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Montag, 16.04.2018

Das Festival „Schild und Schwert“

Rund 1 000 Neonazis werden vom Freitag an nach Ostritz strömen. Die Kleinstadt an der sächsischen Grenze zu Polen wird Treffpunkt der Szene. Das sind die fünf wichtigsten Fragen und Antworten zu den Protagonisten des Rechtsextremen-Events.

Direkt an der Grenze zu Polen findet auf dem Grundstück des Hotels Neißeblick das Festival „Schild und Schwert“ statt.
Direkt an der Grenze zu Polen findet auf dem Grundstück des Hotels Neißeblick das Festival „Schild und Schwert“ statt.

© Ronald Bonß

Nur eine schmale Fußgängerbrücke führt vom Ostritzer Bahnhof, der auf polnischem Staatsgebiet liegt, über die Neiße hinüber nach Deutschland. Vom kommenden Freitag an bis zum Sonntag werden Massen über sie strömen: Besucher des Festivals „Schild und Schwert“, kurz: SS. Das Festival steht unter dem Motto „Reconquista Europa - Gegenkultur schaffen“ und beginnt am 20. April, Hitlers 129. Geburtstag. Rund 1 000 Rechtsextreme aus Deutschland, Polen und Tschechien wollen das feiern. Der sächsische Verfassungsschutz betont: „In Ostritz wird sich zeigen, ob sich im Richtungskampf des deutschen Rechtsextremismus die völkische Ideologie durchsetzen wird.“

Wer hat das Festival organisiert?

Der Thüringer NPD-Chef Thorsten Heise hat das Festival bereits am 21. November 2017 angemeldet. Am gleichen Tag wurde auch eine Facebook-Seite gestartet, die inzwischen mehr als 2 700 Leuten „gefällt“. Heise ist zudem stellvertretender Vorsitzender der Bundes-NPD. Neben dem 48-Jährigen fungiert laut Impressum der Website, auf der die Tickets für das Festival verkauft werden, Peter Richter als Organisator. Der ist Rechtsanwalt und Landesvorstand der NPD-Saar. Die Vertragspartnerin für die Online-Ticketbestellungen ist Heises Ehefrau Nadine. Als Versammlungsleiter in Ostritz ist der Kasseler Neonazi Harald Rödiger im Einsatz. Bereits in den vergangenen Jahren hatte er als Mitglied der Arischen Bruderschaft um Thorsten Heise regelmäßig Organisations- und Security-Aufgaben auf Veranstaltungen übernommen. Nach Informationen des sächsischen Innenministeriums arbeiten im Hintergrund zudem Mitglieder des im Jahr 2000 verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerks.

Welches Ziel verfolgt die NPD?

Das Festival dient offensichtlich der NPD-Finanzierung. Es ist offiziell als politische Veranstaltung mit rund 750 Teilnehmern angemeldet. Bis zum Dienstagnachmittag waren jedoch erst 711 Tickets verkauft. Dennoch könnte es mehr als 1 000 Besucher geben, denn ein ursprünglich am gleichen Wochenende angesetztes Rechtsrock-Festival unter dem Motto „Die Nacht der Identität“ in Breslau soll zugunsten des Festivals in Ostritz abgesagt worden sein.

Derartige Festivals sollen die Szene zusammenschweißen. Es werden Verbindungen geknüpft, neue Anhänger rekrutiert und Einnahmen generiert. Seit die NPD aus den Landesparlamenten geflogen ist, ist die Partei knapp bei Kasse und verliert zudem Mitglieder. Neben ihrem rechtsextremen Klientel wollen die Veranstalter auch Einheimische überzeugen. Auf der Website des „SS“-Festivals heißt es: „Wenn Sie beim Einlass sich als echte Ostritzer zu erkennen geben, sind sie spendenfrei unser Gast und können sich vor Ort selber ein Bild unseres politischen Wollens machen.“

