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Samstag, 14.10.2017

Sterbebegleitung im Pflegeheim ist selten

Eine würdige Versorgung scheitert in Sachsens Heimen oft an Personalmangel. Annaberg zeigt, dass es geht.

Von Gabriele Fleischer

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Umsorgt: Traudel Herrmann (M.) im Haus Louise-Peters-Heim in Annaberg. An ihrer Seite Pflegerin Claudia Jähn (r.), die in Sterbebegleitung ausgebildet ist, und Martina Welter, Koordinatorin für Palliativversorgung. Sie kümmert sich um ein würdevolles Sterben im Heim. Noch ist das eine Ausnahme in Sachsen.
Umsorgt: Traudel Herrmann (M.) im Haus Louise-Peters-Heim in Annaberg. An ihrer Seite Pflegerin Claudia Jähn (r.), die in Sterbebegleitung ausgebildet ist, und Martina Welter, Koordinatorin für Palliativversorgung. Sie kümmert sich um ein würdevolles Sterben im Heim. Noch ist das eine Ausnahme in Sachsen.

© Bernd März

Traudel Herrmann sitzt im Rollstuhl. Sie lebt seit ein paar Monaten im Wohn- und Pflegezentrum Annaberg-Buchholz. Durch Spätfolgen einer Kinderlähmung bekam sie Probleme, den Alltag zu Hause allein zu meistern. Immer wieder stürzte sie. Vier Jahre war sie im betreuten Wohnen. Doch dann brach sie sich bei einem Sturz das Bein, bekam eine Lungenentzündung und wurde zum Pflegefall. „Ich wollte nie ins Heim“, sagt sie. „Wer will das schon. Aber ich brauche jetzt ständig Hilfe, und meine Töchter sind berufstätig.“

Dass Bewohner ihren letzten Lebensabschnitt im Heim akzeptieren, sei nicht selbstverständlich, sagt Martina Welter, Koordinatorin für Palliativversorgung. Sie organisiert die Begleitung Sterbender im Pflegeheim in Annaberg-Buchholz, spricht selbst viel mit den Bewohnern und tröstet sie, wenn es nottut. Eine solche extra Arbeitsstelle gibt es in den anderen 630 Heimen in Sachsen nicht. Dabei sterben immer mehr Menschen in Pflegeheimen – laut Deutschem Hospiz- und Palliativverband etwa 19 Prozent, Tendenz steigend. Das heißt, dass sich auch Pflegeheime auf eine Sterbebegleitung vorbereiten müssen.

Das fängt bei der Ausbildung an. Koordinatorin Welter hat eine zweijährige Fachweiterbildung an der Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit des St. Joseph-Stift-Krankenhauses Dresden besucht, studiert nebenberuflich Pflege- und Gesundheitsmanagement an der Fachhochschule Dresden und bildet sich an der Uni Göttingen in Gesprächsbegleitung weiter. Das ist Voraussetzung dafür, um mit Heimbewohnern über Sterbebegleitung zu sprechen. Wie stellen sie sich die Notfallversorgung vor? Wer soll in Entscheidungen einbezogen werden? Zwei Fragen von vielen. „Antworten darauf gehen über eine Patientenverfügung hinaus“, sagt Welter. Die 79-jährige Traudel Herrmann weiß, dass das Thema eines Tages auf sie zukommt. Schon jetzt schafft sie es nicht mehr allein vom Bett in den Rollstuhl. Manchmal packt sie für ihre Tochter, die Lehrerin ist, kleine Geschenke für die Schulkinder ein. Mehr geht der gelernten Schneiderin nicht mehr von der Hand.

Das 2015 in Deutschland verabschiedete Palliativ- und Hospizgesetz empfiehlt allen Pflegeheimen eine Vorsorgeplanung zum Lebensende. Bisher ist vieles davon aber noch Theorie. „Finanzierung und Abrechnung sind nicht geregelt“, sagt Welter. Sterbebegleitung in Heimen dürfe nicht mehr vom Pflegesatz abgehen, sondern müsse extra gefördert werden.

Mario Chmelarz vom Paritätischen Wohlfahrtsverband bedauert, dass es noch keine Einigung zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen mit den Trägern der Heime gegeben hat. „Streitpunkte sind die Finanzierung der Palliativausbildung für Pflegekräfte und die Personalbesetzung für eine würdige Betreuung.“ Wichtig sei es, dass Betroffene für Angebote zur Sterbebegleitung in Heimen nicht mit steigenden Eigenanteilen belastet würden. In Annaberg wird die Leistung derzeit durch den Träger finanziert. Und das, obwohl das Pflegepersonal insgesamt nicht ausreicht.

„ Bei vier Pflegekräften für je 32 Bewohner im Frühdienst und zwei für etwa 100 nachts bleibt keine Zeit, einen Sterbenden rund um die Uhr zu betreuen“, sagt Welter. Die Koordinatorin hat aber dafür gesorgt, dass im Annaberger Heim inzwischen elf Pfleger eine Zusatzausbildung in der Sterbebegleitung absolviert haben. So wie Claudia Jähn, die Traudel Herrmann gerade zur Arztsprechstunde bringt.

