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Freitag, 25.10.2013

Zwischen Scheinwerferlicht und Stall

Abends glänzt Jessica Glatte auf der Bühne der Staatsoperette. Das ist jedoch nur eine Seite ihres Lebens.

Von Nadja Laske

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Ein eigenes Pferd hat sich die Sopranistin Jessica Glatte lange gewünscht. Vor drei Jahren holte sie ihren Toronto von der Trabrennbahn Berlin, wo er ausgemustert worden war. Seitdem trainiert sie mit ihm in ihrer Freizeit das Reiten im Westernstil. Sohn Moritz und die Mischlingshunde Willi und Pepe begleiten sie.
Ein eigenes Pferd hat sich die Sopranistin Jessica Glatte lange gewünscht. Vor drei Jahren holte sie ihren Toronto von der Trabrennbahn Berlin, wo er ausgemustert worden war. Seitdem trainiert sie mit ihm in ihrer Freizeit das Reiten im Westernstil. Sohn Moritz und die Mischlingshunde Willi und Pepe begleiten sie.

© Steffen Füssel

  • Ein eigenes Pferd hat sich die Sopranistin Jessica Glatte lange gewünscht. Vor drei Jahren holte sie ihren Toronto von der Trabrennbahn Berlin, wo er ausgemustert worden war. Seitdem trainiert sie mit ihm in ihrer Freizeit das Reiten im Westernstil. Sohn Moritz und die Mischlingshunde Willi und Pepe begleiten sie.
    Ein eigenes Pferd hat sich die Sopranistin Jessica Glatte lange gewünscht. Vor drei Jahren holte sie ihren Toronto von der Trabrennbahn Berlin, wo er ausgemustert worden war. Seitdem trainiert sie mit ihm in ihrer Freizeit das Reiten im Westernstil. Sohn Moritz und die Mischlingshunde Willi und Pepe begleiten sie.

Pfeffer im Hintern muss Toronto nicht fürchten. Solch böse Drohungen stößt seine Reiterin nur auf der Bühne aus. Doch dann trägt sie statt Jeans und Cowboy-Hut Kleider und Kopfputz, groß wie ein Wagenrad – als Eliza Doolittle in „May Fair Lady“. Gerade ist Jessica Glatte in ihre Westernstiefel gestiegen. Ihrem kaffeebraunen Traber hat sie den ledernen Sattel auf den Rücken geworfen. Mähne und Schweif gekämmt, das Fell gebürstet, so kann der Spazierritt beginnen.

Jenseits von Bühnenlicht und Applaus scheint die Herbstsonne schräg über bunt belaubte Hügel. Kaninchen rascheln im Heu und Toronto scharrt mit dem Huf. Ein Hof bei Kreischa ist sein Zuhause und für die Solistin der Staatsoperette eine geliebte Zuflucht. Hat Jessica Glatte frei, keine Probe ist angesagt und keine Vorstellung geplant, lädt sie ihre beiden Hunde in den alten, schwarzen Volvo-Kombi und fährt hinaus aufs Land. Oft begleitet sie ihr Sohn Moritz zur Pistolero Ranch in Brösgen, wo sie ihren Wallach als sogenanntes Pensionspferd eingemietet hat. Im Garten ihrer Laubegaster Wohnung mag Kater Jussi durchs Gras tatzen und die Mischlingshunde Willi und Pepe haben auf den Elbwiesen genügend Auslauf. Für ein Pferd jedoch ist dort kein Platz.

„So oft es geht arbeite ich mit Toronto auf dem Reitplatz“, sagt Jessica Glatte, die früher der englischen Reitschule gefolgt war. Vor einigen Jahren hat sie sich für das Westernreiten entschieden. „Das kommt meiner persönlichen Einstellung zum Tier näher.“ Zwar unterscheiden sich beide Reitstile nicht grundsätzlich, doch wenn man es gut gelernt habe, könne man das Pferd besonders sanft dirigieren. „Ich möchte einen freundlichen, liebevollen Umgang und eins mit Toronto sein.“ Auf diese Weise macht beiden die Arbeit auf dem Reitplatz Spaß. Bis sich Pferd und Reiterin aufeinander einspielten, hat es viele Trainingsstunden gebraucht. Schließlich hatte zuvor nie ein Mensch auf Torontos Rücken gesessen.

