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Mittwoch, 16.08.2017 Doktor Digital

Ferndiagnose im Krankenhaus

Wie Patienten in kleinen Kliniken vom Wissen der Spezialisten profitieren – und warum vieles nur Stückwerk ist.

Von Steffen Klameth

Im Tumorboardraum treffen sich auch Spezialisten für HNO-, Lungen- und Hautkrebserkrankungen.
Im Tumorboardraum treffen sich auch Spezialisten für HNO-, Lungen- und Hautkrebserkrankungen.

© Matthias Rietschel

Uniklinikum Dresden, Haus 31, Erdgeschoss. „Tumorboardraum“ steht auf dem Schild neben der Tür. Fünf Mediziner und eine Dokumentarin sitzen an einem Konferenztisch, den Blick auf einen übergroßen Bildschirm an der Wand gerichtet. Rechts sieht man Befunde und CT-Bilder, links zwei Frauen und einen Mann vor einer Schrankwand – es sind Ärzte vom Kreiskrankenhaus Freiberg. Per Videotelefonie besprechen sie eine halbe Stunde lang mit den Dresdner Experten die weitere Behandlung von vier Krebspatienten. OP? Adjuvante Chemotherapie? Oder nur beobachten?

Jeden Dienstag gibt es das Tumorboard, seit sieben Jahren schon. Damals war es in dieser Form einmalig in Deutschland. Heute gehören Videokonferenzen zum Alltag in vielen Kliniken. Nicht nur Freiberg, sondern auch das Elblandklinikum Riesa und das St. Joseph-Stift Dresden nutzen die Expertise des Dresdner Universitätskrebszentrums, wo Ärzte verschiedener Fachrichtungen kooperieren. „Das Tumorboard bringt für beide Seiten Vorteile“, sagt Dr. Gunnar Folprecht, Leiter der Onkologie. Die kleineren Krankenhäuser profitieren vom Wissen und der Erfahrung der Hochschulmediziner – und Dresden akquiriert auf diese Weise Patienten für hochspezialisierte Behandlungen wie die Strahlentherapie oder für Studien.

Bei der Technik wird gespart

Digitale Technik gehört in Krankenhäusern schon lange zum Alltag. Doch die Nutzung im Sinne der Telemedizin – also etwa zum Austausch von Informationen zwischen den Ärzten oder zwischen Ärzten und Patienten – hat vergleichsweise spät begonnen. Eine aktuelle Umfrage der Sächsischen Krankenhausgesellschaft ergab, dass bisher erst zwei Drittel der Kliniken Smartphones und Tablets benutzen. Eine knappe Mehrheit verwendet telemedizinische Anwendungen. Ein Grund sei die „dünne Finanzdecke“, sagt René Schubert, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhaus TrustCenter und Informationsverarbeitung GmbH. Einerseits werde Telemedizin meist nur bei Vertragsärzten gefördert. Andererseits gebe es durch die Investitionen kaum kurzfristige Einsparungen. Doch die seien oft kaufentscheidend.

Und dann ist da noch die Technik selbst. Jedes Krankenhaus hat sein eigenes Verwaltungssystem mit eigenen Patientennummern – ein Hindernis für den Austausch der Informationen unter den Kliniken sowie zwischen Kliniken und Praxen. „Es gibt nur Insellösungen“, klagt Dr. Frank Nüßler, IT-Leiter am Klinikum Chemnitz. Die Beispiele für telemedizinische Anwendungen kann er an einer Hand aufzählen.

Eines davon ist das Schlaganfall-Netzwerk Südwestsachsen. Die Idee ähnelt der des Tumorboards: Kleinere Krankenhäuser, die nicht über die nötigen Experten verfügen, können in Notfällen die Hilfe sogenannter Stroke Units in Anspruch nehmen – und zwar rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Anhand von Videobildern und Computertomografie-Aufnahmen stellen spezialisierte Neurologen in der Ferne die Diagnose und besprechen mit dem Internisten vor Ort die Therapie. So kann den Patienten auch jenseits größerer Städte schnelle Hilfe zuteil werden, die hier besonders wichtig ist. Denn nach einem Hirninfarkt drohen schon binnen kurzer Zeit bleibende Behinderungen und schlimmstenfalls der Tod. Ähnliche Netzwerke wie in Westsachsen gibt es auch für die Regierungsbezirke Dresden (SOS-Net) und Leipzig (Tessa).

