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Donnerstag, 26.04.2018 Kolumne: Kinder, Kinder!

Aggressive Enkelin

Meine Enkelin (14) stellt ihre Mutter vor Probleme. Die beiden leben allein mit 14-tägigen Kontakten zum Vater am Wochenende. Wenn sie vom „Papa-Wochenende“ kommt, ist sie sehr aggressiv. Was können wir tun?

Von Prof.Veit Rößner

Professor Dr. Veit Rößner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Dresden.
Professor Dr. Veit Rößner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Dresden.

© privat

Meine Enkelin (14) stellt ihre Mutter – meine Tochter – vor unlösbare Probleme. Seit ihrer Einschulung leben die beiden allein mit 14-tägigen Kontakten zum Vater am Wochenende. Wenn sie vom „Papa-Wochenende“ wieder nach Hause kommt, ist sie ihrer Mutter gegenüber sehr aggressiv. Von Anfang an hatte sie große Probleme in der Schule und ist inzwischen adipös. Ihre Mutter hat schon zahllose Hilfemöglichkeiten genutzt. Was können wir noch tun?

Ihre Enkelin ist gerade mit einigen Belastungssituationen gleichzeitig konfrontiert.

Ihre Eltern leben getrennt. Ständig muss sie zwischen zwei Welten springen, ist mit wechselnden Freiheiten, Regeln und Grenzen konfrontiert. Zudem befindet sie sich mitten in der Pubertät, dem Entwicklungsabschnitt des „Grenzen-Austestens“, in welchem Abgrenzungsversuche der Heranwachsenden sowieso an der Tagesordnung sind. Weiterhin erwähnten Sie, dass sie übergewichtig geworden ist. Höchstwahrscheinlich fühlt sie sich damit nicht wohl.

Es sieht in der Zusammenschau also so aus, als ob das jugendliche Leben ihrer Enkeltochter momentan eher von Misserfolgen bestimmt ist. Dadurch ist sie verunsichert und bedrückt. Umso wichtiger ist es daher, dass Ihre Enkeltochter spürt, dass es feste, sie liebende Bezugspersonen in ihrem Leben gibt, auf die sie sich verlassen kann. Diese Rolle kann selbstverständlich auch von Ihnen als Großmutter übernommen werden. Insbesondere dann, wenn es der Mutter aufgrund des aggressiven Verhaltens schwerfällt, ihre Tochter jederzeit bedingungslos anzunehmen. Vielleicht können Sie beide sich einen festen gemeinsamen Nachmittag in der Woche einrichten. In diesem Rahmen können Sie Ihre Enkeltochter auch einmal auf die aktuelle Situation und ihre Sicht der Dinge ansprechen. Die Jugendliche sollte die Möglichkeit haben, Veränderungswünsche und konkrete Vorstellungen für eine Verbesserung der Situation zu äußern. Zusätzlich können Sie gemeinsam mit Ihrer Enkelin zusammentragen, was ihr jugendliches Leben ausmacht und erfüllt. Was freut sie? Womit beschäftigt sie sich momentan gerne?

Eltern und Großeltern stoßen nicht selten, zumindest vorübergehend, an Grenzen im Umgang mit Heranwachsenden. Leider trauen sie sich meistens viel zu spät, Hilfe anzunehmen oder zu organisieren. Gerade bei aggressivem Verhalten ist es wichtig, dass auch die Eltern wissen, dass sie damit nicht allein gelassen werden.

Bei weiterer Zuspitzung der Abschottung und der Aggressivität kann auch ein Aufenthalt in einer tagesklinischen Einrichtung für Jugendliche mit psychotherapeutischer Anbindung erwogen werden. Dieser kann helfen, tieferliegende Muster und Gründe für das Verhalten Ihrer Enkelin zu identifizieren. Auch kann mithilfe einer Leistungs- und Konzentrationsdiagnostik eine schulische Unter- oder Überforderung entdeckt werden und, falls die gegenwärtige Schulform nicht die geeignetste ist, nach Alternativen geschaut werden.

Die Mutter sollte auf jeden Fall versuchen, sich von dem aggressiven Verhalten ihrer Tochter nicht einschüchtern zu lassen und keine Angst vor ihr zu zeigen. Kinder spüren diese Feinheiten sehr schnell. Ihre Tochter sollte versuchen, eigene Grenzen und Normen aufrechtzuerhalten und bei deren Überschreitung durch Ihre Enkeltochter sofort zu handeln und konsequent zu bleiben. Dies ist zu Beginn sicher ungewohnt und kostet viel Zeit und Mühe. Aber nur so ist es möglich, die Chance auf eine Verbesserung des Zusammenlebens von Mutter und Tochter zu erhalten.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Dann schreiben Sie an die Redaktion Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]