In Sachsen hat sich die Anzahl der rechtsextremen Konzerte im Vergleich zum Vorjahr auf mindestens 46 verdoppelt. Ein großer Teil dieser Konzerte hat auch im Landkreis Görlitz stattgefunden. Bereits 2004 machte der Ort Mücka durch eine Neonazi-Großveranstaltung mit circa 4 000 Teilnehmern von sich reden. Im Sommer 2010 und 2011 organisierte der NPD-Verlag „Deutsche Stimme“ Großveranstaltungen mit bis zu 2 000 Teilnehmern in Quitzdorf am See. In den Jahren 2009 bis 2012 gab es in Rothenburg-Gehege mindestens 39 rechtsextreme Konzerte mit bis zu 1 300 Teilnehmern.

Welche Bands treten auf?

Wie das Kürzel „SS“ und der offensichtliche NPD-Hintergrund vermuten lassen, trifft sich bei dem Festival das „Who is who“ der rechtsextremen Musikszene. Bands, deren Alben auf dem Index stehen, treten ebenso auf wie Akteure, die zuvor bei mittlerweile verbotenen Gruppen gespielt haben oder Brieffreundschaften mit Beate Zschäpe pflegten. Hier eine Auswahl ...

Die Bands und ihre Hintergründe

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Bataillon 500 stammt aus Rostock. Obwohl die vier Rechtsrocker fast jährlich auf eine CD-Veröffentlichung blicken können, hat Bataillon 500 in den vergangenen Jahren nicht am Konzertgeschehen der Neonazi-Szene teilgenommen. Ihr Auftritt in Ostritz ist insofern als Comeback zu verstehen. Historisch betrachtet war das SS-Fallschirmjäger-Bataillon 500 die einzige Luftlandeeinheit der Waffen-SS. Es handelte sich um eine Sondereinheit im Kampf gegen Partisanen.

Die Lunikoff-Verschwörung ist der Künstlername des rechtsextremistischen Sängers Michael Regener. Der Berliner war ehemaliges Mitglied der 2003 als kriminelle Vereinigung verurteilten und inzwischen aufgelösten Neonazi-Band Landser.

Amok sind Rechtsrocker aus den Schweizer Kantonen Zürich, Aargau und Schwyz. Sie hatten hatten am 17. September 2005 ihren ersten erwähnenswerten Auftritt: Sie spielten an einem von einer Schweizer „Blood & Honour“-Sektion organisierten Anlass in Brig. Die Veranstaltung zu Ehren des 1993 verstorbenen Gründers von Blood & Honour, Ian Stuart Donaldson, sorgte für Wirbel, da sich ein Schweizer Fernsehreporter mit einer versteckten Kamera unter die 400 bis 500 anwesenden Naziskins gemischt hatte und die Szenen aus dem Innern des Events dann publik machte. Damit war die Musik des Quartetts, das bis dahin darauf bedacht war, seine gewaltverherrlichenden und rassistischen Texte möglichst szeneintern zu halten, erstmals öffentlich zu hören. Im Juni 2010 verurteilte das Amtsstatthalteramt Luzern die vier Bandmitglieder wegen Drohung, öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit sowie Rassendiskriminierung zu hohen Geldstrafen.

Im Februar 2015 publizierten sie ihre dritte CD, die auch in Deutschland erstmals legal erhältlich war und vom Thüringer Label Front Records vertrieben wurde. Diese CD brachte Amok eine erneute Klage ein: In einem ihrer Lieder wünscht sich die Band das dritte Reich zurück. Der Song war ein Cover eines bekannten Liedes der Rockband Tote Hosen, die umgehend eine Unterlassungsklage gegen Amok einreichte. Den letzten, publik gewordenen Auftritt hatte Amok am Rocktoberfest im Oktober 2016 in vor 5.000 Nazis aus ganz Europa in dem Schweizer Dorf Unterwasser.