Das SOS-Net besteht mittlerweile fast zehn Jahre. Bis heute dient es als Vorbild dafür, wie Telemedizin die medizinische Versorgung trotz alternder Bevölkerung und Einwohnerschwundes sichern kann. Inzwischen ist das Dresdner Uniklinikum den nächsten Schritt gegangen. Gemeinsam mit der TU Dresden und der Carus Consilium GmbH (CCS) entwickelte man einen Plan, damit Patienten auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus und der Reha-Einrichtung engmaschig betreut werden. Die Lösung: Die betreuenden Haus- und Fachärzte erhalten ebenfalls Zugang zum SOS-Net. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen dieselben Institutionen mit dem Telemedizinischen Netzwerk Psychotraumatologie. Auch hier geht es darum, Patienten kontinuierlich und möglichst abgestimmt zu betreuen – egal, bei welchem Arzt sie gerade in Behandlung sind.

Beide Projekte sind zunächst nur für zwei bzw. drei Jahre angelegt. Sie werden von der Europäischen Union gefördert und gehören zu jenen Leuchttürmen, mit denen die sächsische Politik Zeichen setzen will; Kritiker deuten es allerdings eher als Aktionismus und warnen davor, dass insbesondere niedergelassene Ärzte von der Entwicklung abgehängt werden.

CCS-Geschäftsführer Dr. Olaf Müller sieht das anders. Das Carus Consilium verstehe sich als Netzwerk von Partnern aus allen Bereichen des Gesundheitswesens in Ostsachsen. Aus seiner Sicht könnten noch viel mehr Einrichtungen – auch Krankenhäuser – mitmachen. Dazu wurde in Kooperation mit der Telekom-Tochter T-Systems eine eigene Plattform errichtet. „CCS Telehealth Ostsachsen ist das europaweit erste offene, überregionale Telematik-Netzwerk für die medizinische Versorgung“, betont Müller. Die Nutzer könnten damit Daten sicher austauschen, das System sei auch kompatibel mit der Telematik-Infrastruktur, die für die elektronische Gesundheitskarte geschaffen wird. Das Problem sind wieder einmal die vielen verschiedenen IT-Systeme der Krankenhäuser.

Vieles möglich, nicht alles sinnvoll

Insbesondere in der Herzmedizin gehört die Fernüberwachung von Patienten schon geraume Zeit zum Alltag. Ärzte können so in Notfällen schneller eingreifen, Krankenhauseinweisungen werden vermieden, Nachsorgeuntersuchungen sind seltener nötig. Das gelte insbesondere für die telemedizinische Nachsorge von Implantaten wie Defibrillatoren, sagt Professor Stefan Spitzer, Hauptgeschäftsführer der Praxisklinik Herz und Gefäße in Dresden. Doch nicht alles, was möglich ist, sei auch sinnvoll, betont er. Insbesondere die telemedizinische Überwachung von Patienten mit Herzinsuffizienz habe in den meisten wissenschaftlichen Studien nur einen geringen Nutzen gezeigt. Bis heute existierten in den Leitlinien der Fachgesellschaft eher schwache Empfehlungen zum Einsatz der Telemedizin bei Herzerkrankungen. Doch das könnte sich rasch ändern, hofft der Kardiologe: „Neuere Studien zeigen, dass implantierte Sensoren heute in der Lage sind, viel früher Alarm zu schlagen und gegebenenfalls den Notfall abzuwenden.“

Ein anderes Beispiel sind nur wenige Zentimeter große Monitore, die unter die Haut gespritzt werden und mit denen Patienten mit unklaren Herzrhythmusstörungen kontinuierlich überwacht werden können. Ein Sender neben dem Bett übermittelt einmal am Tag die Daten an die Klinik. Das Herzzentrum Dresden setzt seit April die neueste Generation dieser Technik ein. „Das Implantat sendet die Herzdaten jetzt per App auf dem Smartphone automatisch an den Arzt“, erläutert Chefarzt Dr. Christopher Piorkowski. Vorteil: „Der Patient bekommt sofort eine Rückmeldung und wird viel engmaschiger betreut.“ Insgesamt überwacht die Universitätsklinik die Werte von mehr als 1 700 Herzpatienten aus ganz Deutschland.

Für Markus Müschenich ist all das erst der Anfang. Der Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin entwirft für das Gesundheitswesen eine kühne Vision, die auch die Kliniken nicht verschonen wird. „Bereits in wenigen Jahren werden offiziell zertifizierte und akkreditierte Expertensysteme zur digitalen Standardausstattung eines Krankenhauses gehören“, schreibt er im Krankenhaus-Report 2017. Diese Systeme machen automatisch Vorschläge zur Diagnostik und Therapie – und wohl auch ein Tumorboard überflüssig.

Lesen Sie am Sonnabend Teil 5 unserer Serie „Doktor Digital“: Die Spinner von Leipzig – Wo an neuen Ideen für unsere Gesundheit getüftelt wird.

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