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Mittwoch, 02.09.2015

Biedenkopf verlässt Meissen-Aufsichtsrat

Das Ausscheiden des früheren sächsischen Ministerpräsidenten löst unterschiedliche Reaktionen aus.

Von Peter Anderson

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Rückzug nach 24 Jahren: Kurt Biedenkopf ist nicht mehr Vorsitzender des Aufsichtsrates der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen.
Rückzug nach 24 Jahren: Kurt Biedenkopf ist nicht mehr Vorsitzender des Aufsichtsrates der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen.

© Matthias Rietschel

Dresden/Meißen. Wenige Worte können viel sagen. Sachsens Finanzminister Georg Unland (CDU) habe sich mit Meissen-Aufsichtsratschef Kurt Biedenkopf und dessen Stellvertreter Franz Ritter „über die Porzellan-Manufaktur ausgetauscht“, hieß es gestern aus dem Ministerium. In der Folge würden der Ex-Ministerpräsident des Freistaats und der Heidenauer Unternehmer Ritter den Aufsichtsrat verlassen. Ausführlicher werde man nicht Stellung nehmen, so Sprecher Stephan Gößl.

Ähnlich bedeckt hielt sich der Aufsichtsratsvorsitzende. Biedenkopf werde sich in den nächsten Tagen der Presse gegenüber zu diesem Thema äußern, teilte seine Kanzlei gestern mit. Der stellvertretende Aufsichtsratschef Franz Ritter sagte, es habe keine gemeinsame Aufsichtsratssitzung gegeben. Stattdessen seien er und Biedenkopf in Einzelgesprächen verabschiedet worden. „Der Minister hat mich gefragt, ob ich einem Wechsel im Aufsichtsrat entgegenstehen würde“, so Ritter. Den Grund für die Frage habe er allerdings nicht erfahren. Nach über 20 Jahren im Aufsichtsrat wollte der im Rentenalter stehende Heidenauer eine Verjüngung des Aufsichtsrates eigenen Angaben zufolge nicht blockieren.

Ritter betonte, wie Biedenkopf zum Ausbau der Meissener Produktpalette und der Internationalisierung zu stehen. „Dazu braucht das Unternehmen einen langen Atem, und das heißt Geld“, so Ritter.

In solchen Forderungen dürfte ein Knackpunkt für den Bruch zwischen Ministerium und Aufsichtsratschefs bestehen. Das von Biedenkopf und Ex-Geschäftsführer Christian Kurtzke vorangetriebene Aufweiten der Porzellan-Marke für Kleider und Möbel hat bislang rund 30 Millionen Euro Steuermittel gekostet. Finanzminister Unland hingegen betonte, die Manufaktur müsse stärker ihr Kerngeschäft Porzellan pflegen. Mithilfe des neuen Geschäftsführers Tillmann Blaschke setzte Unland in dem Betrieb einen radikalen Sparkurs durch. 90 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

In der Stadt Meißen löste die Nachricht vom Ausscheiden Biedenkopfs unterschiedliche Reaktionen aus. Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) lobte den Ex-Aufsichtsratschef dafür, nach der Wende verhindert zu haben, dass die Manufaktur privatisiert wurde. Kritik übte für die Bürgerinitiative „Manufaktur in Gefahr“ der frühere Manufaktur-Generaldirektor Reinhard Fichte. „Der Name Meissen steht für Porzellan, nicht für Schneiderei. Das hat Biedenkopf nicht gesehen“, so Fichte.

Laut Finanzministerium sollen in Kürze neue Aufsichtsratsmitglieder bestellt werden. Diese würden dann „aus ihrer Mitte“ einen neuen Vorsitzenden wählen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 22 Kommentare

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  1. Martin H.

    Gut, dass Biedenkopf und Konsorten gehen. Die Personalie Kurtzke und die letzten Jahresergebnisse waren kein Ruhmesblatt. Die Frage nach der Schadenshaftung für die Millionenverluste wird wahrscheinlich nach schlechter sächsischer Tradition unter den Teppich gekehrt. Die Sachsen LB lässt grüßen. Frei nach dem Motto: der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. Wichtig wäre jetzt, dass keine politischen Aufsichtsräte installiert werden, sondern Leute die Ahnung haben. Viel Hoffnung habe ich leider nicht. 25 Jahre Erfahrung mit schwarzem Filz in Sachsen lassen nichts Gutes erwarten.

  2. eineEinschätzung

    Ich befürchte, dass die Porzellan-Manufaktur in Meißen sich nicht gut genug bei den Chinesen und Amerikanern einen Namen gemacht hat. Das Image auch in Deutschland dürfte etwas antiquiert sein. Um neue Sammlergenerationen zu begeistern, müssten neue Stile kreiert werden und die Klassiker eine handwerklich ebenbürtig anspruchsvolle Wiederbelebung mit eigenen aktuellen ästhetischen Accessoires erfahren. Wie viele sächsische Firmen leidet auch die Porzellan-Manufaktur an Innovationsscheue und Fantasiemangel, weshalb sie gnadenlos ins Hintertreffen gerät, zumal die Fälscher gut mithalten können. Die hatten lange genug Zeit zum üben. Das Management war zu wenig ermutigend, zu wenig befreiend.

  3. Hans K.

    "Als man dies im Dorf erfuhr, war von Trauer keine Spur." Wilhelm Busch in "Max und Moritz"

  4. kein BILD-Leser

    @Hans K.: Manch Zeitgenossen, gar nicht träge, Sägten heimlich mit der Säge, Ritzeratze! voller Tücke, In sein Stuhlbein eine Lücke. Doch der König mit Bedacht, Hat sich schnell aus dem Staub gemacht.

  5. Bedauerer

    Arme Ingrid Biedenkopf! Muss sie jetzt etwa ihr Meissner Porzellan selbst kaufen? Übrigens wer kommt für die millionenschweren Fehlentscheidungen der zurück getretenen Herren auf?? Der Steuerzahler!!!

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