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Dienstag, 12.06.2018

Neue Hoffnung für Diabetiker

Patienten mit schlecht einstellbarem Blutzucker gehören in die Klinik – in eine gute Klinik. Doch wie findet man die?

Von Stephanie Wesely

Blutzuckermessen, ohne permanent in die Fingerkuppe zu stechen – dieses neue Messsystem legt Professor Matthias Weck von der Helios-Klinik Freital seiner Patientin Nadine Zerndt an.
Blutzuckermessen, ohne permanent in die Fingerkuppe zu stechen – dieses neue Messsystem legt Professor Matthias Weck von der Helios-Klinik Freital seiner Patientin Nadine Zerndt an.

© Robert Michael

Nadine Zerndt aus Dresden hat Angst um ihren Fuß. Sie leidet seit 20 Jahren an Diabetes Typ 2 – Altersdiabetes –, ist aber erst 34 Jahre alt. Mehr als zehn Kilo hat sie abgenommen, doch ihr Blutzucker hat sich nicht verändert, „er macht was er will“, sagt sie übertrieben locker. Jetzt hat sich ihr Zeh schwarz verfärbt – ein Zeichen für fehlende Durchblutung. Gelingt es nicht, die Gefäße wieder durchgängig zu machen, bleibt nur die Amputation. Und das will sie unter allen Umständen verhindern. Deshalb wird sie in der Helios Weißeritztal-Klinik in Freital behandelt – einem Diabetes-Fußzentrum, das auf solche Fälle spezialisiert ist.

Die Kliniken

Eine gute Diabetesklinik zu finden, ist nicht einfach. „Anhand der Zertifikate können sich Patienten kaum orientieren“, sagt Professor Matthias Weck, Chefarzt der Klinik für Diabetologie in Freital. So gebe es die Einstufung „für Diabetespatienten geeignet“, „Diabeteszentrum“ oder „Diabetologikum“. Der Laie erkennt keinen Unterschied, obwohl die Abweichungen wesentlich sind. Doch die Patienten wollen wissen, welche Klinik sich worauf spezialisiert hat und wie gut sie darin ist.

Der Bundesverband der Diabeteskliniken hat jetzt erstmals eine Transparenzliste für Patienten erarbeitet, die ihnen die Orientierung erleichtern soll. 118 Diabetes-Akutkliniken, die Mitglied im Bundesverband sind, wurden hinsichtlich ihrer Zertifikate, ihrer Spezialisierungen, der Zahl der behandelten Patienten und der Patientenschulungen mit Punkten bewertet. Abhängig von der Punktzahl gab es Sterne. „Das ist eine bekannte Bewertung, die man auch von Hotels kennt“, sagt Dr. Thomas Werner, Diabetologe und Vorsitzender des Bundesverbandes. „Fünf-Sterne-Häuser müssen genügend Diabetologen und Diabetesberater vorhalten, zudem Psychologen und ab dem nächsten Jahr speziell ausgebildetes Pflegepersonal.“ Wichtig sei auch eine Fallzahl, die auf große Erfahrung schließen lasse.

Die Diabetesklinik Freital hat als einzige in Sachsen fünf Sterne erhalten und gehört zu den zwölf besten in Deutschland.

Die Krankheit

Diabetes Typ 2 ist die Epidemie des 21. Jahrhunderts – die Erkrankungszahlen steigen weltweit. 6,5 Millionen Zuckerkranke gibt es in Deutschland, wie aus dem Gesundheitsbericht Diabetes 2018 hervorgeht. Wir stehen dabei weltweit an vierter Stelle hinter China, den USA und Indien. Die meisten Typ-2-Diabetiker Deutschlands gibt es im Osten. Hier ist jeder achte Erwachsene betroffen, im Westen jeder zwölfte. Experten begründen das mit dem höheren Altersdurchschnitt, denn die Erkrankung tritt ab 50 verstärkt auf. Doch die Patienten werden immer jünger, wie auch das Beispiel von Nadine Zerndt zeigt.

Etwa 16 Prozent aller Todesfälle sind mit Typ 2-Diabetes verknüpft. „Die Menschen sterben aber nicht am hohen Blutzucker, sondern an den Folgen für die Gefäße“, sagt Professor Matthias Weck. Diabetes führe zur Gefäßverengung. „Damit erhöht sich das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt, Nierenfunktions- und Durchblutungsstörungen.“ Besonders heimtückisch seien aber die Nervenschädigungen. „Die Betroffenen spüren die sonst sehr schmerzhaften Durchblutungsstörungen nicht, sie gehen erst zum Arzt, wenn der Zeh schon schwarz ist“, sagt er. Wie Nadine Zerndt.

Die Prophylaxe

„Man kann dem Zucker davonlaufen“, sagt Professor Weck, „denn die Muskulatur, und nur die Muskulatur, verbrennt Zucker.“ Doch dazu brauche es viel Selbstdisziplin. Das gilt auch für die Ernährung. „Die meisten essen immer noch zu viel und zu oft, verbrennen aber weniger Kalorien.“

Diese Fakten würden seit Jahren angeprangert, geändert habe sich wenig, sagt Weck. „In der Diabetes-Prävention ist in Deutschland der Durchbruch immer noch nicht gelungen.“ Aufklärung und Gesundheitserziehung reichten nicht, wie man sehe. Jetzt müsse die Politik reagieren. Diabetesärzte wie er fordern eine Reduzierung des Zuckers in Getränken und Lebensmitteln sowie eine Zuckersteuer.

