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Donnerstag, 04.01.2018

Bahn unter Schwachstrom

Der Freistaat ist bei der Elektrifizierung trauriger Drittletzter im Vergleich der Bundesländer. Der Ruf nach einem Sonderprogramm wird lauter.

Von Michael Rothe

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© Symbolfoto: dpa/Uwe Anspach

Wie sagte Lenin kurz nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“. 100 Jahre später steht in Ostdeutschland der Kommunismus zwar nicht mehr auf der Tagesordnung, aber ähnlich der Gesellschaftsordnung erscheint derzeit in Sachsen auch die Elektrifizierung der Bahn als Utopie.

Laut Statistischem Bundesamt stehen im Freistaat nur 1 052 von 2 538 Kilometern Strecke unter Strom. Mit einem Anteil von 41 Prozent ist Sachsen im Ländervergleich Drittletzter. Lediglich Thüringen und Schleswig-Holstein stehen schlechter da. Spitzenwerte weisen die Stadtstaaten mit Werten jenseits der 80, 90 Prozent auf, gefolgt vom Saarland und Hessen.

Die Bundesstatistiker erheben die Zahlen nur alle fünf Jahre. Anders als etwa in Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo seit 2015 gut 100 beziehungsweise 66 Kilometer ans Netz gingen, ist nach Angaben eines Bahnsprechers in Sachsen nicht viel passiert. Ausnahme: Die Neubautrasse von Knappenrode über Horka zur polnischen Grenze, die dem Güterverkehr dienen und Ende 2018 fertig sein soll.

Mit einem Elektrifizierungsanteil von 60 Prozent ist Deutschland im europäischen Vergleich Mittelmaß. Spanien, Polen, Österreich, Italien, Schweden, die Niederlande und Belgien sind viel weiter als der selbst ernannte Energiewender. Ganz zu schweigen vom Primus Schweiz: 100 Prozent, Kommunismus auf der Schiene.

Deutschland habe etliche Hausaufgaben nicht gemacht, kritisiert Dirk Flege, Chef der Allianz pro Schiene. Sein Verband fordert von der neuen Bundesregierung ein „Sonderprogramm Elektrifizierung“ und bis 2025 eine Quote von 70 Prozent. Das sei auch Konsens in der Verkehrsministerkonferenz der Länder, heißt es. Der Bundesverkehrswegeplan, Bibel für alle Bauprojekte, enthalte gute Projekte. Ausstehende Bewertungen, Finanzierung und Bau müssten nun vorangetrieben werden.

Kein Fahrdraht, kein Fernverkehr


Der Bund habe viele Elektrifizierungsprojekte der Länder für den Bundesverkehrswegeplan mit der Begründung abgelehnt, sie seien Nahverkehr und Ländersache. „Während der Bund 500 Ortsumgehungen im Bundesstraßennetz großzügig finanziert, wird beim Ausbau des Schienennetzes seit Jahren geknausert“, moniert Flege.

Auch die Bahn wünscht sich größere Anstrengungen zur Elektrifizierung – „natürlich nur dort, wo es sinnvoll und wirtschaftlich darstellbar ist“, sagt ein Sprecher. Bei Abschnitten ohne Strom setze der Konzern stärker auf alternative Antriebe.


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„Der Zusammenhang ist einfach: kein Fahrdraht, kein Fernverkehr“, bringt es der sächsische Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) auf den Punkt. Dass Städte jenseits von Leipzig schlecht oder nicht an den Fernverkehr angebunden sind, liege wesentlich an der fehlenden Elektrifizierung wichtiger Strecken. Prestigeprojekte wie die ICE-Neubautrasse Berlin–Leipzig–Erfurt in Richtung München und der Neubau Dresden–Prag hätten höhere Priorität. „Weniger spektakuläre Projekte fallen da hinten runter.“ Der Verkehrsexperte nennt es „ein Armutszeugnis für die sächsische Staatsregierung, dass es für Chemnitz–Leipzig, Dresden–Görlitz und Görlitz–Cottbus nicht mal eine fertige Planung für die Elektrifizierung gibt“. Schwarze-Peter-Spiele zwischen Land und Bund würden nicht weiterhelfen. Auch er plädiert für ein Sonderprogramm. Von einer Elektrifizierung profitieren auch Regional- und Güterverkehr. Unter Fahrtdraht zu fahren, ist günstiger als Diesel zu verbrennen. Mit Elektrotraktion können die Güterbahnen längere Züge mit mehr Masse auf die Schiene bringen.

