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Samstag, 15.09.2018

Zwischen Geben und Nehmen

Patienten und Ärzte hoffen in Görlitz auf mehr Organspender. Ein neues Gesetz könnte das regeln.

Von Frank Seibel

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Kaum jemand hat in Deutschland einen Organspendeausweis bei sich. Dabei warten 10000 Patienten auf eine Transplantation. Das Städtische Klinikum ist seit vielen Jahren bei diesem Thema sehr engagiert – und ausgezeichnet.
Kaum jemand hat in Deutschland einen Organspendeausweis bei sich. Dabei warten 10000 Patienten auf eine Transplantation. Das Städtische Klinikum ist seit vielen Jahren bei diesem Thema sehr engagiert – und ausgezeichnet.

© Jan-Peter Kasper/dpa

  • Kaum jemand hat in Deutschland einen Organspendeausweis bei sich. Dabei warten 10000 Patienten auf eine Transplantation. Das Städtische Klinikum ist seit vielen Jahren bei diesem Thema sehr engagiert – und ausgezeichnet.
    Kaum jemand hat in Deutschland einen Organspendeausweis bei sich. Dabei warten 10000 Patienten auf eine Transplantation. Das Städtische Klinikum ist seit vielen Jahren bei diesem Thema sehr engagiert – und ausgezeichnet.
  • Bianca Twupack hofft auf ein Spenderherz.
    Bianca Twupack hofft auf ein Spenderherz.

Görlitz. Manchmal kann sich Bianca Twupack richtig aufregen. Über die Schlagzeile „Wem gehört Ihr Herz?“ zum Beispiel. Kürzlich stand sie in einer überregionalen Tageszeitung. Eine Zuspitzung der aktuellen Debatte, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ausgelöst hat: Er will durchsetzen, dass jeder Mensch automatisch Organspender wird, wenn er denn nicht ausdrücklich widerspricht. Bislang funktioniert es genau andersherum: Nur wer zustimmt, dem können nach dem Hirntod Herz, Lunge, Niere, Leber und etliche andere Organe entnommen werden, um sie anderen Patienten einzupflanzen.

Der Staat, sagt die junge Görlitzerin Bianca Twupack, wolle damit doch gar nicht Besitz ergreifen über den Leib jedes Bürgers. „Das ist doch eine völlig falsche Diskussion!“ Das Thema geht ihr auf verschiedenen Ebenen nahe. Schon im Studium der Heilpädagogik hat sich Bianca Twupack intensiv mit ethischen Fragen rund um Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit befasst. In dieser Zeit, vor beinahe zehn Jahren, hat sie selbst auch schon einen klaren Entschluss gefasst: Sie hat zugestimmt, dass ihr nach ihrem Tod Organe entnommen werden können. Den entsprechenden Ausweis hat sie seither immer dabei.

Seit gut zwei Jahren betrifft sie das Thema aber auch sehr persönlich. Sie leidet an einem Tumor am Herzen – und steht seit einiger Zeit selbst auf der Warteliste für eine Organtransplantation. „Mir geht es zurzeit gut“, sagt sie lebhaft, aber sie erinnert an Patienten, die sie im Leipziger Herzzentrum kennengelernt hat. Für sie tickt die Uhr. Einige sind gestorben, weil das Warten auf ein neues Herz zu lange dauerte. Tatsächlich ist die Zahl der Organspenden in Deutschland verschwindend gering. Bei 800 Menschen wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen. Auf der anderen Seite stehen 10000 Menschen, die auf ein Organ warten. Um vierzig Prozent ist die Zahl der Spender in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen.