Schmerzlicher Verlust

Bevor Jessica Glatte ihn kaufte, lief er Trabrennen vor dem Wagen auf der Berliner Rennbahn. Kaum begannen beide, sich aneinander zu gewöhnen, warf eine Augenkrankheit den Braunen in allem zurück, was er mit seiner neuen Besitzerin gelernt hatte. Viele Monate lang dauerte die Heilung in einer Tierklinik. „Ich habe das Gefühl, durch diese schwere Zeit ist Toronto noch dankbarer und treuer geworden.“ Die Treue halten der Tierfreundin auch Willi und Pepe, mit denen sie jeden Tag ausgedehnte Spaziergänge macht. Bisher war Jessica Glatte mit drei Hunden unterwegs. Im Sommer aber wurde Jonas plötzlich schwer krank. Der überraschende Abschied von ihm schmerzt noch immer.

Ein Haus im Ländlichen mit eigenem Garten, davon träumt die Sängerin. Natur und Kunst sind die beiden Pole in ihrem Leben. Wer Jessica Glatte mit Stiefelsporen über Feldwege reiten oder in derben Boots über die Elbwiesen stapfen sieht, kann sich kaum vorstellen, welche Metamorphose sie kurz darauf im Theater vollzieht. Dort wandelt sie sich dieser Tage zur Angela in der neuen Inszenierung „Viel Lärm um Liebe“ von Kurt Weill, in der sie am Sonnabend zum ersten Mal auf der Bühne stehen wird. Oder aus ihr wird Annina, ein Fischermädchen in der Strauss-Operette „Eine Nacht in Venedig“, Carlotta in „Gasparone“, Kate in „Kiss me, Kate“, Rosalinde in der „Fledermaus“ und Pamina in der „Zauberflöte“. Außerdem singt und spielt Jessica Glatte seit 13 Jahren die Eliza in „My Fair Lady“, eine Rolle, für die zuvor ihre Mutter Marita Böhme berühmt war.

Unterricht in Gesang und Klavier an der Dresdner Jugendmusikschule, Gesangsstudium in Leipzig und von dort ins erste Engagement, das waren die ersten Karriereleitersprossen. Jessica Glatte sang parallel an Häusern in Dresden, Gera und Berlin, bis sie sich ganz der Staatsoperette verschrieb. Nur drei Monate Ruhe gönnte sie sich, als vor zehn Jahren ihr Sohn Moritz zur Welt kam. Dann stand sie wieder vor dem Publikum. Job und Familie gut zu verbinden, für keine Frau ist das leicht. Sängerinnen wie Jessica Glatte jedoch gehen zur Arbeit, wenn andere mit ihren Familien zu Abend essen, und sie kommen tief in der Nacht zurück. An Wochenenden eilt die Sopranistin zur Vorstellung, während ihr Mann, der nur am Wochenende da sein kann, Kind und Hunde beim Drachensteigen über die Wiese rennen oder zur Radtour aufbrechen. „Das tut oft weh“, gibt Jessica Glatte zu, „aber ich liebe meinen Beruf so sehr, dass ich immer gern ins Theater fahre.“ Sich förmlich vor der Treppe zum Künstlereingang noch schnell den Spielplatz-Sand aus den Sachen klopfen und ab unter die Fittiche der Maskenbildnerin – diesen Spagat verlangt sie sich von Herzen gern ab.

Inzwischen ist Moritz kein Kleinkind mehr, doch die Familienzeit genießt er noch immer sehr: Früher schnitt Moritz mit seiner Mutter Weihnachtsmänner aus, heute kuscheln beide auf dem Sofa und lauschen Hörbüchern. Gut kochen und am üppig dekorierten Tisch mit Freunden und Familie essen, trinken, plaudern. Lange Grillabende im Sommer, Marmelade kochen im Herbst und Glühwein im Winter, das sind ihre Energiespender. Im Urlaub segeln, wandern, reiten, lesen. Auftanken für die großen Partien auf der heimischen Bühne oder auf Gastspiel. Ein Leben mit viel Lärm und viel Liebe.

Neues Stück „Viel Lärm um Liebe“, Jessica Glatte in der Titelpartie am Sonnabend und am 5. November, jeweils 19.30 Uh, in der Staatsoperette Dresden. Nächste Vorstellungen: „Hello, Dolly!“ am 7. November, „Eine Nacht in Venedig“ am 9. November; Karten unter 2079999 www.staastsoperette-dresden.de

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