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Montag, 13.09.2010

Chance auf eine glückliche Kindheit

In Sachsen wurden letztes Jahr 209 Kinder adoptiert. Die Zahl der Bewerber liegt derzeit bei 306.

Von Carola Lauterbach

Wer diese vier erlebt, denkt automatisch: was für eine tolle Familie. Ein sympathisches Paar. Zwei süße Kinder – großer Bruder, kleine Schwester. Vor fünf Jahren hätten die Frau und der Mann das alles selbst noch nicht für möglich gehalten. Ihnen war es nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Ihre beiden Kleinen haben sie adoptiert.

Zuvor haben sie sich einem aufwendigen Eignungstest unterzogen. Sie haben Behörden Gesundheitsatteste vorgelegt und polizeiliche Führungszeugnisse. Auch ihre Wohn- und finanziellen Verhältnisse ließen sie durchleuchten. Erklärten, welchen Erziehungsstil sie bevorzugen würden. „Aber das war keine Belastung für uns“, sagen die beiden. Sie wüssten doch, dass die Leute vom Amt das zum Wohle der Kinder tun, das brauche Fingerspitzengefühl. Schließlich sollen die Kinder doch die Chance bekommen – für eine glückliche Kindheit und für ihr späteres Leben.

Das Glück der einen…

Das Paar hatte das Glück, kurz hintereinander zwei relativ kleine Kinder adoptieren zu können. Diesen Umstand, vor allem aber diese Kinder empfindet es als das Allerbeste, was ihnen passieren konnte. Dass sie heute eine glückliche Familie sind, lässt das Paar dankbar sein und nicht vergessen, dass ihr größtes Glück vermutlich das größte Leid anderer Eltern ist: Diese konnten ihren Kindern offenbar nicht das geben, was sie gebraucht hätten, um gut aufzuwachsen. Sie gaben sie deshalb zur Adoption frei.

In Sachsen wurden im vergangenen Jahr 106 Jungen und 103 Mädchen adoptiert, sieben Kinder mehr als 2008. Der Freistaat weicht damit deutlich vom Bundestrend ab. Der besagt, dass die Zahl der Adoptionen mit 3888 vergangenes Jahr den Rekordtiefstand erreicht hatte.

120 der im vergangenen Jahr in Sachsen adoptierten Kinder waren laut Statistischem Landesamt jünger als sechs Jahre, 43 waren zwölf Jahre und älter. Knapp die Hälfte der Mädchen und Jungen wurden von Stiefmutter oder -vater angenommen. In zwei Fällen nahmen Verwandte die Kinder bei sich auf. Und 107 Kinder kamen zu Adoptiveltern. Auch Alleinstehende sowie gleichgeschlechtliche Partner sollen in Sachsen Kinder zur Adoption vermittelt bekommen haben. Zahlen sind dem Landesjugendamt nicht bekannt. Laut Statistik wurden im letzten Jahr in Sachsen 17ausländische Kinder adoptiert.

285 Mädchen und Jungen befanden sich im letzten Jahr in sogenannter Adoptionspflege, einer Probezeit für die Kinder und die potenziellen Eltern. Weitere 306 Bewerbungen lagen den Adoptionsvermittlungsstellen für 108 „zur Adoption vorgemerkte“ Kinder vor. Laut Landesjugendamt als zentrale Adoptionsvermittlungsstelle gibt es somit in Sachsen im Schnitt drei Bewerber für ein Kind. Bundesweit liege dieses Verhältnis seit Jahren bei zehn zu eins.

Über zahlenmäßig besseres oder schlechteres Verhältnis will man im Sozialministerium nicht sprechen. Die Frage beantworte sich vom Kind aus. „Das Ziel jeder Adoptionsvermittlung ist“, sagt Ministerin Christine Clauß (CDU), „für Kinder geeignete Familien zu finden und nicht, für kinderlose Paare die ,passenden’ Kinder zu suchen.“ Daher sei eine Auswahl von Bewerbern einfach erforderlich.

Echtes Eltern-Kind-Verhältnis

Eine Höchstaltersgrenze kennt das deutsche Adoptionsrecht nicht. Wichtig sei, dass ein echtes Eltern-Kind-Verhältnis entstehen kann. Natürlich lasse das Lebensalter aber auch Rückschlüsse zu – etwa auf Lebenserfahrung, Belastbarkeit und Flexibilität. „Das zu beachten, ist deshalb von so großer Bedeutung“, so Clauß, „weil die Kinder, die teils schon traumatische Lebenserfahrungen machen mussten, ein besonders hohes Maß an Zuwendung brauchen.“ Auch Jahre nach dem juristischen Akt der Adoption brauchten die Kinder Eltern, die auch in schwierigen Phasen nicht sofort an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gerieten.

Die junge Familie genießt es, eine Familie zu sein. Sie erlebt Höhen und Tiefen. Das Paar sagt, es vergisst vor allem dies nicht: dass ihre Kinder bereits einen teils schweren „Rucksack“ auf ihrem Rücken trugen, als sie zu ihnen kamen. Und dass sie einen Anspruch haben, ganz normale Kinder zu sein.