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Mittwoch, 31.01.2018 Rauszeit

„Das Glück liegt vor Ihrer Haustür“

Die neue SZ-Kolumnistin Beate Hofmann über Auszeiten, Vitamin N und den Weg raus aus dem Hamsterrad.

Von Katrin Saft

Krafttankstelle Natur: Beate Hofmann und ihr Mann Olaf genießen die Abendstimmung am See in Moritzburg.
Krafttankstelle Natur: Beate Hofmann und ihr Mann Olaf genießen die Abendstimmung am See in Moritzburg.

© Thomas Kretschel

Beate Hofmann und ihr Mann Olaf aus Radebeul haben die Natur als Kraftquelle für seelische Balance und Gesundheit entdeckt. In Büchern, Seminaren und Vorträgen wollen sie Menschen ermutigen, ihre Träume zu leben, indem sie Verantwortung für ihre persönliche Leistungskraft und Lebensfreude übernehmen. Wie das geht, darüber wird Beate Hofmann ab morgen einmal monatlich in der neuen Kolumne „Rauszeit“ schreiben.

Frau Hofmann, Sie und Ihr Mann haben gewagt, wovon viele Stressgeplagte insgeheim träumen: Job gekündigt, Haus verkauft, Versicherung aufgelöst und ein Jahr Auszeit in Kanada genommen. Was war der Auslöser für so einen radikalen Schritt?

Auch wir standen unter Leistungsdruck und Stress und haben gespürt, dass das bis zur Rente mit 67 nicht so durchzuhalten ist. Das Leben ist unendlich schön, aber nicht unendlich lang. Wir wollten mehr Zeit investieren in die Familie, in die Partnerschaft und in Dinge, die uns Freude bereiten und die als Rentner vielleicht nicht mehr so ohne Weiteres möglich sind.

Vielen Menschen fehlt für so eine Auszeit aber das nötige Geld.

Das Argument höre ich oft. Wichtiger als Geld ist allerdings, einen Traum zu haben und den Mut, die Verantwortung für seine Umsetzung zu übernehmen. Bist du bereit, dein bisheriges Leben zurückzulassen und in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache zu gehen, wo du keinen kennst und ganz von vorne anfängst? Wenn du solche Fragen mit Ja beantwortest, bekommst du das auch irgendwie hin.

Sie sagen, die Auszeit hat Ihr Leben grundsätzlich verändert. Inwiefern?

Wir haben mit alten Augen neu sehen gelernt. Man schätzt Dinge in Deutschland plötzlich wieder viel mehr, die hier selbstverständlich erscheinen: die kostenlose Schule, das gute Gesundheitssystem. Der hemdsärmelige Optimismus der Kanadier war Balsam für unsere Seele. Die Menschen dort haben viel weniger und sind trotzdem glücklich. Denn Glück ist keine Frage von Konsum und vollen Kleiderschränken. Wir haben manchmal in der Pampa am Feuer gesessen und uns gefreut, dass die regennassen Sachen wieder trocken wurden. Solche Erfahrungen geben Selbstsicherheit, Probleme lösen zu können. Sie bringen ein Gefühl von Freiheit und geben einem die Möglichkeit, seinen eigenen Nordstern zu finden.

Und wie sieht Ihr Nordstern aus?

Der Nordstern ist mein Fixpunkt, an dem ich mich orientieren kann. Für mich persönlich ist das die Frage, ob ich in meinem Leben so gelebt habe, dass ich heute sterben könnte, ohne bedauern zu müssen, dass ich etwas verpasst, nicht geregelt oder gemacht habe. Viele denken, sie müssten unbedingt noch mal reisen, den Machu Picchu gesehen haben. Aber fragt man Sterbende, so bedauern sie am meisten, zu wenig Zeit mit Menschen verbracht zu haben, die ihnen lieb sind.

Nun sind Sie seit fast sieben Jahren zurück. Wie gelingt es Ihnen, Ihre Zuversicht und Erkenntnisse im deutschen Alltag weiterzuleben?

Indem wir unserer Maxime treu bleiben: „Deine Zeit ist dein Leben. Sei klug!“ In Vorträgen und Seminaren zeigen wir Menschen, dass das Glück draußen vor ihrer Haustür liegt. Nicht jeder kann eine monatelange Auszeit nehmen. Aber oft helfen schon Micro-Auszeiten: einfach raus dem Büro, raus aus eingefahrenen Denkmustern, raus aus der Frustfalle und rein in die Natur. Dort kann man sich an vielen kleinen Dingen erfreuen und wunderbar Kraft und Hoffnung tanken.

