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Samstag, 21.10.2017

Sterbenskrank – und trotzdem daheim

Brückenteams ermöglichen eine Versorgung zu Hause. Allerdings reicht das Angebot in Sachsen nicht für alle.

Von Gabriele Fleischer

Ein Händedruck, aufmunternde Worte: Roland Steiner aus Dresden hat Speiseröhrenkrebs. Heilen kann ihn Dr. Susanne Heller vom Brückenteam des Uniklinikums Dresden zwar nicht, aber körperliche und seelische Leiden lindern.
Ein Händedruck, aufmunternde Worte: Roland Steiner aus Dresden hat Speiseröhrenkrebs. Heilen kann ihn Dr. Susanne Heller vom Brückenteam des Uniklinikums Dresden zwar nicht, aber körperliche und seelische Leiden lindern.

© Ronald Bonß

Roland Steiner ist krank, sehr krank. Der Dresdner leidet seit vergangenem Jahr an Speiseröhrenkrebs – und lebt trotzdem allein. Vor die Tür kommt er nicht mehr, weil seine Kraft nachgelassen hat und ihm ein Bypass im Bein zu schaffen macht. Vor einem Jahr wog der 79-Jährige 67 Kilo, jetzt sind es 55. „Es sind vor allem die Muskeln, die schwinden. Aber im Kopf bin ich noch klar“, sagt Steiner. Er weiß, dass er unheilbar krank ist, aber medizinische Hilfe und Pflege kann ihm die verbleibende Zeit lebenswerter machen. Und er kann bis zum Tod zu Hause bleiben. Laut einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands will das jeder zweite Deutsche. Aber möglich ist es nur wenigen.

Immer wenn Steiner ärztliche Hilfe braucht, ruft er das Brückenteam des Uniklinikums Dresden an. Das sind Palliativärzte, Schwestern, Pfleger, die mit ihrer Arbeit tatsächlich eine Brücke, eine enge Verbindung zu den Patienten schaffen wollen. Mit Infusionen, Tropfen und Tabletten helfen sie, körperliche Schmerzen, mit Gesprächen, Berührungen und tröstenden Worten seelische Schmerzen zu lindern. „Dabei geht es nicht mehr um Heilen, sondern um das bestmögliche Leben mit der Krankheit“, sagt Dr. Susanne Heller. „Auch wenn wir nicht alle Leiden nehmen können, verbessern wir die Lebensqualität.“

Die Ärztin leitet das Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung am Uniklinikum Dresden. Neben ihr sind dort zwei weitere Ärzte in Teilzeit hauptamtlich tätig, vier weitere in Rufbereitschaft und fünf Schwestern. Sie wurden an der Palliativ-Akademie des St. Joseph-Stifts in Dresden ausgebildet. Manchmal werden für Gespräche mit den Patienten Seelsorger hinzugezogen. Zwei Sozialarbeiter, die bei Anträgen und Vermittlung helfen, komplettieren das Team. Sie werden von der Uniklinik bezahlt. Geld von der Krankenkasse gibt es für ihren Einsatz nicht. Denn die Kassen zahlen eine Pauschale pro Patient, die nicht kostendeckend sei. Heller: „Der Personalaufwand bei der palliativen Hausbetreuung ist durch besonderen Pflege- und Gesprächsaufwand höher.“

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation benötigen in Industrieländern 60 Prozent der Sterbenden eine palliative Begleitung. Laut Deutscher Stiftung Patientenschutz wären das in Deutschland jährlich mehr als 500 000 Menschen. Doch tatsächlich sind es nur wenige. In Sachsen gibt es insgesamt 18 professionelle mobile Palliativteams, davon eines nur für Kinder und Jugendliche. Die Ärzte und Schwestern der Teams sind in einer 24-Stunden-Rufbereitschaft für Sterbenskranke da. Wer Fragen zur Verordnung hat, könne täglich anrufen, sagt Heller, die mit ihren Mitarbeitern derzeit 70 Patienten in Dresden betreut.

Laut Dr. Barbara Schubert, Chefärztin am St. Joseph-Stift, fehlt es aber vor allem im ländlichen Raum an Spezialisten bei der Sterbebegleitung. Oft wissen Betroffene und Angehörige nicht, wo sie sich hinwenden müssen. „In erster Linie sollten Haus- oder Facharzt den Weg weisen und eine Verordnung für ambulante Palliativversorgung ausstellen“, sagt Dr. Heller.

Doch wo wird entschieden, wer zu Hause betreut wird? Roland Steiner hat von dieser Möglichkeit erfahren, als er neun Wochen auf der Palliativstation der Uniklinik lag. Damals ging es ihm sehr schlecht. Er hatte massive Schluckbeschwerden und musste künstlich ernährt werden.

