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Dienstag, 21.11.2017

Kochen gegen den Schmerz

In Sachsen gibt es 50 Trauergruppen, die nach dem Tod eines Angehörigen Trost spenden – eine auf besondere Art.

Von Gabriele Fleischer

Männer gemeinsam am Herd: Klaus Weber, Wolfgang Vogt und Matthias Schmidt (v. l.) hilft das für Stunden, sich von der Trauer über den Tod ihrer Frauen abzulenken. Zweimal im Monat treffen sie sich beim Christlichen Hospizdienst im Clara-Wolff-Haus am St. Joseph-Stift Dresden.
Männer gemeinsam am Herd: Klaus Weber, Wolfgang Vogt und Matthias Schmidt (v. l.) hilft das für Stunden, sich von der Trauer über den Tod ihrer Frauen abzulenken. Zweimal im Monat treffen sie sich beim Christlichen Hospizdienst im Clara-Wolff-Haus am St. Joseph-Stift Dresden.

© Robert Michael

Auf dem Speiseplan stehen Klops und Kartoffeln. Wolfgang Vogt gibt noch ein paar Kapern dazu. Klaus Weber schmeckt ab. „Riechen Sie mal, ist doch lecker, oder?“ Die beiden Männer kochen gemeinsam. Und das schon einige Jahre. Sie verarbeiten hier die Trauer um ihre verstorbenen Frauen. Zweimal im Monat treffen sie sich beim Christlichen Hospizdienst in Dresden – mit ihnen vier weitere Hobbyköche, alle zwischen 60 und 80.

Der Verlust der Ehefrauen schmiedet sie zusammen. Inzwischen wälzen sie nicht nur gemeinsam Kochbücher, sie tauschen sich auch über andere Dinge aus, mit denen sie sich alltäglich beschäftigen müssen. So hat Wolfgang Vogt diesmal seinen Laptop mit und lässt vom IT-Experten Klaus Weber ein technisches Problem beheben.

Eine Koch-Trauergruppe ist ungewöhnlich. „Aber wir haben hier in Gesprächen gespürt, dass diese Gemeinsamkeit für diese Männer genau richtig ist“, sagt Ansgar Ullrich, Leiter des Hospizdienstes. Und so öffnen ihnen die Mitarbeiter zweimal im Monat die Türen zu ihrer Küche. Die meisten dieser Männer würden sich sonst nie Mittagessen kochen. Weil das Aufgabe ihrer Frauen war oder sie früher alles gemeinsam vorbereitet haben. Bezahlen müssen die Männer für das Mittagessen nichts. Jeder besorgt einen Teil der Zutaten.

Sachsenweit bieten Hospizdienste regelmäßige kostenlose Treffen in Trauergruppen, Trauercafés, Gesprächskreisen und Selbsthilfegruppen an. Etwa 50 Trauergruppen gibt es laut Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin, neun davon für Kinder und Jugendliche. „Dabei geht es nicht nur um Trost und Orientierung, sondern auch um Bedürfnisse und Unterstützung der Trauernden im Alltag. Auch gemeinsame Bastelnachmittage, Ausflüge und Wanderungen gehören dazu. „Das hilft, nach dem Verlust wieder eine Orientierung zu finden und am Leben teilzunehmen“, sagt Ullrich. Für die ambulanten Hospizdienste in Sachsen werden in diesem Jahr rund 4,3 Millionen Euro von den Krankenkassen bereitgestellt. 94 Prozent davon zahlen laut AOK Plus die gesetzlichen, den Rest die privaten. Auch Kommunen beteiligen sich finanziell. So fördert die Stadt Dresden die fünf Hospizeinrichtungen und -vereine der Landeshauptstadt in diesem Jahr mit 29 000 Euro. Trotzdem sind zusätzlich Spenden nötig – auch für die 350 Trauernden, die jährlich vom Christlichen Hospizdienst betreut werden.

Für Ansgar Ullrich ist Trauerarbeit neben der Betreuung Sterbenskranker eine wichtige Aufgabe. Dafür werden auch die 130 Ehrenamtler geschult. Denn Trauer beginnt nicht erst mit dem Tod. „Je mehr Zeit Angehörige haben, sich auf den Abschied einzustellen, desto intensiver können sie den Sterbenden begleiten“, sagt Dr. Kristin Schierz, Psychiaterin und Psychotherapeutin aus Dresden. Je bewusster dieser Beginn der Trauerarbeit gelebt werde, desto einfacher sei der Weg nach dem Abschied. Wichtig sei es aus ihrer Praxiserfahrung, den Betroffenen zuzuhören, ihnen zu vermitteln, dass Trauer zum Leben gehört.

