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Donnerstag, 07.06.2018 Kinder, Kinder!

Keine Lust mehr auf Schule

Von Prof. Veit Rößner

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Professor Dr. Veit Rößner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Dresden.
Professor Dr. Veit Rößner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Dresden.

© privat

Unser Sohn ist in der dritten Klasse. Anfangs hat ihm die Schule Spaß gemacht, aber inzwischen hat er wenig Lust zu lernen, und entsprechend schlecht sind die Noten. Was können wir tun?

In der Regel sehnen Kinder den ersten Schultag noch herbei, weil sie dann zu den Großen gehören. Verständlicherweise ist ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend bewusst, dass sie von nun an jeden Wochentag in der Schule größtenteils mit Pflichtaufgaben konfrontiert sind, die nicht immer in ihr lustbetontes Kinderleben passen. Ganz klar: Lernen und Arbeiten kollidieren zwangsläufig, aber in unterschiedlichem Maße mit dem für das Alter völlig normalen hohen Spielbedürfnis.

Auch der elterliche Stolz wird bald vermischt mit Sorge, die sich im Laufe der Grundschulzeit –- spätestens Anfang der Klasse vier – verstärkt. Nach zwei noch eher entspannten ersten Schuljahren steigen im dritten die Anforderungen merklich. Gleichzeitig werden mehr Ausdauer, Lernbereitschaft und Organisationsvermögen erwartet. Dies erklärt meist Unlust und Druckempfinden, wie Sie sie beschreiben. Beginnt doch nun die Zeit der „entscheidenden“ Noten, die schließlich Grundlage für die Empfehlung bezüglich der weiterführenden Schule sind.

Auch wenn seit Kurzem eine Bildungsempfehlung auch in Sachsen nicht mehr verbindlich für die Eltern ist, empfinden doch viele Eltern und Kinder diese Bescheinigung als bedeutend – vor allem beim elterlichen Wunsch, das Kind auf ein Gymnasium zu schicken. Letztlich sollten wir unsere Kinder aber nicht in eine bestimmte Schulform drängen. Unsere elterliche Aufgabe ist es, ihr individuelles Potenzial für die nächsten Jahre feinfühlig zu erkennen, zu unterstützen und dabei auch langfristige Entwicklungen im Blick zu behalten.

Sprechen Sie zunächst mit dem Klassenlehrer über Beobachtungen. Häufig haben diese ein gutes und vor allem neutrales Bild vom Kind. Auch hat er gute Tipps, wie Sie Ihr Kind zu Hause unterstützen können.

Während Sie die individuelle Entwicklungsstufe in Hinblick auf Motivation und Ehrgeiz Ihres Sohnes bedenken sollten, sollten Sie unabhängig davon Ihre Verantwortung in der Fürsorge und Erziehung Ihres Kindes ernst nehmen. Denn die wenigsten Kinder lernen gerne Malfolgen oder Lesen, halten mit Freude Vorträge, gerade, wenn es ihnen nicht ganz so leicht fällt. Das Erlernen dieser typischen Grundschulfertigkeiten ist aber unabhängig vom eigenen Leistungsniveau ein dringendes Muss. Es gehört trotz Murren und Knurren auf „beiden Seiten“ eindeutig zum Aufgabenbereich des Elternhauses. Wenn Sie dabei selbst eine zuversichtliche Haltung einnehmen, gelingt es auch Ihrem Kind besser, positiv mit Anforderungen umzugehen.

Der meist unbewusste elterliche Druck überträgt sich leider oft auf die Kinder. Wir Eltern befinden uns schnell mitten in der Katastrophisierungsspirale: „Wenn mein Kind die Anforderungen nicht gut bewältigt, ist dies für sein ganzes weiteres Leben entscheidend. Schlechte Noten bedeuten kein Abitur und Studium, also ein unglückliches Leben.“ Aber: Sind diese Sätze wirklich realistisch? Sind sie nicht eher genährt von Ängsten anderer oder eigenen unerfüllten Wünschen? Mal ehrlich: Wie viele erwachsene Bekannte kennen wir, die in eine solche Abwärtsspirale durch eine ausgebliebene Bildungsempfehlung geraten sind? Kennen wir nicht im Gegenteil eine Menge tolle Menschen, die auf dem umgekehrten Weg an ihr Ziel gelangt sind, meist verbunden mit einer ordentlichen Portion Lebenstüchtigkeit, die gerade den „geradlinigen Lebensläuflern“ häufig fehlt?

Haben Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder an [email protected]

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Oswin

    Eher ist die Frage bedeutend, wie wir alle, nicht nur die Kinder aus der Leistungsspirale rauskommen und den leeren Wahn nach der Steigerung des Bruttosozialproduktes erkennen und verlassen können. Dann werden nicht nur wir, sondern auch unsere Kinder glücklicher. Abi hin, Studium her - Altphilologen haben wir zu hauf, Dachdecker fehlen.

  2. Titania

    Ich glaube, viele Altphilologen gibt es nicht mehr. Das sind jetzt alles BWLer. Gewinnmaximierung, Verkaufen, zu Geld machen. Die Tugenden unserer Zeit. Dachdecker war in den letzten Jahrzehnten ein hartes Brot, verständlich, dass da gerade keiner hinwill.

  3. Peter

    Schade Herr Rößner, anstatt die Frage zu beantworten, haben Sie sich entschieden, konservative Bildungsvorstellungen zu propagieren, Eltern müssen Kinder vorbereiten und wenn es nicht reicht, ist es ja nicht so schlimm. Aber noch schön Bildungsempfehlung und Gymnasium mit in die Antwort aufnehmen, ich habe das nicht als Teil derc Frage gelesen, Sie etwa? Anscheinend hat das Kind gern gelernt und plötzlich nicht mehr. Das muss ja an den Eltern oder am Kind liegen. Warum gehen Sie nicht darauf ein, wie Lernen Spaß machen kann? Warum implizieren Sie, dass das nicht geht? Ich als Vater hätte mich sehr überdies Antwort geärgert.

  4. demeter

    Warum werden nur 2 möglicherweise ursächliche Faktoren genannt? Sicherlich kann eine solche "Ferndiagnose" nicht wirklich die Ursachen der Lernunlust des in der Frage genannten individuellen Falls herausfinden, aber gerade daher sollte doch auch der Blick nicht bei "Kind kriegt zu viel Druck von den Eltern" und "Eltern sind schuld, wenn das Kind seine Pflicht nicht einsieht" hängenbleiben. Wie wäre es mit "häufig wechselnde Lehrer", "häufig fehlende Lehrer", "überlastete und daher unmotivierte Lehrer", "Leistungsanforderungen an Jungen, die an den Fähigkeiten gleichaltriger Mädchen gemessen werden", eher "mädchenorientierte Lehrinhalte", "soziale Zusammensetzung der Klasse", um nur einige Faktoren zu nennen, die weder durch Eltern noch Kind zu verantworten sind und erheblich zur Lernunlust des Sohnes beitragen könnten? In den vollen Grundschulklassen sächsicher Großstädte ist das nicht gerade unwahrscheinlich.

  5. BD

    Herr Prof. Rößner hat den Finger in die Wunde gelegt. Helikopter-Eltern erwarten Wunder von der Schule, und wenn sie es nicht richtet (-das Kind nicht genügend motiviert), muss man die Schuld bei den unmotivierten Lehrern suchen? Leute wie Peter und demeter haben den ultimativen Durchblick. Gratuliere. Wenn solche Leute im Elternabend sitzen, gute Nacht. Ich empfehle "Frau Müller muss weg".

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