„Man muss sich das mal klarmachen“, sagt Bianca Twupack: „Ausländer retten uns in Deutschland das Leben.“ Denn die Spenderquote ist in vielen anderen Ländern wesentlich höher. Das hat offenkundig mit einer anderen Rechtslage zu tun. Die Widerspruchsregelung, die der Gesundheitsminister jetzt anstrebt, gilt zum Beispiel in Polen, Tschechien, Italien, Frankreich, Spanien – in insgesamt 22 Staaten Europas (nicht nur der EU) ist das so. Wer zum Beispiel in Polen tödlich verunglückt, kann automatisch zum Organspender werden, denn es gelten die Gesetze des betreffenden Landes, nicht die des Herkunftslandes eines Menschen. „Der Staat will jetzt seine Bürger nur zwingen, sich Gedanken zu machen“, sagt Twupack.

Gedanken machen sich die meisten Menschen erst, wenn es ganz dramatisch wird. „Ich hatte in den vergangenen zehn Jahren nicht einen einzigen Spender mit Ausweis“, sagt Oberarzt Matthias Kühnert, der am Städtischen Klinikum Görlitz der Transplantationsbeauftragte ist. Das heißt, dass es die Angehörigen sind, die unmittelbar nach dem Tod eines Menschen entscheiden müssen, ob sie ihn zur Transplantation freigeben. Und auch das geht nur, wenn der hirntote Patient an Maschinen hängt, die Herz und Lunge weiterhin am Leben erhalten. Wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass das Gehirn völlig ausgefallen ist und nie wieder aktiv werden kann, dann stellt sich die Frage: Maschinen sofort abschalten oder aber noch Organe entnehmen, die anderen Menschen das Leben retten könnten. So beschreibt Matthias Kühnert die Praxis. In diesem Jahr gab es am Görlitzer Klinikum bislang erst zwei Transplantationen.

Die Eingriffe selbst werden von Spezialisten vorgenommen, die aus Spezialkliniken in anderen Städten manchmal buchstäblich eingeflogen werden. Denn die Institution, die den Tod feststellt, darf die Transplantation nicht durchführen, erklärt der Oberarzt. Das Görlitzer Klinikum stellt aber einen Operationssaal und die gesamte Technik zur Verfügung. Längst nicht jede Klinik macht das, kann das machen. „Sobald der Totenschein ausgestellt ist, zahlt die Krankenkasse nicht mehr“, sagt Matthias Kühnert. Die Klinik muss also bereit und in der Lage sein, die Kosten zu tragen, die von diesem Moment an entstehen. Im Städtischen Klinikum Görlitz hat die Organtransplantation eine lange Tradition, sagt Anästhesist Matthias Kühnert. 2005 und 2017 wurde die Institution von der „Deutsche Stiftung Organtransplantation“ (DSO) für besonderes Engagement und Qualität ausgezeichnet.

Wenn es nach dem Schock zum Schwur kommt, entscheiden sich Angehörige allerdings häufig für die Organspende, sagt Oberarzt Kühnert. Und Mitarbeiter des Klinikums berichten davon, dass Hinterbliebene sich nach einiger Zeit noch einmal melden und dankbar dafür sind, dass sie mit dieser Entscheidung anderen Menschen helfen konnten.

Auch Sieglinde Krohn möchte gerne Danke sagen. Danke dafür, dass sie seit November 2015 wieder befreit lachen kann, dass ihre Finger und Lippen nicht blau werden nach ein paar Schritten. 18 Jahre lang hatte sie unter Lungenfibrose gelitten, bis es kaum noch weiterging. Die heute 60-Jährige hatte Glück. Innerhalb eines Monats erhielt sie vor drei Jahren eine neue Lunge. Von wem? Das wird sie nie erfahren. „In den ersten Nächten bin ich nachts aufgewacht und habe geweint“, sagt sie. Vor Glück, einerseits, aber auch mit Traurigkeit, denn der Mensch, dessen Lunge ihr Leben rettete, lebt nicht mehr.

So weit ist Bianca Twupack noch nicht. Sie hofft, dass Deutschland jetzt beim Thema Organspende aufwacht. Und dass die Deutschen nicht länger egoistisch sind. „Denn wer haben will, muss auch bereit sein zu geben.“ Und sie denkt an ihre Bekannten im Leipziger Herzzentrum, denen es viel schlechter geht als ihr.