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Dienstag, 12.06.2018 Kolumne: Psychotalk

Nehmen Sie den Urlaub mit nach Hause

In den Ferien können wir Erlebnisse richtig genießen. Warum nicht auch im Alltag?

Von Ilona Bürgel

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig.
Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig.

© Robert Michael

Es scheint so, als ob wir im Urlaub in einen anderen Modus schalten. Als ob wir zwei verschiedene Leben leben. Das ist sehr schade, arbeiten wir doch statistisch gesehen mehr, als wir Urlaub haben. Was könnten wir aus dem Urlaub übernehmen?

Zunächst die Haltung: Im Urlaub erwarten wir, dass es uns gut geht, dass wir Schönes erleben. Das sollten wir sofort übertragen. Ebenso die Bejahung von Erholung und Ausruhen. Den Urlaub planen wir meist mit großer Vorfreude. Warum nicht auch den Alltag? Sie konzentrieren sich viel besser auf das, was Ihnen am Herzen liegt. Vorfreude darf auch in jeden einzelnen Tag Einzug halten, denn jeder von uns erlebt angenehme Dinge. Vor allem dann, wenn wir uns selbst darum kümmern.

Auch der Kontakt mit anderen Menschen sollte stärker in den Alltag integriert werden. Egal, ob auf dem Campingplatz oder bei der Wellnesskur, wir nehmen uns dort viel mehr Zeit und haben mehr Interesse an anderen. Soziale Kontakte machen glücklich. Also fangen Sie ruhig mal wieder im Bus ein Gespräch an oder nehmen Sie sich Zeit für einen Freund.

Und seien Sie mutig. Der Tauchkurs fällt im Urlaub so leicht, auch das Essen von etwas Ungewohntem. Im Alltag fahren wir viel zu schnell in unseren Gewohnheiten fest. Das langweilt das Gehirn und macht langfristig unzufrieden. Sich angemessen zu fordern, dabei ein bisschen zu überwinden, das tut uns in vielen Situationen gut und hält unser Gehirn jung.

Ich war kürzlich das erste Mal in Sri Lanka. Neben dem Erleben von Menschen, Natur und Religion habe ich wichtige Erkenntnisse nicht nur für den Urlaub gesammelt, die ich mit Ihnen teilen möchte:

Auch wenn es mir peinlich ist – ich bin sehr sonnenempfindlich und vertrage keine Zugluft. Mich zu schützen, ist die einzige Lösung. Natürlich wäre ich gern wie die anderen in attraktiven, leichten Sommerkleidern durch den Urlaub geschwebt. Doch am Ende ist es gesünder, zu meinen Bedürfnissen zu stehen und mit Hut, Schal, langen Hosen und Langarmshirts den Urlaub zu verbringen.

Sie können vielleicht nachvollziehen, dass es schwierig für mich ist, umgeben von leicht bekleideten Sommerschönheiten, so angezogen zu sein. Vielleicht denken die anderen jedoch über mich, dass es sehr elegant aussieht – mit einem schönen großen Strohhut? Ich wiederum denke, wie schön es aussieht, braun und ein Sommertyp zu sein. Viel zu oft vergleichen wir uns mit dem, was wir nicht sind. Das kostet nur Wohlbefinden und nützt niemandem. Gerade solche Situationen sind eine gute Lektion, liebevoll über sich zu denken.

Viel zu schnell haben wir eine Meinung, wie die Dinge und Menschen sind – ohne es probiert zu haben. Weite Reisen sind nichts für mich? Ich habe Angst im fremden Straßenverkehr? Egal ob privat oder beruflich, es lohnt sich, die eigenen Annahmen zu überprüfen und neue Erfahrungen zu machen. Die Realität ist nie so schlimm wie unsere Ängste.

Sie kennen sicher Bilder vom Straßenverkehr in Asien. Auf zwei Spuren werden acht Spuren gelebt: Bus, Auto, Tuk Tuk, Mopeds auf beiden Seiten. Dazwischen laufen Kühe, Hunde und Menschen. Wie funktioniert das relativ reibungslos? Weil jeder mitdenkt und sich als Teil des Ganzen sieht. Im Unterschied zu unseren Straßen und Unternehmen, wo gern auf Gesetzen und Regeln beharrt wird und es eher um Rechthaben und Gewinnen geht. Aber das wird wohl am schwersten zu ändern sein.

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig.