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Samstag, 04.11.2017

„Ich möchte, dass etwas von mir bleibt“

Teil 5: In Sachsen kümmern sich 55 ambulante Hospizdienste um Sterbenskranke wie Heike Tronick – ehrenamtlich.

Von Stephanie Wesely

Ein Blick zurück: Wofür bin ich dankbar? Was möchte ich noch tun? Koordinatorin Anne Riedel-Seim (l.) hilft der sterbenskranken Heike Tronick aus Sankt Egidien, die Endlichkeit ihres Lebens anzunehmen.
Ein Blick zurück: Wofür bin ich dankbar? Was möchte ich noch tun? Koordinatorin Anne Riedel-Seim (l.) hilft der sterbenskranken Heike Tronick aus Sankt Egidien, die Endlichkeit ihres Lebens anzunehmen.

© andreas kretschel

Schon drei Jahre kämpft Heike Tronick mit dem Brustkrebs. Immer wieder Hoffnung, immer wieder Besserung und immer wieder Rückschläge. Jetzt ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass es keine Heilung mehr gibt. „Als der Arzt mir sagte, dass nichts mehr zu machen ist, habe ich geweint“, sagt die 53-Jährige. Jetzt hofft sie, dass sie möglichst keine Schmerzen haben muss, wenn es zu Ende geht. Der nahe Tod ist eine große Belastung für sie, aber auch für ihre Familie. Denn Heike hat eine 16-jährige Tochter. Ihr Mann leidet an den Folgen eines Unfalls und braucht selbst Behandlung. Deshalb kommt einmal pro Woche, bei Bedarf auch öfter, eine ambulante Hospizhelferin zu Heike nach Sankt Egidien im Landkreis Zwickau. Sie möchte sie in ihren letzten Monaten oder Wochen begleiten, bei ihr sein, ihr zuhören, aber auch Ablenkung verschaffen.

Hospizhelfer sind nicht für Pflege oder Hauswirtschaftshilfe zuständig. Dafür gibt es extra Dienste. „Trotzdem gehen sie den Patienten auch mal zur Hand, wenn sie das wünschen, kochen, backen oder bügeln gemeinsam. In der Endphase halten wir Sitzwache beim Sterbenden und entlasten Angehörige“, sagt Anne Riedel-Seim vom ambulanten christlichen Hospizdienst „Lebensspur“ in Westsachsen.

55 Hospizdienste gehören zum sächsischen Landesverband. Die Dienste verfügen über Koordinatoren wie Anne Riedel-Seim und ehrenamtliche Hospizhelfer. Die Koordinatoren knüpfen die ersten Kontakte, zum Beispiel auf Palliativstationen, und ermitteln, welcher Hilfebedarf nötig ist. Danach wählen sie den geeigneten Helfer für die jeweilige Situation aus. Während die Koordinatoren aus Sozial- oder Pflegeberufen kommen sollen, werden an den Beruf der Helfer keine Forderungen gestellt. Sie müssen aber einen Hospizhelferkurs belegen. Wichtig sei es, die eigenen Grenzen zu kennen. „Bei uns arbeiten Handwerker, Informatiker oder Hausfrauen“, sagt Hawila Middelstaedt. Auch sie ist Koordinatorin in Westsachsen.

Heike Tronick hat auf der Palliativstation erstmals von der Möglichkeit der ambulanten Hospizhilfe erfahren und das Angebot gerne angenommen. „Ich bin sehr dankbar, dass es so etwas gibt. Das ist vielleicht eine Entlastung für meinen Mann und meine Tochter“, sagt sie. Auf die Betreuung durch einen Hospizdienst hat jeder Anspruch, der an einer unheilbaren, zum Tode führenden Krankheit leidet. „Ob die Betreuung dann Wochen oder Monate dauert, ist dabei unwesentlich“, sagt Andreas Müller, Geschäftsführer des Landesverbandes für Hospizarbeit und Palliativmedizin in Sachsen. „Es gibt keine Zeitbegrenzung.“ Meist seien es Krebserkrankte, die ihre Begleitung erfordern.

Bei Heike Tronick gibt es ein zusätzliches Problem. Der Krebs hat bereits bis ins Gehirn gestreut. Deshalb hat sie Schwierigkeiten mit der Wortfindung, kann sich an vieles nicht mehr erinnern und bringt Zeiträume durcheinander. So will sie zum Beispiel das Auto verkaufen, das im Fotoalbum zu sehen ist. Das gibt es aber seit 20 Jahren nicht mehr. Ihr Mann René versteht das nicht. Es ist schwer für ihn, mit anzusehen, wie immer weniger von der Frau bleibt, die er so lange und vor allem ganz anders kennt.

„Männer haben ihre eigene Art, mit schweren Situationen umzugehen. Sie verdrängen, wollen vieles nicht wahrhaben oder begehren auch dagegen auf“, sagt Anne Riedel-Seim. Hospizhelfer seien da professioneller. Sie sind für solche Situationen geschult und können vermitteln. Angehörige haben oft weniger Geduld.

Zum Team von Anne Riedel-Seim gehören 53 Hospizhelfer, fünf sind jünger als 30 Jahre. „Es ist für uns eine große Freude, dass sich junge Menschen für diese schwierige Arbeit interessieren“, sagt sie. „Die Motivation dafür kommt meist aus eigenem Erleben, wenn eigene Angehörige gestorben sind und sie sich vielleicht eine solche Begleitung gewünscht haben.“

Obwohl die ehrenamtlichen Hospizhelfer keinen Lohn, nur Fahrt- oder Sachkosten erhalten, melden sich jedes Jahr wieder Interessenten zu den Hospizhelferkursen an. „Dennoch ist der Bedarf groß“, sagt Hawila Middelstaedt. Gerade junge Helfer machten das oft nur ein paar Jahre – während des Studiums zum Beispiel. Das Gros der Helfer ist 60 Jahre alt. Auch bei ihnen kommt die Motivation oft aus selbst gemachten Erfahrungen. Viele wollen im Ruhestand einfach nur etwas Sinnvolles tun.

Ambulante Hospizdienste erhalten Förderbeträge von den Krankenkassen. Die Höhe richtet sich nach der Anzahl der Hospizhelfer und der Sterbebegleitungen pro Jahr. „Doch der Betrag deckt unsere Kosten nicht“, sagt Middelstaedt. „Unterstützung kommt auch vom Freistaat und dem Landkreis sowie durch Spenden.“ So hätten zum Beispiel Familien, die die Hilfe in Anspruch genommen haben, oft das Bedürfnis, zu spenden. Denn jeder Sterbenskranke kann die Unterstützung des Hospizdienstes kostenlos nutzen.

Um den Förderbetrag der Krankenkassen zu bekommen, müssen Hospizhelfer einen 100-stündigen Kurs absolvieren. Er ist für die Teilnehmer kostenlos, wenn sie anschließend im Hospizdienst tätig werden. Vermittelt werden dort Grundkenntnisse über Gesprächsführung, Trauerarbeit und häufig zum Tod führende Krankheiten, aber auch das Erkennen von gefährlichen Situationen, zum Beispiel Atemnot. Wichtig sei aber auch die Selbstreflexion, sagt Landesgeschäftsführer Müller. „Denn Menschen im Sterbeprozess zu begleiten, ist eine psychische Belastung. Man braucht genügend Abstand, obwohl man so nah dran ist.“ Regelmäßig finden in den Hospizdiensten Treffen statt, wo sich die Ehrenamtler über solche Dinge austauschen. „Vor allem aber sind die Koordinatoren dafür da“, so Müller. In sehr schwierigen Fällen würde auch eine psychologische Beratung, eine Supervision, organisiert.

Dennoch können sich die meisten Hospizhelfer keine schönere Arbeit vorstellen: „Da kommt so viel Dankbarkeit zurück. Obwohl wir mit Sterbenden zu tun haben, erleben wir viele glückliche Momente“, sagt Hawila Middelstaedt. Gemeinsam mit dem Verein SOS Leipzig würde versucht, letzte Wünsche zu erfüllen. Das ist ein Verein engagierter Privatpersonen, die sich dieser Aufgabe verschrieben haben. Middelstaedt erinnert sich an eine Frau, die die Hochzeit ihrer Tochter noch miterleben wollte. Da sie bereits bettlägerig war, wurde ein spezielles Fahrzeug gebraucht, das der SOS-Verein organisiert hat. „Ich bin immer noch so unendlich dankbar, wenn ich an das glückliche Gesicht der Frau denke“, sagt sie. Eine andere Sterbende habe sich danach gesehnt, in die Kirche zu gehen. Sie sei wirklich in den letzten Lebensstunden gewesen. „Wir haben alles in die Wege geleitet, dass sie mitten in der Nacht noch in die Kirche gebracht werden konnte. Ihr Gesicht hat sich so entspannt, das Bild habe ich noch vor mir. Es ist wichtig, dass man letzte Wünsche Sterbender ernst nimmt.“

Einen konkreten letzten Wunsch hat Heike Tronick nicht. Doch sie möchte, dass etwas von ihr bleibt. Deshalb malt sie. „Die Bilder sind jetzt ganz schön verwackelt“, entschuldigt sie sich. Sie schreibt auch Tagebuch. Noch ein Projekt hat sie geplant: Aus ihren Lieblingskleidungsstücken soll eine Patchworkdecke entstehen. „Eine Frau aus unserem Verein macht das ehrenamtlich“, sagt Koordinatorin Anne Riedel-Seim. „Vielleicht kann mein Enkelkind dann darauf strampeln, wenn ich längst nicht mehr bin“, sagt Heike.

Hospizhelfer kümmern sich aber nicht nur um die Sterbenden, auch um Familienangehörige. Heike Tronicks Tochter Lara hat eine eigene Begleiterin. „Ich möchte Lara eine Freundin sein, der sie alles erzählen kann“, sagt Hospizhelferin Connie Schmidt. „Bei mir kann sie auch aussprechen, wie sie das alles nervt und wie unglücklich sie über ihre Situation ist. Gegenüber Familienangehörigen geht das oft nicht.“ Mit knapp 30 gehört Schmidt zu den jüngsten im Team. „Lara ist schon so erwachsen, so gefasst. Sie braucht wieder etwas Leichtigkeit und Lebensfreude. Das versuche ich ihr zu geben.“ Schmidt ist sich sicher: „Lara wird ihren Weg gehen – auch ohne Mutter. Sie wird darüber hinwegkommen, denn sie ist ein starkes Mädchen.“

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

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