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Samstag, 28.10.2017

Heilung ausgeschlossen – Hilfe möglich

In Sachsen gibt es 31 Palliativstationen, die sich um Sterbenskranke wie Peter Scholz kümmern. Der Bedarf wächst.

Von Gabriele Fleischer

Peter Scholz hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. In seinen letzten Lebenswochen wird er auf der Palliativstation amSt. Joseph-Stift Dresden betreut – hier von Chefärztin Dr. Barbara Schubert. Sie half ihm, seine schwere Krankheit anzunehmen. Kurz nachdem dieses Foto entstand, ist Peter Scholz daheim gestorben.
Peter Scholz hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. In seinen letzten Lebenswochen wird er auf der Palliativstation am
St. Joseph-Stift Dresden betreut – hier von Chefärztin Dr. Barbara Schubert. Sie half ihm, seine schwere Krankheit anzunehmen. Kurz nachdem dieses Foto entstand, ist Peter Scholz daheim gestorben.

© Ronald Bonß

Peter Scholz sitzt gern im Wohnzimmer der Palliativstation. Der Aufenthaltsraum im Krankenhaus St. Joseph-Stift in Dresden hat tatsächlich etwas Heimisches: eine Sitzecke, ein großes Aquarium und die Möglichkeit für Angehörige, dort auch mal zu übernachten. Sogar Trauzimmer war der Raum schon. Scholz ist 77. An seiner Bauchspeicheldrüse wächst ein Tumor. Die Diagnose vor drei Monaten war für die Familie ein Schock. Wenn die Schmerzen zu Hause unerträglich werden, helfen ihm die Palliativärzte im St. Joseph-Stift. Seine Frau war in dem Krankenhaus 32 Jahre lang Hebamme. Jetzt spürt er selbst, wie dicht Geburt, Leben und Tod beieinander liegen.

Auf Palliativstationen geht es nicht mehr um Heilung, sondern um Linderung von Symptomen wie Atemnot, Erbrechen und Schmerzen. Von den 80 Krankenhäusern in Sachsen haben 31 eine solche
Station. Laut Sozialministerium gibt es im Freistaat knapp 57 Betten pro eine Million Einwohner. 35 Betten hat die Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ des Bundestages empfohlen. Doch der Bedarf wächst. Der Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin fordert deshalb den Ausbau der Palliativdienste in allen Krankenhäusern. „Palliativbeauftragte sollen zunächst an allen Krankenhäusern den Bedarf ermitteln“, sagt Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU).

Eine Palliativstation aber ist nicht nur kleiner und besonders eingerichtet. Sie braucht viel mehr Personal – Pfleger, Schwestern, Sozialarbeiter, Therapeuten, Seelsorger. Auf der Station am St. Joseph-Stift gibt es sechs Einzelzimmer und zwei Doppelzimmer. „Manche Patienten wollen nicht allein im Zimmer sein“, sagt Stationsleiterin Christiane Hoßfeld. In den Zimmern ist Platz für persönliche Fotos. Haustiere dürfen mit reinkommen. Es gibt Betten für Angehörige. Sogar der Wunsch nach Bier oder Eis wird erfüllt. „Und es ist ruhiger“, sagt Peter Scholz. „Die Atmosphäre tut mir gut. Schon die Tür geht anders auf als auf anderen Stationen – ohne Hektik. Ärzte und Schwestern haben Zeit, mit mir zu reden.“ Für Schwerkranke wie Peter Scholz, die wissen, dass sie jeden Tag genießen müssen, ist das keine Selbstverständlichkeit. „Für uns schon“, sagt Stationsleiterin Hoßfeld. „Wir erleben Menschen in Grenzsituationen. Sie müssen nicht die tapferen Kämpfer spielen.“ 75 Prozent der Patienten auf der Station sind unheilbar an Krebs erkrankt. Dazu kommen Krankheiten wie Multiple Sklerose. „68 ist der Altersdurchschnitt. Der Jüngste, den wir betreut haben, war gerade 16 Jahre alt“, sagt Dr. Barbara Schubert, Chefärztin der Fachabteilung für Onkologie, Geriatrie und Palliativmedizin/Klinik für Innere Medizin. Stirbt ein Patient, hätten die Angehörigen Zeit, sich zu verabschieden, mit Blumen, Kerzen und allein. „Wir besprechen mit ihnen vorher, was wir auf dem Sterbebett anziehen – egal, ob es ein Brautkleid ist oder High Heels sind“, sagt Hoßfeld.

Langes Warten auf einen Platz

Sterben gehört auf Palliativstationen dazu. Doch bei mehr als der Hälfte der Patienten können die Beschwerden so gelindert werden, dass sie wieder entlassen werden – nach Hause, ins Pflegeheim oder Hospiz. Auch Peter Scholz konnte nach Hause. Doch als er von der Inneren- auf die Palliativstation verlegt wurde, weil eine Operation bei ihm nicht mehr möglich war, dachte er zunächst: „Jetzt muss ich sterben.“ „Eine weit verbreitete Meinung“, sagt Dr. Schubert. Die Angst könne man vielen nehmen – die Gewissheit, dass sie sterben, nicht. Offenheit ist der Ärztin wichtig. Peter Scholz wusste von Anfang an, wie es um ihn bestellt ist. Er versucht, sich abzulenken und redet viel. Seine Frau, die ihn ebenso wie die Kinder und Enkel regelmäßig besucht, möchte ihn bremsen. Aber er braucht Gespräche, die ihm den Kopf freimachen und Menschen, die ihm zuhören. So erzählt er – aus seinem Berufsleben, als er Holz-Modelle gebaut, eine Gießerei geleitet und um Arbeitsplätze gekämpft hat. 2000 ging er in Rente. Sein Hobby, die achteinhalb Meter lange Jolle, die Ausfahrten auf der Elbe bis zur Müritz, sogar bis Hiddensee, blieben ihm – bis zur Diagnose.

Als Internistin hat Dr. Barbara Schubert die Palliativversorgung im St. Joseph-Stift aufgebaut – die erste in Sachsen. Die Erkenntnis kam ihr bei der Arbeit auf der Station für Inneres. Dort lagen Sterbenskranke neben Menschen, die auf Heilung warteten. Das Engagement brachte ihr Anerkennung und das Bundesverdienstkreuz.

Aus Schuberts Idee ist am St. Joseph-Stift ein Palliativmedizinisches Zentrum geworden. Dazu gehört neben der Palliativstation ein Team für die ambulante Palliativversorgung, eine onkologische Tagesklinik sowie die Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit. „Sterbenskranke brauchen nicht nur Orte, wo sie betreut werden, sondern auch geschulte Ärzte und Pfleger“, sagt Chefärztin Barbara Schubert. Das heißt, Spezialisierung auf Schmerztherapie, lebensverlängernde operative Eingriffe, aber auch Fürsorge und mehr Zeit für Gespräche. Auch dann, wenn bei einem Patienten der Wunsch groß ist, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Aktive Sterbehilfe kommt für das Team nicht infrage. Aber es können Therapien gestoppt werden, wenn der Betroffene diese nicht wünscht oder sie medizinisch nicht mehr sinnvoll sind. Wenn sich die Patienten nicht mehr selbst äußern können, ist eine Patientenverfügung wichtig. Ein Thema, mit dem sich das Ehepaar Scholz erst nach Beginn der Krankheit auseinandergesetzt hat. Ärzte und Pfleger in der Palliativversorgung müssen sich auch damit auskennen. Der Aufbau der Akademie im Nachbarhaus – der einzigen in Sachsen – war für Chefärztin Schubert deshalb wichtig. Sie leitet dort den „Grundkurs Palliativmedizin für Ärzte“. Dabei geht es um Schmerztherapie für Sterbenskranke, psychosoziale Fragen der Betreuung und um Vorsorge. Auch für die Arbeit der ambulanten Palliativteams, die sachsenweit Schwerkranke zu Hause medizinisch betreuen, entwickelte Schubert Konzepte. Für sie gehört Palliativversorgung aber schon in jedes Medizinstudium. Zudem ist ihr die Zusammenarbeit mit Fachkollegen wichtig. Inzwischen hätten sich Medikamente und Therapien zur Schmerzlinderung verbessert, würden Patienten in Behandlungen einbezogen.

Trotzdem gibt es noch Lücken. Manchmal müssen Patienten in der Palliativstation auf einen Heim- oder Hospizplatz warten. Nicht überall findet sich ein solcher in der Nähe. Schubert wünscht sich auch eine bessere Finanzierung von Palliativstationen. Patienten zahlen einen Eigenanteil von zehn Euro pro Tag für maximal 28 Tage im Jahr, die Krankenkassen eine Pauschale je nach Erkrankung, Dauer und medizinischen Maßnahmen. Für eine Palliativstation allerdings sei das schwierig, so Schubert. „Die Erkrankung Sterbenskranker schreitet voran. Es gibt keine Erlöse durch Operationen, dafür einen hohen Pflege- und Personalaufwand.“

Mehr Lebensqualität – für kurze Zeit

Die Chefärztin vermisst auch eine bessere Qualitätskontrolle und eine Vergleichbarkeit der Palliativangebote. Laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen werden Pflegemaßnahmen, Mobilität, Ernährung der Patienten und ein qualifikationsgerechter Einsatz des Personals geprüft. Kontrolliert wird auch, ob es Konzepte zur Sterbebegleitung gibt – allerdings nicht, wie sie umgesetzt werden. Wie zum Beispiel werden Bedürfnisse Sterbender ernst genommen, wie Wünsche erfüllt? Transparenz darüber fehlt Dr. Schubert. Die sei wichtig, auch im Interesse von Patienten wie Peter Scholz. Nach einer Schmerzattacke im Bauch war er das zweite Mal auf der Station. Es wurde ihm ein Port unter die Haut gepflanzt. Damit können Schmerzmittel gegeben werden, ohne nach Venen suchen zu müssen. Peter Scholz gewann so Lebensqualität. Wenn auch nur für kurze Zeit. Inzwischen ist er zu Hause verstorben – im Kreis seiner Familie.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

Weitere Informationen unter www.dhpv.de oder beim Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin Sachsen: www.hospiz-palliativ-sachsen.de

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