„Nach dem ersten Hausbesuch reichen wir den Antrag bei den Krankenkassen ein. Der Medizinische Dienst prüft und genehmigt ihn in den meisten Fällen“, sagt Palliativärztin Heller. Allerdings, so sieht es das Sozialgesetzbuch vor, betreuen die Teams Patienten nur dann daheim, wenn sie eine nicht heilbare und fortschreitende Erkrankung haben oder wenn der Hausarzt Symptome wie starke Schmerzen, Luftnot, Krampfanfälle, Wunden, Depressionen nicht mehr allein behandeln kann. Roland Steiners Antrag auf ambulante Palliativversorgung wurde genehmigt. Jetzt liegen Notfallnummern, Medikamentenplan, Arztberichte und Kontakte griffbereit auf dem Tisch. „Die Schwestern rufen jede Woche an und sind da, wenn ich sie brauche.“

Der Hausarzt sollte aber weiter mit einbezogen werden, sagt Heller. Will er selbst palliativ tätig werden, muss er spezielle Qualifikationsnachweise erbringen. Dazu gehören eine zweiwöchige Hospitation in einer Einrichtung der Palliativversorgung, bei einem Team der ambulanten Palliativversorgung oder der Nachweis über die Betreuung von mindestens 15 Palliativpatienten innerhalb der vergangenen Jahre. Ohne die kann er Palliativleistungen nicht abrechnen. Und die werden seit diesem Oktober von den Krankenkassen besser bezahlt. So gibt es einen Zuschlag für telefonische Erreichbarkeit und Besuchsbereitschaft außerhalb der Sprechstunden sowie für Hausbesuche.

Während der Hausärzteverband diese zusätzlichen Nachweise kritisiert, findet die Fachärztin für Allgemein- und Palliativmedizin Ute Taube aus der Oberlausitz Qualifikation und Zuschläge wichtig. „Wir betreuen Patienten zwischen Zittauer Gebirge und Görlitz, sodass ein Drittel des Zeitaufwandes für Fahrten draufgeht.“ Zeiten, die bei den Patienten fehlen.

Palliativmedizinerin Heller will ihren Hausarztkollegen zwar keine Kompetenz absprechen. Doch dass eine spezielle Ausbildung für die Versorgung Sterbenskranker nötig ist, spürt sie jeden Tag: „Zudem ist die Sicherheit für Patienten, rund um die Uhr Hilfe bekommen zu können, für den Hausarzt nicht realisierbar.“

Roland Steiner hätte auch in ein Heim ziehen können, aber das wollte er nicht. Solange Pflegedienst und Ärzte zu ihm kommen, fühlt er sich stark genug. So ist Susanne Heller auch zur Stelle, als ihm die tauben Finger wieder mal nicht gehorchen. Die Ärztin empfiehlt ihm ein neues Medikament. Allerdings gibt es ein Problem. Roland Steiner kann durch seine Krankheit nicht richtig schlucken. „Wir schauen, ob wir die Tabletten in anderer Form bekommen“, sagt Heller, die immer auch Zeit für tröstende Worte findet.

Im Gegensatz zum ambulanten Hospizdienst können Heller und ihre Kollegen vor Ort sofort entscheiden, wie dem Patienten geholfen werden kann – mit Schmerzmitteln, Antibiotika oder dem Setzen von Stents, also einer künstlichen Gefäßstütze, um einen Verschluss zu verhindern. Das wurde auch bei Roland Steiner gemacht. So konnte er wieder selbstständig essen. Nicht mehr so wie vor seiner Erkrankung, aber allein. Denn künstliche Ernährung lehnt der gelernte Koch ab. Essen sei das Einzige, was ihm geblieben ist. Dass er dabei dennoch Abstriche machen muss, ist ihm bewusst. Wenn die Ärztin gegangen ist, wird er die gebratenen Steinpilze zu Mus verarbeiten. Größere Stücken kann er nicht schlucken, aber er ist sehr kreativ. Viele Suppen stehen auf seinem Speiseplan.

„Alles besser als Ernährung durch einen Schlauch“, sagt der Dresdner. Allerdings bleibt der Schlauch von der Bauchwand zum Magen, der ihm in der Palliativstation gelegt wurde – für Notfälle. Irgendwann, das weiß Roland Steiner, wird der Tumor an der Speiseröhre größer. Und ja, auch wenn Alkohol für ihn längst tabu ist, so bleibt ihm eine Sucht. Er ist starker Raucher. Er weiß, dass das für ihn nicht gut ist. Trotzdem: Die Schädigung seiner Lunge ist bei seiner fortschreitenden Krebserkrankung zweitrangig, sagt Dr. Heller. „Wir respektieren hier den Willen des Patienten bei seinem letzten Lebensabschnitt, auch wenn er uns nicht sinnvoll erscheint.“

Hier bekommen Sie Hilfe

Ratgeber: Hefte der blauen Reihe der Deutschen Krebshilfe, Liste mit Adressen, Patientenrecht und Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung, www.krebshilfe.de;

„Die letzten Wochen und Tage“, Hilfe zur Begleitung; Wegweiser für Hospiz- und Palliativversorgung; www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de

Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin Sachsen: www.hospiz-palliativ-sachsen.de

Ambulante Palliativversorgung in der Region (Auswahl):

- www.uniklinikum-dresden.de

- www.josephstift-dresden.de

- www. palliativteam-lausitz.de

- www.sapvteam-niesky.de

- www.homecare-sachsen.de

- www.helios-kliniken.de/Pirna

- www.sapv-oberlausitz.de

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

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