Hinter Griffin steckt der kanadische Neonazi David Allan Surette, der inzwischen in Berlin lebt. Er spielt Balladen auf einem Dudelsack. Surette gründete 1992 in Kanada die Band Aryan, mit der er einen religiösen Rassismus besang, wie er auch vom Ku-Klux-Klan gepredigt wird. Nach vielen Konzerten in den USA und Kanada soll Surette 1996 einer Einladung aus Blood & Honour-Kreisen nach Berlin gefolgt und dort einschlägige Kontakte ins Milieu geknüpft haben.

Kategorie C stammt ebenfalls aus Bremen und ist so etwas wie eine Blood & Honour-Vorzeigeband. Ihre erste CD widmete sie den inhaftierten Nazis Christian Worch, Gottfried Küssel und Gerhard Lauck. 2001 veröffentlichte die Band eine Split-CD mit der russischen Naziband Kolovrat. Seit April 2017 ist Nahkampf nahezu identisch mit der Band Kategorie C. Frontmann ist deren Sänger Hannes Ostendorf. Nahkampf im Mai beim von der NPD-Eichsfeld organisierten Eichsfeldtag in Leinefelde, der Heimat von Schild-und-Schwert-Festival-Anmelder Thorsten Heise.

Nahkampf stammt aus Bremen und gilt als „Blood & Honour“-Vorzeigeband. Ihre erste CD widmete sie den inhaftierten Nazis Christian Worch, Gottfried Küssel und Gerhard Lauck. 2001 veröffentlichte die Band eine Split-CD mit der russischen Naziband Kolovrat. Seit April 2017 ist „Nahkampf“ nahezu identisch mit der Band Kategorie C. Frontmann ist deren Sänger Hannes Ostendorf aus Bremen. „Nahkampf“ spielte am 6. Mai 2017 beim von der NPD-Eichsfeld organisierten Eichsfeldtag in Leinefelde.

Oidoxie kommt aus Dortmund. Das Album „Schwarze Zukunft“ der 1995 gegründeten Band steht auf dem Index. Die Mitglieder sind dem Spektrum der Freien Kameradschaften zuzuordnen. Ein mutmaßliches Mitglied der Oidoxie Streetfighting Crew und enger Brieffreund von Beate Zschäpe wurde Anfang März 2016 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Düsseldorf angehört.

Sturmwehr Jens & Martin: Die Band stammt aus Gelsenkirchen. Sie ist eine der ältesten und bekanntesten Gruppen der Rechtsrock-Szene.

Welche Redner treten auf?

Bei „Schild und Schwert“ handelt es sich nur auf den ersten Blick um ein Musik-Festival. Spätestens wenn man die Liste der neben rechten Bands auftretenden Redner liest, wird klar, dass es sich um ein Propaganda-Treffen handelt. NPD-Europaparlamentarier Udo Voigt, Bundesvorstand Baldur Landogart, der rheinland-pfälzische NPD-Chef Markus Walter, der NPD-Bundesvorstand und Thüringer NPD-Chef Thorsten Heise, der Berliner NPD-Chef Uwe Meenen wollen zum Mikrofon greifen. Ebenso Ricarda Riefling vom Ring Nationaler Frauen, der NRW-Landesvorstand Michael Brück und sein Kollege Sascha Krolzig von der Partei Die Rechte, der Thüringer Neonazi Matthias Fiedler sowie der niedersächsische NPD-Landesvorstand Gianluca Bruno, der im Januar 2016 am Angriff auf den Leipziger Stadtteil Connewitz dabei gewesen sein soll.

Wie ist die NPD auf Ostritz gekommen?

Das Veranstaltungsareal des Hotels Neißeblick gehört seit 1993 der Fimpex GmbH. Dahinter verbirgt sich das Ehepaar Hans-Peter und Elvana Fischer. Fischer ist Kaufmann und wohnt im südhessischen Biblis. Der 69-Jährige besuchte Volks- und Handelsschule, machte eine Lehre als Maschinenschlosser, führte Schwertransporte für die Bundeswehr durch, war Außendienstler, Bezirksverkaufsleiter und selbstständiger Unternehmer. In seiner Heimat sitzt er im Bibliser Gemeinderat für die Freie Liste Bergstraße. Sie ist dort mit 31,4 Prozent zweitstärkste Fraktion. Er ist seit 2003 deren Vorsitzender.