Carsten Schulze-Griesbach vom gemeinnützigen Fahrgastverband Pro Bahn sieht es differenzierter. „Elektrifizierung ist schön, doch nicht so notwendig wie gedacht, wenn es obendrein an Pflichten hapert“, sagt der Referent für den Raum Halle-Leipzig. Sie sei nötig bei S-Bahnen wie in Dresden, die im dichten Takt hohe Beschleunigung brauchen. Auch im Hochgeschwindigkeits- und schwerem Güterverkehr stehe sie außer Frage, so Schulze. „Alles andere kann, muss aber nicht“. Die Technik koste viel Geld und mache den Bahnbetrieb noch teurer.

Strom für Chemnitz–Leipzig unnütz

„Würde man Leipzig–Grimma für die S-Bahn elektrifizieren, ist der Rest der Strecke bis Döbeln sofort tot“, sagt er. Chemnitz–Leipzig werde gern hochgejubelt, sei aber „bei Lichte betrachtet unnütz“. Fernverkehr würde nur als Wurmfortsatz hinter Leipzig dienen, „das rentiert sich nie“, so der Referent. Für Dresden–Görlitz, nur als Nahverkehr eingestuft, sei Elektrifizierung schön, aber technisch unnötig, und es brauche „geschicktes Schönreden“. Im eigenen Verband gibt es Widerspruch. Vizeregionalchefin Anja Schmotz drängt zur Eile. Polen schließe seine letzte Elektrifizierungslücke 2019, sodass von Breslau (Wroclaw) bis zur Grenze elektrisch gefahren werden könne. Dann werde es zunächst keine umsteigefreien Verbindungen mehr nach Dresden geben, weil Dieselfahrzeuge auf der Gesamtstrecke umweltunfreundlicher und für Betreiber teurer seien als Elektrotriebwagen. Sie fordert eine rasche Entscheidung des Bundes für die nächste Planungsstufe. Ansonsten müsse das Land mit Geld einspringen.

„Uns ist es wichtig, die Engpässe und Lücken im Schienennetz zu beseitigen“, sagt Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) zur SZ. Sowohl im Fern- als auch im Nahverkehr der Bahn benötige Sachsen eine bessere Anbindung. Der Freistaat gehe auch bei der Elektrifizierung finanziell in Vorleistung und übernehme Planungsaufgaben, um den Bau zu beschleunigen. Sachsen erwarte vom Bund im Gegenzug endlich eine positive Entscheidung für seine zum Bundesverkehrswegeplan angemeldeten Schienenprojekte: die Elektrifizierung der Strecken Chemnitz–Leipzig, Dresden–Görlitz und Cottbus–Görlitz. Dulig: „Der Bund steht in der Pflicht, die Fehler der 90er-Jahre wiedergutzumachen, als Sachsen – vor allem das Erzgebirge und die Lausitz – vom Bahn-Fernverkehr weitestgehend abgekoppelt wurde.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 34 Kommentare

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  1. KontraproduktiveKonzepte!!

    Herr Dulig sollte endlich den Posten des Verkehrs-und Wirtschaftsministers räumen! Wenn Dulig in Anbetracht der kritischen Lage der Lausitz (Siemens,Bombardier, WBN und die dazugehörigen Zulieferbetriebe) seine undurchdachte Elektrifizierungskonzepte durchdrückt, seine Wessi-Ossi-Gerüchte streut, dann ist er wirklich nicht mehr haltbar! Herr Kretschmar hat sich mehr für die Lausitz engagiert, als Hr. Dulig. Die Elektrifizierung der Ostbahnen ist schlecht: 1.) Die Konkurrenz der Bahnbetreiber aus dem Ausland würde der gefährdeten Wirtschaft der Lausitz noch mehr zusetzen! Die Bahnenwartung würde dann tendenziell auch eher ins Ausland verlegt! 2.) Die geringe Siedlungsdichte der Lausitz rechtfertigt diesen Aufwand in keinster Weise. 3.) Der Stromverbrauch und die Vorhaltenotwendigkeit für Strom wäre riesig und würde den notwendigen Strukturwandel im Bereich Braunkohle gefährden! Braunkohle hat keine Zukunft, Wir brauchen Neues! 4.)Rohstoffverschwendung

