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Freitag, 23.02.2018

100 Prozent Bio in Kitas und Schulen – das geht!

Als erstes Bundesland will Bremen das Kantinenessen umstellen. Sachsen ist davon meilenwert entfernt.

Von Susanne Plecher

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Gemüse statt Billigfleisch
Gemüse statt Billigfleisch

© 123rf.com/Oksun

Billigfleisch sollte auf keinem Teller etwas verloren haben, erst recht nicht auf dem von Kindern. Das wird nach jedem neuen Ekelskandal um vergammeltes oder mit Antibiotika belastetes Fleisch lauthals gefordert – und bleibt meist ohne dauerhafte Konsequenz. Aber es geht auch anders, wie der Stadtstaat Bremen zeigt. Als erstes Bundesland verbannt er Billigfleisch aus seinen Kita- und Schulkantinen. Bis 2022 wird dort das gesamte Essen auf Bio-Qualität umgestellt. Auch in kommunalen Krankenhäusern soll der Fleischanteil von Tieren aus Massenhaltung entscheidend verringert werden. Das hat der Senat im Aktionsplan „Mehr Bio in Schulen, Kitas und Krankenhäusern“ beschlossen.

„Wir wollen klimaschonend agieren. Dazu gehört auch, dass man darüber nachdenkt, was täglich auf die Teller kommt“, so Projektleiterin Claudia Elfers. Auslöser für die geplante Umstellung war ein Bürgerantrag an den Senat. 5 400 Bremer hatten sich darin gegen Billigfleisch in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung ausgesprochen. Und das, obwohl es in Bremen ganz andere Probleme zu bewältigen gibt. „Wir sind ein Haushaltsnotlageland“, so Elfers. Lehrer fehlten, Schul- und Kitagebäude seien dringend sanierungsbedürftig, zudem gebe es zu wenig Kita-Plätze.

Ab sofort sollen in der Kita-und Schulverpflegung konventionell erzeugte Lebensmittel schrittweise durch Bio-Produkte ersetzt werden. Noch in diesem Jahr werden der gesamte Milchbedarf sowie je 20 Prozent der tierischen und pflanzlichen Zutaten umgestellt. Ende 2019 wird deren Anteil je 30 Prozent, im Jahr darauf 40 Prozent ausmachen. Die Lebensmittel dafür sollen möglichst aus der Region stammen. Das ist machbar, weil knapp 20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe Bremens nach ökologischen Maßgaben arbeiten. Auch die niedersächsischen Bio-Bauern dürften profitieren.

Regional und bio – nachhaltiger geht es kaum, aber auch kaum preisintensiver. Wer soll das bezahlen? Bremen macht vor, dass selbst die Kostenfrage nicht automatisch ein K.o.-Kriterium sein muss. Die Umstellung müsse „aufwendungsneutral“ erfolgen, so der Senat. Eltern sollen nicht mehr für das Essen ihrer Kinder bezahlen müssen als jetzt. Sonst fände das Projekt in der Bevölkerung keine Akzeptanz.

Essen soll nicht teurer werden

Das ist schwierig. Aber es lässt sich machen, wenn die Essgewohnheiten umgestellt werden. „Wir können die Mehrausgaben für Bio-Fleisch nur kompensieren, wenn wir gleichzeitig den Fleischanteil verringern und den pflanzlichen Anteil erhöhen“, erklärt Claudia Elfers. In drei Bremer Kindergärten ist das versuchsweise zehn Monate lang getestet worden. Der Kassensturz am Ende zeigte, dass trotz der Verwendung von hochwertigen Bio-Zutaten der Preis pro Portion nur um zehn bis maximal 15 Prozent stieg. Man müsse sehen, inwieweit in den kommenden Jahren nachjustiert werden könne, so Elfers. Ob auch der Senat nach Ablauf des Aktionsplanes 2022 bereit sei, eine geringe Zuzahlung pro Essen zu leisten, sei überlegenswert. Vorstellbar sei auch, geringfügige Abstriche zu machen. Ziel sei zwar die 100-prozentige Umstellung auf Bio. „Aber wenn wir am Ende aus Kostengründen bei 90 oder 95 Prozent landen, dann ist das so.“

Dass Bremen es mit der gesunden Ernährung in seinen öffentlichen Einrichtungen Ernst meint, zeigt ein erstes Zwischenziel. Ab dem 1. Juli sollen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Gemeinschaftsverpflegung in Schulen und Kitas verbindlich werden. In öffentlichen Krankenhäusern und der Betriebsverpflegung werden sie ab Januar 2019 gelten. Die Standards definieren die ausgewogene Ernährung und sehen unter anderem vor, dass Fleisch und Wurst höchstens zweimal pro Woche angeboten werden, Obst und Gemüse dafür täglich. Damit die Caterer sich an die Vereinbarungen halten, wird ein Überprüfungsverfahren etabliert. Es soll unter anderem durch Stichproben, Zertifikate und Nachweise von Fachkenntnissen sicherstellen, dass die Kita- und Schulverpflegung so geliefert wird, wie sie bestellt wird.

Qualitätsstandards für die Schulverpflegung gibt es schon seit mehr als zehn Jahren, in Sachsen allerdings nur auf freiwilliger Basis. Auch wenn sich sowohl Kultus- als auch Sozialministerium für deren Berücksichtigung aussprechen. Ein Blick auf die Statistik ernüchtert. Die jüngste Erhebung zur hiesigen Schulverpflegung stammt aus dem Jahr 2010. Das Kultusministerium hatte wissen wollen, wie sehr sich die Essensanbieter an die Empfehlungen der DGE halten. Gerade einmal 35 Prozent der Schulen boten damals täglich Gemüse oder Rohkost an, dafür aber nahezu täglich Fleisch. In den Kitas sieht es besser aus, aber auch hier besteht Optimierungsbedarf, wie eine Umfrage durch das Ministerium von 2016 zeigt. Demnach gab es an jedem zweiten Tag Fleisch oder Wurst, zu oft Kartoffeln, zu selten Vollkorn- und Molkereiprodukte.

Bis heute hat sich laut DGE keine einzige sächsische Schule zertifizieren lassen. Nur drei Caterer halten die Standards nach Überprüfung durch einen DGE-Auditor ein. Einem Großteil der Schulen sind sie noch nicht einmal bekannt. „In Sachsen sieht es da sehr schlecht aus“, sagt Carsten Müller von der Vernetzungsstelle für Kita- und Schulverpflegung Sachsen. Seine Kollegen und er wollen das ändern und arbeiten intensiv daran, die Kriterien öffentlich zu machen. Auf ihrer Speisenanbieterdatenbank, auf die alle Eltern, Träger und Caterer zugreifen können, haben sechs Anbieter angegeben, nach den DGE-Kriterien zu kochen, auch wenn sie nicht zertifiziert sind. Darunter sind Apetito aus Ottendorf-Okrilla, Sodexo Dresden und die Volkssolidarität Glauchau/ Hohenstein-Ernstthal.

Wenn nicht mal die DGE-Standards verbindlich eingeführt werden, wie sieht es dann mit Bio-Essen aus? Auf die Frage, ob eine Umstellung auch für Sachsen denkbar wäre, antwortete das Sozialministerium, dass Eltern, Träger und Speiseanbieter gemeinsam die Speisepläne erarbeiteten. Einmischen will man sich nicht. „Staatliche Vorschriften sind nicht angezeigt“, so Sprecherin Katja Naumann. Ein Blick in den Norden könnte frischen Wind bringen. „Man kann es nicht jedem recht machen“, ermutigt Claudia Elfers. „Aber wenn man nicht mehr möchte, dass es Billigfleisch in den öffentlichen Einrichtungen gibt, dann muss man irgendwann beginnen.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. info_scout

    "Eltern sollen nicht mehr für das Essen ihrer Kinder bezahlen müssen als jetzt. Sonst fände das Projekt in der Bevölkerung keine Akzeptanz." Ja leider ist das wohl so. Hauptsache es bleibt genügend Geld für das neueste Smartphone übrig und den größeren Flachbildschirm.

  2. Paar Cent

    30-50 Cent mehr pro Essen im Kindergarten und dann aber alles Bio. Ist den Eltern zu teuer. Und zwar in Striesen, der Neustadt etc. Da denkt man sich seinen Teil.

  3. Wähler

    Warum muss Bio teurer sein? Wenn man nur im überteuerten Bioladen einkauft, ist das klar. Gerade Großküchen könnten aber im direkten Einkauf bei regionalen Produzenten Geld sparen, die Biolandwirtschaft stärken und gesundes Essen anbieten. Macht natürlich mehr Arbeit.

  4. Carola

    Was machen die Kinder,wo es den Eltern egal ist,was ihre Kinder essen?Ich arbeite in einer Kita und bin immer wieder aufs neue entsetzt,dass die Eltern nur eine Brotbüchse mitgeben.Über den Inhalt kann ich nur den Kopf schütteln. Und da helfen auch keine Ernährungsprojekte oder das Fach Sachkunde.Geiz ist geil und die Industrie tut ihr übriges,um ihr Zeug loszuwerden. Und so sieht leider auch das Kitaessen aus. Und wer sich jetzt über Eltern beschwert,die waren auch mal Kinder.Welche Werte wurden ihnen mitgegeben?

  5. T.M.

    Wer wenn nicht das mit reichlich Überschüssen der öffentlichen Hand gesegnete Bundesland Bremen sollte es sich auch sonst leisten können ...

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