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Montag, 11.06.2018

Angst vorm plötzlichen Kindstod

Eine falsche Lage kann Babys das Leben kosten. Aber es gibt noch andere Ursachen, dass sie das erste Jahr nicht überleben.

Von Walter Willems

Gefährliche Bauchlage. Grundsätzlich raten Mediziner, Kinder im ersten Lebensjahr in einem Schlafsack schlafen zu lassen – im eigenen Bett, ohne Kissen oder Plüschtiere. Und vor allem: in Rückenlage.
Gefährliche Bauchlage. Grundsätzlich raten Mediziner, Kinder im ersten Lebensjahr in einem Schlafsack schlafen zu lassen – im eigenen Bett, ohne Kissen oder Plüschtiere. Und vor allem: in Rückenlage.

© 123rf/Diana Taliun

Der Widerspruch zu den Empfehlungen internationaler Fachärzte kam von einem medizinischen Laien. Kriminalkommissar Roland Zumpe aus Delmenhorst bei Bremen äußerte Zweifel daran, dass die Bauchlage die optimale Schlafposition für Babys sei. Das war 1973. Der Polizist schrieb in der Zeitschrift Kriminalistik: „Es kommen Bedenken auf, ob die Eltern die moderne Empfehlung zur Bauchlage richtig anwenden, wenn in einem relativ kleinen Dienstbereich im Zeitraum von knapp zwei Jahren fünf Fälle bekannt wurden, in denen Säuglinge erstickt sind, ohne Erbrochenes eingeatmet zu haben.“ In allen Fällen hätten die Kinder mit dem Gesicht auf einem mehr oder weniger weichen Babykissen oder einer Decke geruht.

Zwei Jahre vorher hatten Kinderärzte auf einer internationalen Tagung in Wien die Bauchlage als Schlafposition empfohlen. Dies bessere die motorische Entwicklung, fördere tiefen Schlaf und schütze das Kind davor, Erbrochenes einzuatmen, glaubten Experten damals. Danach stiegen die Fälle von plötzlichem Kindstod – dem Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) – deutlich an. Die Empfehlung habe mehrere Zehntausend Kinder das Leben gekostet, schrieb der Rechtsmediziner Jan Peter Sperhake vom Hamburger Universitätsklinikum im Fachblatt Rechtsmedizin.

Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar ist nicht nur die damalige, wissenschaftlich ungeprüfte Empfehlung, sondern auch der Umstand, dass sich dieser Irrglaube – trotz vieler Warnhinweise – jahrzehntelang hielt. „Es ist unglaublich, dass das so lange gedauert hat“, sagt Sperhake. „Aber wenn international angelegte Kampagnen einmal in der Welt sind, lassen sie sich nur schwer wieder rückgängig machen.“

In der DDR wurde der Fehler rasch erkannt. Nach mehreren auffälligen Todesfällen erlaubte das Gesundheitsministerium schon im Frühjahr 1972 die Bauchlage für Kinder in Krippen nur noch im Wachzustand und unter Beobachtung.

In der Bundesrepublik widersprachen der Kinderarzt Gerhard Jorch und vier Kollegen der Lehrmeinung Ende 1991 im Deutschen Ärzteblatt: „Angesichts von jährlich mehr als 1 000 solcher SIDS-Todesfälle allein in den alten Bundesländern muss die Frage gestellt werden, ob nicht auch hierzulande der Zeitpunkt für die Warnung vor der Bauchlage als Schlafposition gekommen ist“, schrieben sie. „Damals rief mich einer der führenden Kinderärzte in Deutschland an und sagte, dass ich nach diesem Artikel verbrannt bin“, erinnert sich Jorch. Der Kollege behielt unrecht. Jorch ist seit 1998 Direktor der Uni-Kinderklinik Magdeburg. „Es gab schon lange Hinweise darauf, dass die Bauchlage gefährlich ist“, sagt Jorch. „Aber daraus ist nie eine Kampagne geworden.“

Das änderte sich erst nach der Wiedervereinigung, nicht zuletzt dank Jorchs Artikel im Ärzteblatt. In Zahlen: 1991 starben in Deutschland noch 1 285 Babys am plötzlichen Kindstod, die weitaus meisten davon im Westen. Danach fiel der Wert stetig. Im Jahr 2015 waren es laut Statistischem Bundesamt 127 Kinder – ein Rückgang um gut 90 Prozent.