Jähn hat sich in Chemnitz in Schmerztherapie weitergebildet und in einem Hospiz gearbeitet. Für die erst 32-Jährige ist es eine Herausforderung, mit dem Tod umzugehen. Sie erlebt fast wöchentlich, dass Menschen sterben. „Doch wenn ich versuche, Schmerzen zu lindern, die Hand zu halten oder mit den Sterbenden zu sprechen, weiß ich, dass ich damit Gutes tue.“

Wenn die Mitarbeiter an ihre Grenzen kommen, holt Martina Welter Unterstützung. Allein 2016 kam 16-mal ein Brückenteam mit ausgebildeten Ärzten und Schwestern ins Heim. Bereits zehn Einsätze waren es im ersten Halbjahr 2017. Zudem haben ehrenamtliche Hospizhelfer in diesem Jahr bereits 17 Sterbende begleitet. „Keine Pflicht in Pflegeheimen“, sagt Annett Hofmann, Sprecherin des Sozialministeriums Sachsen. Doch ohne Ehrenamtliche gehe es kaum. Sie versuchen, auch Wünsche Sterbender zu erfüllten: ein Essen, ein Ausflug. „In Annaberg hatten wir einen Bewohner, der wollte an einem Fest in seiner Gartensparte teilnehmen“, sagt Welter. „Das haben wir ihm ermöglicht.“

Auch in den zwei Pflegeheimen der Volkssolidarität in Dresden versucht man, letzte Wünsche zu erfüllen. Oft ist es nur ein Lieblingslied oder der Blick aus dem Fenster. Zum Wohlfahrtsverband gehört ein ambulanter Hospizdienst, der die Betreuung Schwerstkranker in den Heimen übernimmt. „Die Beschäftigten leisten unter schwierigen Bedingungen Bestmögliches für eine menschenwürdige Betreuung“, sagt Heimleiterin Angelika Schitto. Der Bedarf sei aber höher, als es das Personal leisten kann.

Wichtig ist es, die Angehörigen in den Sterbeprozess einzubeziehen. „Doch nicht alle Verwandten akzeptieren das. Viele glauben, dass Vater, Mutter oder Großeltern noch das können wie in der Zeit vor dem Heimaufenthalt“, sagt Welter. „Wie oft höre ich den Satz: Aber das hat meine Mutter doch immer so gewollt.“ Dabei sollten Angehörige verstehen lernen, dass die Welt der Heimbewohner kleiner wird und dass sie sich an anderen Dingen erfreuen als noch vor Jahren.

Das mussten auch die Töchter von Traudel Herrmann begreifen. „Oft haben wir uns gefragt, ob das Heim sein muss“, sagt Tochter Katja Süß. „Es ist ja die letzte Station.“ Doch alles, was sie bisher erlebt hätte, stimme sie optimistisch. „Es war noch nie jemand unfreundlich.“ Allerdings wünschen sie sich, dass die Pfleger mehr Zeit für die Bewohner haben. Ein Problem, das wie in anderen Heimen auf absehbare Zeit nicht gelöst werden kann.

Umso wichtiger sind Besuche. Ein- bis zweimal pro Woche fährt Katja Süß ins Heim. Oft begleiten sie ihre vier Kinder. Lässt es das Wetter zu, ist die Familie im Park, bei den spielenden Kindern und am kleinen Tierpark bei den Alpakas. „Es gibt viel zu beobachten“, sagt die Seniorin. „Mir geht es gut hier.“ Besondere Wünsche habe sie nicht mehr. Beim Thema Sterben winkt sie aber ab: „Ich will nicht darüber reden.“

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Uwe Ewald

    Es ist traurig und erbärmlich, dass um die Mittel für ein würdevolles Sterben gefeilscht wird für Menschen, die diesen Staat mit aufgebaut, ihre Stimme bei Wahlen auch den dafür Verantwortlichen gegeben haben. Zuerst sollten diese gesetzgeberisch und finanziell Verantwortlichen versuchen, sich in die Lage Sterbender hinein zu versetzen. Empathie und Nächstenliebe sind für die Meisten von ihnen offenbar nur Theorie. Dass für einen sterbenden Menschen mehr individueller Zeitaufwand und mehr Zuwendung wichtig sind, das Pflegepersonal in ruhigen, möglichst vom Heimalltag abgeschirmten Bereichen schnell für den Einzelnen präsent sein muss, dürfte doch klar sein. Ohne zusätzliches Geld ist das nicht möglich. Es wieder den Heimbewohnern aufzubürden, wäre eine Schande. Als selbständiger Senioren- und Sterbebegleiter in Dresden kenne ich die Defizite aus selbst erlebten Erfahrungen, leider auch nach der aktuellen Pflegereform. Herzlichst Uwe Ewald |

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