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Mittwoch, 20.06.2018 Kolumne: Kinder, Kinder

Kita-Abschied ohne Tränen

Von Prof. Veit Rößner

Prof. Dr. Rößner von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden.
Prof. Dr. Rößner von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden.

© privat

Nach schwieriger Eingewöhnung geht unser fast zweijähriger Sohn nun in sein Kindergartenzimmer, ohne sich umzuschauen oder zu verabschieden. Manchmal winkt er vom Fenster. Im Tagesverlauf ist er gut integriert und fröhlich. Beim Abholen läuft er manchmal sogar weg, sodass die Erzieherin ihn einfangen muss. Er kommt danach aber friedlich mit. Wirkliche Freude über meine Anwesenheit spüre ich nicht. Holen wir ihn beide ab, will er nur zum Papa. Nimmt mein Sohn es mir übel, dass ich ihn in die Kita „gesteckt“ habe?

Die Eingewöhnung in eine Tageseinrichtung ist für Kinder und Eltern gleichermaßen ein bedeutender Schritt. Wir Erwachsene wünschen uns einerseits ein gesundes, fröhliches Ankommen unseres Kindes, damit wir beruhigt unserem Tagesgeschäft nachgehen können. Andererseits „bestätigt“ ein leichtes Unbehagen unseres Kindes unsere besondere Rolle als wichtigste Bezugsperson.

In der Tat beschreiben Entwicklungspsychologen bei Kindern sogenannte Schocks nach einer abrupten Trennung. Früher passierte das am häufigsten bei plötzlich notwendigen Krankenhausaufenthalten. Infolgedessen kann es dazu kommen, dass das Kind mit scheinbarer emotionaler Kälte gegenüber der Bezugsperson reagiert. Ob eine solche emotionale Gleichgültigkeit in Trennungs- und Rückkehrsituationen von Bezugspersonen bei Ein- bis Zweijährigen tatsächlich „schlimmer ist“, also zum Beispiel auf ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster hindeutet, muss im Einzelfall geprüft werden.

Denn eine Trennungsphase gänzlich ohne großen Abschiedsschmerz kann bei stabiler Emotionalität in der Familie auch schlicht und einfach darauf hindeuten, dass Ihr Sohn gut im Kindergarten angekommen ist und bereits eine stabile Beziehung zu seinen Betreuungspersonen aufgebaut hat. Dafür spricht, dass er sich tagsüber dort wohlfühlt und auch am Nachmittag nicht mit nach Hause will.

Sie beschreiben Ihre Eingewöhnungsphase nicht genauer. Mithilfe sanfter Eingewöhnungsmodelle könnte Ihr Sohn innerhalb dieses Prozesses die Sicherheit erlangt haben, dass Sie jeden Nachmittag wiederkommen und derweil eine andere, sekundäre Bezugsperson für ihn sorgt.

Nichtsdestotrotz sollten Sie weiterhin ein Abschiedsritual einhalten, im Rahmen dessen Sie täglich in immer gleicher Weise nochmals bewusst Kontakt zu Ihrem Sohn suchen und sich verbal, mit einem Kuss oder einer Umarmung von ihm verabschieden. Auf eine solche Verabschiedung von ihm sollten Sie bestehen. Auf das Winken am Fenster hingegen können Sie eigentlich verzichten. Zum einen kann es Ihr Kind erheblich verunsichern, wenn Sie es aus Versehen vergessen. Zum anderen ist es in Stoßzeiten schwierig für die Erzieherinnen und Erzieher, allen ein entsprechendes Ritual zu ermöglichen.

Rituale gilt es auch beim Abholen einzuhalten. Kleinkinder leben noch im Moment und versinken völlig im Spiel, sodass sie auch nicht gestört oder gar unterbrochen werden möchten. Für sie sind Wechselsituationen jeglicher Art eine Herausforderung. Hier sollten Sie – nach einer kurzen Übergangsphase (aufräumen lassen, Sandkuchen beenden, Dreirad zurückbringen) – bestimmt auf einen Abschied mit Handgeben bestehen. Ideal wäre es, wenn dies jeweils zur gleichen Tageszeit geschieht.

Insbesondere am Nachmittag kommt hinzu, dass der Kitaalltag wie ein Erwachsenenarbeitstag zu sehen ist. Auch die Zeit in der Betreuungseinrichtung erfordert viel Konzentration und Anspannung, die gerade beim Abholen ausagiert wird. Niemals sollten junge Kinder in eine Spirale geraten, in welcher sie durch selbstbestimmte und zu lange Machtkämpfe oder Steuerungsversuche gegenüber Erziehern und Eltern dann doch letztendlich überfordert sind und dabei in durchaus ernstzunehmendes, ihre Persönlichkeitsentwicklung gefährdendes Verhalten rutschen.

Sie dürfen also gespannt darauf warten, dass es in wenigen Wochen zu ganz anderen Szenen beim Abholen Ihres Kindes kommen kann – auch zu großem Abschiedsschmerz und freudigen Ankunftsszenen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung,
Redaktion Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine E-Mail
an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de.

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