Die richtigen Worte finden

Trauerbegleitung heißt, sich vor der Betreuung Betroffener umfassend mit dem Thema zu beschäftigen. Regina Schönberg ist eine der vier Trauerbegleiterinnen beim Christlichen Hospizdienst in Dresden. Sie hat wie ihre Kolleginnen einen zweijährigen Kurs bei der Evangelischen Erwachsenenbildung belegt und dafür ein Zertifikat der Freien Wohlfahrtspflege im Freistaat Sachsen erhalten. „Wir haben uns im Kurs mit eigenen Verlusten ebenso auseinandergesetzt wie mit den Verlusten anderer“, sagt Schönberg. Das helfe, die richtigen Worte in schweren Momenten zu finden und die Menschen bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen.

Dazu gehören auch ganz praktische Dinge wie die Gestaltung der Beisetzung und Möglichkeiten des Gedenkens. „Trotzdem muss man erkennen, wenn die Trauerarbeit zu belastend wird und sogar akute Reaktionen oder Depressionen auslöst, so Schierz. Dann sei ärztliche Hilfe nötig. „Als Ärztin rede ich mit den Patienten über ihre Situation. Bei Bedarf empfehle ich ihnen eine Begleitung. Das Gleiche können Hausärzte oder auch Bestattungsinstitute tun, mit denen die Trauernden ja aus ganz praktischen Gründen Kontakt haben.“ Dabei sei es wichtig, mit Kindern ebenso offen umzugehen wie mit Erwachsenen. Bei den Jüngsten passiere das spielerisch, sagt Regina Schönberg. „Mit sechs Jahren begreifen sie aber schon die Endgültigkeit des Todes.“ Die Trauerbegleiterin hat auch die Erfahrung gemacht, dass Männer nach dem Tod eines nahen Angehörigen oft schneller wieder in den Tagesrhythmus zurückfinden als Frauen. Doch nicht jedem gelingt das.

Auch Matthias Schmidt kann den Tod seiner Frau vor sechs Jahren nicht verwinden. „Wir waren wie siamesische Zwillinge“, erzählt der Witwer. Alles hätten sie gemeinsam gemacht: Radtouren, Wanderungen, Reisen. Wie 2011, als das Ehepaar in den USA war und die Krankheit begann. Selbst die Begleitung durch Freunde lenke ihn nicht ab. Die noch mit seiner Frau geplante Sanierung am Haus verfolgt er nicht mehr. „Für wen denn?“, fragt er. So helfen ihm die Kinder, Gespräche und die Kochgruppe, wenigstens für einige Zeit auf andere Gedanken zu kommen. Es ist ein Durchatmen, die Trauer bleibt.

Auch Klaus Weber fehlt seine Frau, die vor fünf Jahren starb. Da er die Hausarbeit allerdings immer mit ihr gemeinsam gemacht hat, ist ihm das Kochen nicht fremd. So kann er den anderen Tipps geben, kennt Tricks, wie das Essen besonders gut gelingt. Genau das zu vermitteln, ist seine Art, mit Trauer umzugehen.

Doch nicht jeder, der mit dem Tod eines Angehörigen leben muss, wird durch einen Hospizdienst betreut. Zwar kümmern sich Selbsthilfegruppen darum, Betroffene aufzufangen. Das aber reicht nicht, sagt Andreas Müller vom Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin. Natürlich könne jeder auf seine Weise Beistand leisten, aber manchmal bedarf es Therapien oder professioneller Begleitung. Keiner könne genau sagen, wie hoch der Bedarf ist. Über Zuständigkeiten und Finanzierungen müsse gesprochen werden. Deshalb regt der Landesverband für nächstes Jahr ein Forum mit allen Beteiligten an.

Für Matthias Schmidt sind die Treffen zum Kochen zweimal im Monat wichtig, um der Lethargie zu entfliehen. Und wenn es nur für Stunden ist. Die geben Kraft.

Die Erinnerungen bleiben

Gedankenversunken blättert der Witwer im Speiseplan der Gruppe. Alles, was es schon zu essen gab, ist akribisch in einem Buch aufgeschrieben. Jägerschnitzel, Grützwurst, Grüne-Bohnen-Eintopf und Fisch mit Dillsoße. Für Abwechslung sorgen die Männer. Klops und Kartoffeln sind gar. Zeit, die Glocke zu läuten und alle zum Mittagessen einzuladen. An die 20 Portionen kochen die Männer. Das reicht für Mitarbeiter des Hospizdienstes und Gäste. Was das nächste Mal auf dem Speiseplan steht, müssen die Männer noch besprechen. Sind sie sich einig, bekommt jeder seinen Einkaufszettel. Die Erinnerungen bleiben, aber sie haben eine Aufgabe.

Dienstag: Telefonforum zur Serie. Ihre Fragen zu Hospizarbeit und Palliativmedizin beantworten Dr. Sylvia Schneider-Schönherr (0351 48642805), Andreas Müller (0351 48642806), Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin; Elvira Tschab (0351 48642807), Leiterin Hospiz Erlabrunn, Mario Chmelarz (0351 48642808), Paritätischer Wohlfahrtsverband Sachsen.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

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