Risiko noch nicht völlig gebannt

Trotz der positiven Entwicklung, noch immer zählt der plötzliche Kindstod, neben angeborenen Fehlbildungen, zu den häufigsten Todesursachen von Kindern im ersten Lebensjahr. Und noch immer gibt das Phänomen Medizinern Rätsel auf. Das liegt auch in der Definition begründet: „Vom plötzlichen Kindstod spricht man dann, wenn ein Kind im ersten Lebensjahr unerwartet stirbt und man keine Ursache im herkömmlichen Sinn findet“, sagt Jorch. „Plötzlicher Kindstod ist keine Diagnose, sondern ein Ausschlussverfahren.“

Demnach umfasst das Phänomen Todesfälle, die medizinisch nicht erklärt werden können. Sobald es eine Diagnose gibt, kann es sich nicht mehr um den Plötzlichen Kindstod handeln. Oft wird betont, dass Jungen stärker gefährdet seien als Mädchen. Jorch führt dies darauf zurück, dass Jungen generell etwas anfälliger für Gesundheitsprobleme seien. Laut Statistik starben 2015 genau 67 Jungen und 60 Mädchen an SIDS. Das gefährlichste Alter ist die Phase vom zweiten bis vierten Lebensmonat. Jorch führt das darauf zurück, dass Kinder in diesem Alter mobiler werden. „Kinder können sich dann eher in eine gefährliche Lage bringen, sich aber noch nicht daraus befreien.“

Sperhake hat eine weitere Erklärung: „Nach der Geburt ändert sich der Sauerstoffträger Hämoglobin bei Kindern“, erläutert der Mediziner. „Diese Übergangsphase erreicht im 3. Lebensmonat eine Talsohle.“ Ärzte sprechen von einer Dreimonatsanämie. „Wenn es Kindern aus irgendeinem Grund an Sauerstoff mangelt und sie weniger Sauerstoffträger im Blut haben, sind sie besonders anfällig.“

Neben der Schlafposition steigern weitere Faktoren das Risiko – insbesondere wird in betroffenen Familien überproportional oft geraucht. „Untersuchungen in den Jahren 1996 bis 2001 zeigten, dass über 20 Prozent aller Schwangeren rauchten, in der Gruppe der Mütter, deren Kinder am SIDS verstarben, waren es über 60 Prozent“, schrieb das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Bericht zur Kindergesundheit. „Auch mütterliches Rauchen nach der Schwangerschaft ist mit einem erhöhten SIDS-Risiko assoziiert und erhöht zudem das Risiko für Säuglinge, wenn diese im Bett der Eltern schlafen.“

Auch eine Überhitzung kann gefährlich werden, ebenso wie schwere, dicke Decken. „Ein großer Teil dieser Kinder stirbt nassgeschwitzt unter der Bettdecke“, sagt Jorch. Weiche Matratzen oder Kissen im Babybett seien ebenfalls riskant, sagt Sperhake. Er nimmt in Hamburg immer wieder Orte in Augenschein, an denen Kinder gestorben sind. „Es geht darum, sich ein Bild der Umstände zu machen und Besonderheiten zu finden.“

In einem Fall starb das Kind in einem „Krater“ im Bett. „Die Matratze war sehr weich, zudem fehlten darunter zwei benachbarte Latten und der Säugling lag unter einer Erwachsenendecke“, sagt der Rechtsmediziner. „Das Kind konnte sich gar nicht befreien.“ Gerade in Bauchlage bergen Dellen in der Unterlage zudem die Gefahr, dass sich darin ausgeatmetes Kohlendioxid anreichert, das die Kinder dann einatmen.

Meist nicht nur eine Ursache

Grundsätzlich gehen die Experten davon aus, dass meist verschiedene Faktoren zusammenkommen: eine kritische Entwicklungsphase, eine besondere Verletzlichkeit, etwa durch Erbanlagen oder eine frühe Geburt, sowie äußere Stressfaktoren, wie etwa eine Bauchlage.

Unklar war bislang der Einfluss genetischer Faktoren, mit dem sich nun zwei Studien beschäftigten. So prüfte ein internationales Forscherteam den Einfluss einer seltenen Mutation im Gen SCN4A, die die Atemmuskulatur beeinträchtigt. Dazu untersuchten sie 278 Kinder, die am plötzlichen Kindstod gestorben waren, und 729 andere. Sechs der verstorbenen Kinder trugen die Variante, aber niemand aus der Kontrollgruppe.

In der zweiten Untersuchung prüften US-Mediziner Dutzende Genmutationen, die die Anfälligkeit für Herzerkrankungen steigern. Von den 419 untersuchten Kindern hatten gut vier Prozent eine klinisch auffällige Variante. „Wir wissen jetzt, dass die große Mehrheit der SIDS-Fälle nicht von genetisch bedingten Herzerkrankungen herrührt“, sagt Studienleiter Michael Ackerman von der Mayo Clinic in Rochester. „Erbanlagen scheinen zwar eine Rolle zu spielen, aber keine besonders große“, sagt Sperhake. Kinderarzt Jorch pflichtet bei: „Das würde in Deutschland nur wenige Fälle pro Jahr betreffen.“

Grundsätzlich raten Mediziner, Kinder im ersten Lebensjahr in einem Schlafsack schlafen zu lassen – im eigenen Bett, ohne Kissen oder Plüschtiere. Und vor allem: in Rückenlage. „Im Gegensatz zu der alten Bauchlage-Empfehlung ist dieser Rat wissenschaftlich abgesichert“, betont Rechtsmediziner Sperhake.