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Donnerstag, 17.08.2017

Der Saftschwindel

Es sieht aus wie Saft, ist aber keiner: Hersteller täuschen mit Verpackungstricks Qualität vor, kritisiert Foodwatch.

Orangensaft aus richtigen Früchten oder doch nur ein mit Wasser und Zucker verdünnter Saft?
Orangensaft aus richtigen Früchten oder doch nur ein mit Wasser und Zucker verdünnter Saft?

© dpa

Ein knackiger Apfel, jede Menge Himbeeren, darüber der Schriftzug Happy Day, glücklicher Tag: Was auf der Verpackung des Himbeer – Rosa Pfeffer-Getränks der Firma Rauch abgebildet ist, sieht frisch und obstig aus. Doch im Tetra Pak verbirgt sich nach einer Recherche der Verbraucherorganisation Foodwatch ein mit Wasser und Zucker verdünnter, aromatisierter Apfelsaft. Der Anteil an Himbeermark: gerade mal 7,5 Prozent.

Das erfährt jedoch nur, wer die Ver-
packung umdreht „und sich durch einen Dschungel aus Kleingedrucktem in 16 Sprachen kämpft“, kritisiert Sprecherin
Sarah Häuser. Ähnlich, sagt sie, machen es auch andere Hersteller. Etwa Albi: Dessen Produkt „Guave Maracuja“ enthalte lediglich ein Prozent Maracujasaft, obwohl der Hersteller saftige Früchte abbildet. Bei Beckers Bester ist das Produkt „Kirsche“ auf den ersten Blick nicht vom Produkt „Orange“ zu unterscheiden: gleiche Flasche, gleicher Preis, vorne das gleiche Etikett. Nur wer die Rückseite studiert, erkennt, dass „Orange“ ein echter Saft aus 100 Prozent Frucht ist, die „Kirsche“ hingegen ein Nektar mit nur 35 Prozent Obst und vor allem Wasser. Und immer wieder passiert es, dass Hersteller Nektare und Fruchtsaftgetränke auf ihrer Internetseite unter der Rubrik „Säfte“ anpreisen.

Das sind nach Angaben von Foodwatch nur drei Beispiele, wie etliche Getränkehersteller über das Etikett sowie übers Marketing echten Saft vortäuschen. Bei einem Test sind sechs Hersteller durchgefallen – darunter auch ein Saftproduzent aus Sachsen. Die Lausitzer Früchteverarbeitung GmbH in Sohland schreibe auf die Vorderseite der Verpackung zwar „Kiba – Kirsch, Banane“ und „ein fruchtiges Glas Heimat“, doch verstecke auf der Verpackungsseite den Hinweis, dass das Fruchtsaftgetränk „mindestens 30 Prozent Fruchtgehalt“ habe. Ein „Schummelprodukt“, so Foodwatch. Die Kritik an Lausitzer, Albi, Rauch, Beckers Bester, Voelkel und Solevita: Wie hoch der Fruchtanteil ist, und ob es sich um einen echten Saft oder nur um einen verdünnten Nektar oder ein aromatisiertes Fruchtsaftgetränk handelt, erfahre der Käufer nur rückseitig im Kleingedruckten. Die Vorderseite suggeriere etwas anderes.

Hersteller müssten ihre Produkte endlich klar kennzeichnen, fordert Foodwatch. „Es ist ärgerlich, wenn man selbst am Saftregal den Zutaten-Detektiv spielen soll“, kritisiert Sophie Unger, bei Foodwatch für Kampagnen zuständig. Fruchtgehalt und Getränkeart gehörten auf die Vorderseite. Denn gerade bei Fruchtgetränken ist das Verwirrspiel im Supermarkt groß. Zwischen den verschiedenen Getränkearten gibt es extreme Qualitätsunterschiede.

Saft oder Nektar? Die Unterschiede

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Weltmeister: Mit 33 Litern pro Kopf und Jahr sind die Deutschen Weltmeister im Verzehr von Säften und Nektaren. Doch wissen sie immer, was sie da trinken? Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Verpackungen zahlreicher Nektare und Fruchtsaftgetränke nicht von denen echter Säfte – wohl aber erheblich in ihrer Qualität.

Saft gibt es aus Konzentrat und als Direktsaft. Beides besteht zu 100 Prozent aus Früchten. Bei Konzentrat werden die Früchte schon in den Anbauländern ausgepresst und eingedickt. In Deutschland wird das Konzentrat dann in einem bestimmten Verhältnis mit speziell aufbereitetem Wasser angereichert und zurückverdünnt. Bei Direktsaft hingegen wird der ausgepresste Saft direkt abgefüllt.

Nektar darf je nach Sorte 50 bis 75 Prozent mit Wasser, Säure und Zucker verdünnt werden und fruchteigene Aromen enthalten.

Fruchtsaftgetränke sind aromatisierte Getränke mit geringerem Fruchtanteil (sechs bis 30 Prozent).

Wellnessgetränke enthalten oft gar keine Früchte, sondern nur Aromastoffe, obwohl die Hersteller gerne großflächig Früchte abbilden.

Hinzu kommt: Den Unterschied zwischen Saft oder Nektar kennen die wenigsten Verbraucher. Nach der Verpackung sieht das meiste wie Saft aus. Positive Ausnahmen laut Foodwatch: Die Rewe-Eigenmarke „ja!“: Beim ACE-Vitamin-Getränk stehe ein gut lesbarer Hinweis auf den Saftgehalt von 32 Prozent auf der Vorderseite des Etiketts. Gleiches gilt für den 50-prozentigen Fruchtgehalt beim „Gut und günstig“-Apfel Nektar“ von Edeka.

Die ersten Hersteller haben auf die Kritik und Unterschriftenkampagne von Foodwatch reagiert. Voelkel etwa kündigte an, seine Saft- und Saftmischgetränke verständlicher zu kennzeichnen. „So schnell wie möglich“ wolle man „die Etiketten umgestalten“ und den Fruchtgehalt „direkt auf der Front“ angeben. Auch Discounter Lidl zeigt sich bereit, die Kennzeichnung seiner Eigenmarke zu prüfen und „gegebenenfalls Maßnahmen einzuleiten“.

Und in Sachsen? Werner Deharde, Geschäftsführer der Lausitzer Früchteverarbeitung GmbH, erklärte auf SZ-Nachfrage, man habe „den Trend, dass unsere Kunden mehr Informationen auf der Vorderseite des Etikettes haben wollen, erkannt“. Nun arbeite das Unternehmen „am Relaunch für die Kartonverpackung“. Änderungen würden im nächsten halben Jahr im Markt gezeigt, so Deharde.

Dass sein Unternehmen auch verbraucherfreundlicher kann, zeigt der Sauerkirschnektar. Bei diesem stehen bereits jetzt der Hinweis „mindestens 40 Prozent Fruchtgehalt“ und die Getränkeart auf der Vorderseite. „Offensichtlich weiß das Unternehmen, dass eine ehrlichere Kennzeichnung möglich ist“, sagt Foodwatch-Sprecherin Häuser.

www.aktion-saftschwindel.foodwatch.de

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