  2. KontraproduktiveKonzepte!!

    5.) Ein hoher Strombedarf macht die Ansiedlung von Atomkraftwerken in Polen wahrscheinlicher! Die Lausitz sollte vorrangig für die Lebensmittelproduktion gesund erhalten werden! 6.)Bei Unwettern, Terroranschlägen,Kriegen, Energieengpässen sind mit Strom betriebene Strecken dauerhaft viel ausfallgefährdeter. 7.)Sachsen ist natürlich nicht vom Fernverkehr abgehängt. Das ist purer Unsinn. Und es ist den Passagieren zuzumuten in Polen(bspw. Breslau,Brno) umzusteigen. Polen/Tschechien sind hochziviliserte Länder, die sicherlich auch eine gute Ausschilderung für Deutsche/Englischkundige hinbekommen. Außerdem gibt es Universalloks, die sowohl über einen Diesel, als auch einen Elektroantrieb verfügen. Es ist schon seit langem möglich, mit einer Lok durchgängig durch Deutschland und bspw. Polen/Tschechien etc zu fahren. Das könnte auch Herr Dulig wissen, wenn er sich sachkundig informieren würde!!!! Dieses Projekt ist also völliger Geldrausschmiss!

  3. KontraproduktiveKonzepte!!

    8.) Sachsen braucht e. exklusive Ost-West-Güterzugstrecke eventuell auch Nord-Süd-Güterzugstrecke im DIESELBETRIEB, weil hierbei die Ausfallsicherheit am höhsten ist u. d. Kosten-Nutzen-Aufwand, als auch d. Umweltverträglichkeit am besten u. d. logistische Komplexität am geringsten ist! Auf der Karte fehlen leider die bereits stillgelegten aber für Schwerlastverkehr geeignete Gleise, deshalb ist ein vollständiges Lagebild nicht gegeben! 9.) Nehmen Sie alle Autobahnneubau-und ausbauprojekte zurück! Veranlassen Sie lieber den Doppelstockzugbetrieb von Sachsen zum Flughafen nach Prag, um die Wertschöpfung in Sachsen endlich einmal zu stimulieren! Setzen Sie sich mit den Bahnbetreibern zusammen und mit der Aufbau-/Entwicklungshilfe und begünstigen sie die Umrüstung guter Gebrauchter Personenzugwaggons für den Export in Schwellenländer bei geförderten Neukauf aus einheimischer Produktion. Der Schwerlastverkehr ausländischer Speditionen auf den Autobahnen schadet d. unserer CO2-Bilanz.

  4. KontraproduktiveKonzepte!!

    10.) Wir brauchen das Geld zur Ansiedlung von Gewerbe, für Renaturierung, für die Akademisierung und Professionalisierung in verschiedenen Berufen, für eine Filmindustrie in der Lausitz, für die Ansieldung bedrohter Arten, für die Kinder und für die armen Alten usw. . Zu Weihnachten bedurften viele Rentner Spenden der Tafel. Dulig sollte unbedingt in den Bereich Sozialwissenschaften umbesetzt werden, um die Konsequenzen schlechter Wirtschaftspolitik und Erweckung von Ressentiments besser erleben zu können. Ich fände es auch gut, wenn bspw. Boxberg für eine Expo sich bewerben würde, um Investoren und Gestalter anzulocken.

  5. Sachsen Radar

    Sachsen hat von Ost nach West die größte Ausdehnung. Von Görlitz nach Plauen sind es ca. 250 km. die Nord-Süd Ausdehnung ist deutlich geringer, außer der Nordausbuchtung Torgau-Leipzig. Aber selbst dort werden nicht mehr als 100 km erreicht. Die Bevölkerungsverteilung sieht ähnlich aus. Auf der Ost-West-Achse (Ex-Regierungsbezirke C, DD) leben ca. 3.1 Mio. Sachsen. Im ehemaligen Reg.bezirk Leipzig 1 Mio. Wer hat nun die beste und einzige echte ICE Verbindung. Richtig der kleinste Reg.bezirk: Leipzig. Sachsen wird nur im Nordwesten bei Leipzig von einer ICE Verbindung gestreift. Die erfährt eine verschämte Verlängerung bis DD. Fazit 3,1 Mio. Sachsen haben keine leistungsfähige ICE-Anbindung. Zusätzlich hat Sachsen keine ICE Verbindung nach Tschechien und Polen. ALLE Westländer und Südländer der BRD haben leistungsfähige ICE Verbindungen in die Nachbarländer. ICE und Bahnstrecken sind die Schlagadern der Wirtschaft. Sachsen hat nur ein Rinnsal. So geht jede Wirtschaft kaputt.

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