Hans-Peter Fischer, Eigentümer des Hotels Neißeblick. Dort treffen sich die Rechtsextremen. Foto: Karl-Heinz Köppner

Fischer sympathisiert offen mit rechten politischen Strömungen. Im Mai 2016 nahm er an einer Pegida-Demo in Dresden teil. Auf Facebook ist Fischer mit dem mehrfach vorbestraften Holocaust-Leugner Günter Deckert befreundet. Er teilt Posts des Bautzener Neonazis Marco Wruck, der Soldiers of Odin-Division Baden-Württemberg Support, der Identitären Bewegung. Fischer gehörte nach eigenen Angaben mit 18 Jahren für kurze Zeit der NPD an, war bei der Wiking-Jugend und den Republikanern. Im Verfassungsschutzbericht 1999 des Landes Sachsen-Anhalt wird Fischer zitiert: „Eine Zusammenarbeit mit der NPD ist nicht nur sinnvoll, sondern überlebenswichtig.“

Im NPD-Parteimagazin „Deutsche Stimme“ warb das Hotel im April 2012 mit einer Anzeige unter dem Slogan „Probleme mit Raum- und Grundstücksanmietungen? Nicht bei uns!“: „30000 qm Grundstück, vier Festhallen á 500 qm, Gaststätte mit Saal bis 250 Personen, Hotelbereich mit 18 Zimmern, Gaststätte bis 50 Personen, Open-Air-Bühne mit befestigter Freifläche für 10000 Personen, hauseigene Tischlerei & Schlosserei (komplett eingerichtet). Geeignet für alle Klein- & Großveranstaltungen für 20 – 10000 Besucher. Idealer Ausgangspunkt für preiswerten Urlaub für Kleingruppen und Familien.“ Im Januar 2012 hielt die sächsische NPD dort ihren Parteitag ab. 2017 trafen sich etwa 150 Rechte zum „Ostsächsischen Familien- und Sportfest“. Bereits Ende der 1990er-Jahre hatten am „Neißeblick“ Vortragstage unter Federführung des mittlerweile verstorbenen Rechtsextremisten Jürgen Rieger stattgefunden.

Hartmut Ehrentraut (links im Bild) ist Verwalter des Hotels Neißeblick und schloss sich bereits 2012 dem Aufruf seines Chefs, Hans-Peter Fischer, zur Gründung einer Bürgerwehr an. Foto: Ronald Bonß

2012 gründete Fischer in Ostritz eine Opferwehr, ein „Zusammenschluss von Wutbürgern, alleingelassenen Opfern von Naturkatastrophen, Einbrüchen und himmelsschreienden Gerichtsurteilen“. Zuvor hatte es zahlreiche Einbrüche in seinem Hotel gegeben. Ende 2015 schlug Fischer das Hotels als Flüchtlingsunterkunft vor. Landkreis und Stadt lehnten ab, ebenso die in der Stadt starke katholische Kirche sowie das Internationale Begegnungszentrum im Kloster St. Marienthal.

Das „Schild und Schwert“-Festival soll nicht das einzige Treffen von Rechtsextremisten in Ostritz in diesem Jahr bleiben. Es gebe bereits Planungen für mindestens zwei weitere Veranstaltungen, sagt Fischer. Er sei zudem bereit, sein Hotel an NPD zu verkaufen. Fischer besitzt weitere Immobilien in Schöpstal und in seiner hessischen Heimat, darunter ein Motel. Derzeit baut er zudem ein neues Hotel. Seine Ehefrau Elena betreibt das Spielpavillon „Monte Carlo“ sowie eine Gaststätte in Bensheim.

Mehr Informationen, Hintergründe und Fakten zum Thema finden Sie in unserem Dossier „Ostritz im Fokus“.