfalls reichen. Aufträge von einem staatlich regulierten Kunstbetrieb gab es nicht mehr und die Ausschreibungen und Regularien, die jetzt nötig waren, um Aufträge zu bekommen, sahen sehr kompliziert aus. „Das war der Bruch für mich. Ich gab auf, von meiner Kunst konnte ich nicht mehr leben und beantragte Sozialhilfe, so etwas gab es damals noch“, sagt Brückner.

Zugleich stiefelte er los auf die Halden der Umgebung. In Cotta standen die Tore zu den Müllbergen noch offen, kein Zaun nirgends. Brückners Kunst bestand jetzt darin, der Erste zu sein. Denn auf dem Müll krabbelten noch andere herum. Er begann die Pläne der Müllentsorgung zu studieren, kannte die Routen von Bad Schandau über Pirna bis Heidenau. An einem Abend schaffte er mit dem Auto drei bis vier Dörfer. Der Sperrmüll der anderen offenbarte sich für ihn als Rohstoff eines Depots, dessen Ausmaße er erst viel später erkannte. Das Scheuneninnere seines Hofes nahm neue Formen an. Gut sortiert schichtete er Stück für Stück in die Regale. Brückner wälzte Bücher und Kataloge, um seine Kollektionen zu vervollständigen. „Ich habe aus fünf Stabilbaukästen einen wieder komplettiert, so als wäre er gerade im Geschäft gekauft worden“, sagt der Sammler. Für den Fundus legte er eine zeitliche Obergrenze fest, nichts nach 1990 kam hinein, zeitlich nach unten gab es kein Limit.

Und so konnte er zum Beispiel helfen, als kürzlich das Stadtmuseum Pirna Exponate für eine aktuelle Ausstellung über Pirna im Ersten Weltkrieg suchte. Kleine Soldaten aus Zinn oder aus Blei, Spielzeugpanzer und Kanonen. Alles da in Brückners Fundus. Und noch mehr. Denn kam er auf eine Idee, das Spielzeug zu ergänzen, baute er eigene Fantasiegestalten, bastelte Häuser, Tunnel, Landschaften, kleine Spielplätze für Puppen oder Bären. Er fand in dem Zurückgelassenen seine Kreativität wieder, errichtete sich seine eigene kleine Welt, die weit entfernt war von dem, was sich da gerade um ihn herum rasant veränderte.

Ab 1993 bekam Georg Brückner immer wieder eine ABM-Stelle, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, als Holzrestaurator im Landschloss Zuschendorf. Er sanierte dort Gebäude, Balken, Türen oder baute ein Fachwerkgebäude als Teehaus. Auf dem historischen Gelände gestaltete er 2002 dann seine erste Ausstellung für Spielzeuge, mit denen Kinder etwas bauen konnten. Weitere Ausstellungen.

Für seine Ausstellungen entwickelte Georg Brückner Szenen in Kaufmannsläden oder Puppenstuben. Er stellte Figuren nebeneinander, als wären sie in ein Gespräch vertieft. Einmal ging es auch um „Krieg und Frieden“. Seine Regale bewahren Kompanien aus drei deutschen Systemen zwischen Erstem Weltkrieg und Nationaler Volksarmee auf. Die Entsorgung des Kriegsgeräts aus den Kinderzimmern in den 1990er-Jahren glich einer Abrüstungsmaßnahme – wären die Figuren nicht zeitgleich digitalisiert in die Computer des Nachwuchses gewandert.

Seit Georg Brückner Rente bekommt, ließ sein Sammeltrieb etwas nach. „Wir fahren noch einmal im Monat nach Leipzig auf den Trödelmarkt, verbinden das mit Besuchen bei meiner Schwester“, sagt er. So viel sei nicht mehr zu holen und zu verkaufen schon gar nicht. Die extremste Zeit massenhafter Entsorgung erlebte er nach dem Hochwasser 2002. Doch da hatte sich das Motiv für den Rausschmiss längst geändert. Es sei nicht mehr darum gegangen, das Alte leichtfertig wegzuhauen. Diesmal verbanden sich mit vielen wasserertränkten Stücken Erinnerungen und Gefühle. Brückner fragte die Betroffenen, ob es in Ordnung sei, dass er sich etwas nehme,

Die Preise seien inzwischen gefallen, aber er könne warten und sein Sohn und die Enkel haben vielleicht mal mehr davon als er im Moment. Der Holzgestalter geht lieber in seine Werkstatt, formt sich Welten zusammen. Mit seinem neusten Werk wurde er für den „Kunstpreis Worpswede“ nominiert. Er baute die Stadt der Zukunft aus Metall. Den Rohstoff für die Skulptur sammelte er von Halden. Gerade setzt er aus Stabilbaukästen laufende Roboter zusammen, die eine Fabrik besetzen und die Menschen daraus verdrängen. Künstliche Intelligenz schickt seine biologischen Eltern auf den Müll. Vielleicht sammelt sie demnächst jemand von der Halde ein und lagert sie in Regalen. Vielleicht.

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