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Freitag, 29.06.2018

Zwischen Anfangen und Aufhören

Als Lehrerin, Mutter und Autorin folgt Ivonne Hübner einem straffen Zeitplan. Ihr siebter Roman spielt in Dresden.

Von Nadja Laske

Die besten Ideen kommen Ivonne Hübner im Grünen. Die Autorin arbeitet nicht nur am Schreibtisch.
Die besten Ideen kommen Ivonne Hübner im Grünen. Die Autorin arbeitet nicht nur am Schreibtisch.

© André Schulze

Was ist leichter – anfangen oder aufhören? Die Frage ist regelmäßig im Radio zu hören. Immer dann, wenn Prominente einen Fragebogen beantworten. Ivonne Hübner könnte auch solch eine Befragte sein. Immerhin hat sie gerade ihren siebenten Roman veröffentlicht.

Das Anfangen bereitet der 40-Jährigen keine Schwierigkeiten. Es geht gar nicht anders: Sie muss eine Anpackerin sein. Schließlich ist Ivonne Hübner keine Dichterin, die nichts anderes beschäftigt, als der nächste Satz im neuen Werk. Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin und lebt mit Mann und drei Kindern auf einem Bauernhof in der Oberlausitz. Von dort aus bricht sie regelmäßig zu Recherchefahrten auf. Denn die Geschichten, sie sie erzählt, entstehen zwar im Grünen, aber nicht am sprichwörtlichen grünen Tisch.

Während der vergangenen drei Jahre ist Ivonne Hübner immer wieder nach Dresden gefahren. Dort spielt ihr neuer Roman „Elbmöwen“. „Ich habe viel Zeit im Stadtarchiv verbracht, historische Dokumente gesichtet, Sittenvorschriften studiert und alte Stundenpläne entziffert“, erzählt die Autorin. Stundenpläne der Dresdner Kunstakademie, an der ihre Hauptfigur Balthasar die Mustermalerlizenz erwerben möchte. Aus Oberlausitzer Dörflichkeit kommt er 1840 in die Residenzstadt und erlebt turbulente Lehrjahre zwischen akademischer Erhellung und moralischer Düsternis.

„Mich interessiert, wie die Menschen in früheren Jahrhunderten gelebt, gedacht, gefühlt, gehandelt haben“, sagt Ivonne Hübner. Welchen gesellschaftlichen Zwängen waren sie unterworfen? Wie wirkten wirtschaftliche Lebensumstände auf sie? Welchen Einfluss hatten Normen und Etikette? Um all das authentisch beschreiben zu können, bedarf es tiefen Grabens in Zeugnissen der entsprechenden Zeit. Und es braucht Zeit im Hier und Jetzt.

Doch Ivonne Hübners Leben ist schon gut gefüllt mit Stundenvorbereitungen, Korrekturen von Klassenarbeiten, Hausaufgaben der 13-jährigen Tochter, Spielstunden mit der fünfjährigen Kleinen und Rund-um-die-Uhr-Betreuung des gerade sieben Monate alten Söhnchens. Dazu Haus und Garten und Kater Mobbi.

Aber schreiben muss sie trotzdem. Weil sie es will und kann und schon so lange tut. „Ich habe als kleines Mädchen Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben“, sagt sie. „Mein erstes Buch hieß ‚Die Reise zum Mond‘ und stand in einem moosgrünen DDR-Schreibheft.“ Später fand Ivonne Krimis und Fantasygeschichten spannend. Ihre erste Lesung hielt sie als Jugendliche in einer Veranstaltung des Tenne e.V. Der Kulturverein samt verantwortlichem Pfarrer hat die heranwachsende Autorin geprägt und ihr eine Idee davon gegeben, wie die eigenen Geschichten Adressaten finden. Trotz der Liebe zum Schreiben und den Überlieferungen der Heimatregion, aus denen Ivonne Hübner thematisch schöpft, begann sie nach dem Abitur zu studieren. Nicht Literatur oder Geschichte. Nein – Chemie. „Ich war in der Schule gut darin und habe gar nicht viel überlegt“, sagt sie rückblickend. „Aus Mangel an Kompetenz“ habe sie die Naturwissenschaft jedoch bald sausen lassen und entschied sich für Folgerichtiges: Germanistik, Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaft. Heute unterrichtet sie hauptberuflich mit Leidenschaft und schreibt leidenschaftlich im Nebenjob. Doch selbst mit dem will sie anderen Leuten etwas beibringen. „Ich habe auch beim Schreiben einen Bildungsanspruch“, sagt die Lehrerin. Ihre Leser sollen erfahren, was sich wie und warum in der Gegend zugetragen hat, in der sie heute leben. Dass ihre Schüler zu Büchern wie „Elbmöwen“, „Die Tuchhändlerin“ oder „Teufelsfarbe“ greifen, bezweifelt sie. „Aber manche verschenken meine Bücher an Verwandte.“

Ivonne Hübners erster Roman erschien vor zehn Jahren. „Das Manuskript musste ich von 1000 auf 500 Seiten kürzen“, erzählt sie. Seitdem hat sie viel gelernt und intensiv mit Lektoren ihrer Verlage gearbeitet. Auch ihr Partner sei ihr eine Stütze. „Er liest meine Exposés und findet als Archivar jedes historische Dokument, das ich suche.“ Manchmal bringt er ihr Romane von 200 Seiten Länge mit. Daran sieht Ivonne Hübner, dass die pure Schreiblust besiegbar ist. Doch noch immer sei es so: „Ich kann gut anfangen, aber schwer zur rechten Zeit aufhören.“

„Elbmöwen“, ISBN 978-3-96311-055-9, 16 Euro

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