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Donnerstag, 13.09.2018

Ab wann liegt ein Behandlungsfehler vor?

Bei Gutachter- und Schlichtungsstellen gehen jedes Jahr Tausende Beschwerden ein. Nicht alle sind berechtigt.

Von Sabine Meuter

© dpa

Die Beschwerden begannen nach dem Madagaskar-Urlaub: Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost und Fieber plagten den 22-jährigen. Der Mann ging mit Malaria-Verdacht zu seinem Hausarzt. Doch der erstellte weder eine sorgfältige Diagnose noch brachte er die richtige Therapie auf den Weg. Nach drei Tagen suchte der Patient eine Tropenklinik auf. Erst dort bekam er die Behandlung, die er dringend benötigte. Später warf der Mann dem Hausarzt einen Behandlungsfehler vor.

Tausenden Menschen in Deutschland vermuten jedes Jahr, dass ihnen eine falsche Diagnose gestellt oder im Operationssaal gepfuscht wurde. Aber was ist überhaupt ein ärztlicher Behandlungsfehler?

Davon ist immer dann die Rede, wenn der zum Behandlungszeitpunkt allgemein anerkannte medizinische Standard nicht beachtet wurde. „Eine Ausnahme sind Fälle, bei denen Patient und Arzt einen abweichenden Standard der Behandlung als zulässig und wirksam vereinbart haben“, sagt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Neben rein medizinischen Behandlungsfehlern kann es zu organisatorischen Fehlern oder fehlerhaftem Verhalten von Mitarbeitern des Behandlers kommen. „Auch die fehlende oder falsche, unverständliche oder unvollständige therapeutische Aufklärung des Patienten durch den Behandler über das eigene Verhalten in der Therapie kann als Behandlungsfehler gewertet werden“, erklärt Marini. Gesetzlich Versicherte können sich an ihre Kasse wenden. Entbindet der Versicherte den behandelnden Arzt von seiner Schweigepflicht, können die Krankenkassen die Unterlagen prüfen. Verdichten sich Hinweise auf einen Behandlungsfehler, kann der Patient gegen den Arzt juristisch vorgehen. Anlaufstellen können auch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern sein. „Unabhängige Ärzte und Juristen beurteilen aufgrund der Behandlungsdokumentation, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, durch den der Patient einen Gesundheitsschaden erlitten hat“, sagt Kerstin Kols von der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. Aus ihrer Sicht sind Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen eine gute Möglichkeit, langwierige Gerichtsverfahren zu vermeiden. Eine außergerichtliche Streitbeilegung, die schriftlich erfolgt, ist für den Patienten kostenfrei – und weit kürzer als ein Zivilgerichtsverfahren. „Am Ende erhält der Patient – in der Regel auf Basis eines wissenschaftlich begründeten Gutachtens – eine juristische Einschätzung, ob Haftungsansprüche in seinem Fall gerechtfertigt erscheinen“, so Kols. Während des Verfahrens ist die Verjährung gehemmt. Wer will, kann nach Abschluss des Verfahrens immer noch klagen. Die häufigsten Diagnosen, die zu Behandlungsvorwürfen führten, standen laut Kols 2017 im Zusammenhang mit Knie- und Hüftgelenksarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen.

2017 haben laut Bundesärztekammer die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen deutschlandweit 7 307 Entscheidungen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern getroffen. In 2 213 Fällen lag ein Behandlungsfehler vor (Vorjahr: 2 245). Davon wurde in 1 783 Fällen ein Behandlungsfehler beziehungsweise ein Risikoaufklärungsmangel als Ursache für einen Gesundheitsschaden ermittelt, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründete (Vorjahr: 1 845 Fälle). Das können etwa Schmerzensgeld, Schadensersatzansprüche oder auch Verdienstausfälle sein. „Die Beweislast, dass tatsächlich ein Behandlungsfehler gemacht wurde, liegt beim Patienten“, sagt Prof. Peter Gellner, Fachanwalt für Medizinrecht. Patienten sollten aufschreiben, wann was geschah und was gesagt wurde. Außerdem sollte man sich Behandlungsunterlagen in Fotokopie vom Arzt aushändigen lassen. Wenn eine außergerichtliche Einigung scheitert, bleibt nur die Klage.

Wer unschlüssig ist, wie er in seinem Fall am besten vorgehen soll, lässt sich von vornherein von einem auf Arzthaftungsrecht spezialisierten Anwalt beraten. Zwar koste das Gespräch um die 200 Euro plus Mehrwertsteuer, erklärt Gellner. Diese Investition kann sich aber rechnen. (dpa)

Die Sächsische Gutachterstelle für Behandlungsfehler befindet sich an der Schützenhöhe 16 in Dresden. Telefonnummer 0351 8267131, 8267133 oder 8267130.