Sie nennen Ihr Konzept grüne Resilienz. Vor ein paar Jahren hat kaum jemand das Wort Resilienz gekannt. Jetzt scheint es das neue Patentrezept gegen Burn-Out zu sein.

In der Fachliteratur wurde schon in den 80er-Jahren von Resilienz – der psychischen Widerstandsfähigkeit – gesprochen. Inzwischen haben Firmen das Thema vor allem für ihre Führungskräfte entdeckt. Es geht darum, was Menschen widerstandsfähiger macht und ihnen hilft, nach Krisen wieder aufzustehen.

Was macht denn widerstandsfähiger?

Wir unterscheiden äußere und innere Faktoren. Ein ganz wichtiger äußerer Faktor ist eine Person, die Rückhalt gibt, die sagt: du schaffst das. Das müssen nicht die Eltern, sondern können auch Freunde sein. Ein innerer Faktor ist Selbstvertrauen. Schon Kinder sollten deshalb Dinge selbst machen dürfen und nicht überall gepampert werden. Wichtig ist zudem, dass man das, was passiert ist, akzeptieren kann. Statt zu jammern, was hätte sein können, sollte man nach Lösungen suchen. Dazu braucht es Zuversicht und Optimismus.

Und den findet man im Wald?

Im Wald, aber auch an der Elbe, auf einem Hügel oder einer grünen Dachgartenoase. Die Natur hat nachweislich eine positive Wirkung auf Körper und Geist, und das fast nebenbei. Das Licht ist intensiver, man fühlt sich besser nach der Bewegung. Wir nennen es Vitamin N wie Natur, und das ist völlig kostenlos. Wer raus geht, kommt anders zurück, ist gelassener und besser drauf. Viele versuchen heute, allen Dingen gleichzeitig gerecht zu werden. In der Natur findet ihre Seele eine Insel, auf der sie auch mal zur Ruhe kommen kann. Die Sehnsucht danach ist groß. Nicht umsonst sind Bücher wie von Förster Peter Wohlleben oder Zeitschriften wie Landlust so erfolgreich. Da ist allerdings auch viel verklärte Romantik dabei. Eines unserer Bücher zeigt uns beim Sonnenuntergang vor einem Feuer am Wasser. Das kenne ich, hat eine Frau zu uns gesagt, das ist doch der Lake Louise. Es war die Talsperre Kriebstein.

Wie oft gehen Sie raus?

Jeden Tag – auch wenn das Wetter mal nicht ideal ist oder ich keine Lust habe. Ich mache morgens zum Beispiel einen Spaziergang mit dem Hund oder nehme in der Mittagspause eine Lichtdusche. Ich freue mich daran, wie sich die Bäume im Wechsel der Jahreszeiten verändern, wie jetzt schon die ersten Knospen sprießen. Und mein Mann und ich gönnen sich regelmäßige Micro-Auszeiten. Wir suchen Plätze, an denen wir uns wohlfühlen, nehmen einen Picknickkorb mit und schlafen die Nacht draußen.

Sie sehen nicht gerade wie ein Outdoorfreak aus.

Das muss man auch nicht sein. Es braucht nicht viel mehr als eine Isomatte und einen Schlafsack. Man schaut in den Himmel – den gleichen Himmel wie in Kanada. Man fühlt die Freiheit, kann zu sich selbst kommen, den Partner neu wahrnehmen. Wir sind ja keine Aussteiger und auch nicht gegen Leistung. Aber wer leisten will, muss auch Kraft tanken. Statt immer nur über Alltagsprobleme zu reden, bringen die Micro-Auszeiten plötzlich wieder Zeit für intensivere Gespräche über Sinn und Werte. Eine Lebensaufgabe, die sich in jeder Lebensphase wieder neu und anders stellt.

Infos zu Beate Hofmann:

  • aufgewachsen im heutigen Chemnitz,
  • reiste noch vor der Wende in den Westen aus und studierte Religionspädagogik in Ludwigsburg,
  • arbeitete zwölf Jahre als Religionslehrerin in Stuttgart und sieben Jahre als Landesreferentin in der evangelischen Jugendarbeit,
  • ist verheiratet und hat drei Kinder,
  • kündigte 2010 ihren Job, um mit Mann und jüngster Tochter eine einjährige Auszeit in Kanada zu nehmen,
  • ging zurück nach Sachsen und nahm eine Halbtagsstelle als Dozentin an der Ev. Hochschule in Moritzburg an;
  • gründete mit ihrem Mann die Hope & Soul Company, absolvierte eine Ausbildung als systemischer Coach, gibt Resilienzseminare und hält Vorträge,
  • verwirklichte ihren Traum vom Schreiben, inzwischen 5 Sachbücher.

www.hopeandsoul.com