Die Behandlung

Ein früher Diabetes lässt sich sehr effektiv ohne Medikamente behandeln. Dazu brauche es eine Ernährungsumstellung. Weck empfiehlt drei Mahlzeiten, dabei abends wenig bis keine Kohlenhydrate, um die Insulinausschüttung über Nacht zu bremsen. „Ein Hafer-Obst-Tag pro Woche kann die Blutzuckerwerte normalisieren.“

Knapp die Hälfte der Diabetiker nimmt blutzuckersenkende Tabletten. Am häufigsten eingesetzt würde Metformin. „Dieses Medikament verstoffwechselt Insulin in der Muskulatur. Im Zusammenspiel mit gesunder Ernährung und Bewegung reicht das bei den meisten aus.“ Kommen weitere Begleiterkrankungen hinzu, könnten SGLT 2-Hemmer helfen, Zucker über die Nieren auszuscheiden. DPP 4-Hemmer verbessern die Wirkung der Darmhormone und senken auf diese Weise den Blutzuckerspiegel. GLP 1-Analoga sorgen ebenfalls dafür, dass mehr körpereigenes Insulin im Körper verbleibt. Damit sei auch eine Gewichtsreduktion möglich. Die Analoga würden aber nicht von allen Kassen bezahlt.

Hat sich die Erkrankung so manifestiert, dass das körpereigene Insulin nicht mehr ausreicht, muss künstliches zugeführt werden. In der Regel durch Langzeitinsuline. „Sobald aber zuviel davon im Blut ist, werden Gewichtszunahme und Unterzuckerungen gefördert“, sagt der Chefarzt. Deshalb seien kurzwirksame Insuline nach dem Essen meist besser.

Diabetes lässt sich auch operieren, zum Beispiel durch Magenverkleinerung bei adipösen Patienten. „Die Ergebnisse sind sehr gut. Die Blutzuckerwerte normalisieren sich, die Menschen haben wieder Freude an Bewegung, was ihnen auch hilft, die guten Werte zu erhalten. Das sind die schönen Momente im Arztberuf“, sagt Weck. Immer mehr Kassen bezahlen den Eingriff.

Eine gefürchtete Komplikation ist der diabetische Fuß. Die Zahl der Unterschenkelamputationen geht seit Jahren zurück. „Wenn die Patienten rechtzeitig kommen, kann heute jeder Fuß gerettet werden“, so Matthias Weck. In der Behandlung werden selbst kleine Gefäße mit immer feineren Drähten, Ballons, Stents oder Fräsen wieder eröffnet. Hinzu kommen Medikamente, die den Blutfluss verbessern.

Die Zukunft

Ein neuer Ansatz für die Behandlung diabetischer Füße ist die Stammzelltherapie. „Einige meiner Patienten bekommen zurzeit im Rahmen einer Studie Stammzellen gespritzt. Bei ihnen sind bereits neue kleine Blutgefäße entstanden. Wir konnten sogar erstmals wieder Durchblutung in den Füßen messen“, sagt der Chefarzt.

Neu ist auch die Diabetesbehandlung mit modifizierten Hormonen. „Hier stehen wir aber noch am Anfang“, so Weck. In Tierversuchen wurde erfolgreich ein Stoff getestet, der die Wirkung von drei Magen-Darm-Hormonen vereint, den Blutzuckerspiegel senkt und das Körperfett reduziert.

„Auch der Darm könnte künftig in der Diabetesbehandlung eine viel größere Rolle spielen“, sagt er. Die Funktion des Darmmilieus und mögliche Korrekturen beschäftigten derzeit die Wissenschaft.

Neue Blutzuckermessgeräte sind hingegen bereits Realität. Statt sich mehrmals täglich in die Fingerkuppe zu piksen, platziert der Patient alle zwei Wochen am Oberarm einen Sensor. Dieser hat einen Fühler, mit dem in der Zwischenzellflüssigkeit der Glucosewert ermittelt wird. Mit einem Lesegerät – auch per App – lässt sich der Wert abrufen und speichern. „Das Gerät hat zudem eine gute erzieherische Wirkung, denn man sieht sofort, wie bestimmte Nahrungsmittel den Blutzucker in die Höhe treiben“, sagt Matthias Weck. Einige Krankenkassen zahlen das Gerät bereits.

Auch eine künstliche Bauchspeicheldrüse ist in Entwicklung. „Man steht da wohl kurz vor dem Durchbruch. Das Blutzuckermesssystem funkt dabei an eine Insulinpumpe, die das notwendige Hormon abgibt.“ Spritzen und Piksen könnten also tatsächlich irgendwann überflüssig werden. Davon haben Millionen Diabetiker seit Jahrzehnten geträumt.

>>> Die Bewertung von Diabetiker-Kliniken