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Zum Kompostieren zu schade

Andreas Zehnsdorf forscht, wie sich Wasserpflanzen in Biogas, Hautcreme und Konfitüre verwandeln lassen.

14.06.2017
Von Dörthe Gromes

stieren zu schade
Professor Andreas Zehnsdorf forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig zur Verwertung von Wasserpflanzen. An die BA Riesa kommt er seit 2004 regelmäßig, um eine Vorlesungsreihe zu Bioprozesstechnik zu halten.

© André Künzelmann

Riesa. Badegäste und Wassersportler sind in den Sommermonaten regelmäßig von wild wuchernden Wasserpflanzen genervt, die viele Seen und Flüsse vereinnahmen. Insbesondere flache Seen und Flüsse mit wenig Strömung sind stark betroffen. Doch auch ein großer See wie das Tagebaurestloch Goitzsche bei Bitterfeld bleibt von der grünen Plage nicht verschont. 2004 breitete sich dort die Schmalblättrige Wasserpest plötzlich massenhaft aus.

Der Wissenschaftler Andreas Zehnsdorf vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig erklärt den Konflikt zwischen Mensch und Natur: „Die Wasserpflanzen fühlen sich gerade in der Uferzone eines Gewässers wohl, die auch von Menschen gern genutzt wird. Für das Ökosystem jedoch stellen sie in der Regel kein Problem dar.“ Auch aus Sicht des Hochwasserschutzes könne ein dichter Pflanzenteppich problematisch sein, weil er den Normalpegel ansteigen lasse.

Manche Gemeinden schaffen sich extra ein sogenanntes Mähboot an, um die Pflanzenmasse aus ihren Gewässern zu entfernen. Geschätzt fallen dabei deutschlandweit jedes Jahr etwa 100 000 Tonnen Pflanzenmaterial an.

Am UFZ sucht Andreas Zehnsdorf zusammen mit seinen Kollegen nach Möglichkeiten, die anfallenden Pflanzenmassen sinnvoll zu verwerten, statt sie einfach nur zu Kompost verrotten zu lassen. „Jedoch hat auch die Kompostierung des Materials ihre Tücken, weil sich in den Pflanzen viele Störstoffe wie Holz oder Plastikabfälle verbergen“, so der Forscher.

Zusammen mit Wissenschaftlern des Deutschen Biomasseforschungszentrums in Leipzig entwickelten die Forscher ein Verfahren, wie die Wasserpflanzen in Biogasanlagen verwertet werden können. „Weil die Biomasse in kurzer Zeit massenhaft anfällt und sehr schnell verrottet, entwickelten wir zunächst eine Silage aus Stroh und Wasserpflanzen, um das Material haltbar zu machen“, sagt Zehnsdorf. Das funktioniere im Grunde ganz ähnlich wie beim Sauerkrautmachen. Da in der Politik ohnehin diskutiert wird, ob es sinnvoll ist, Landwirtschaftsflächen für den Anbau von Energiepflanzen statt von Nahrungsmitteln zu nutzen, könnten die Wasserpflanzen hier eine interessante Alternative für die Erzeugung von Biogas sein. Jedoch wendet der Wissenschaftler ein: „Von den rund 9 000 in Deutschland betriebenen Biogasanlagen haben bislang nur etwa 150 die Genehmigung, Abfälle zu verwerten.“ Rein rechtlich würden die gemähten Wasserpflanzen bislang zur Kategorie „Bioabfälle“ zählen, statt als ein „nachwachsender Rohstoff“ zu gelten, der für Biogasanlagen zugelassen ist. „Das ist ein rechtliches Problem, kein technisches“, kommentiert Zehnsdorf.

Neben der naheliegenden Nutzung als Biogassubstrat verfolgt der Leipziger Forscher jedoch noch andere Ideen: „Wir haben uns angeschaut, welche interessanten Inhaltsstoffe die Pflanzen enthalten und sind dabei auf hochwertige Fettsäuren gestoßen, wie sie auch in Biokosmetika Anwendung finden.“ Gemeinsam mit der Chemnitzer Salbenmanufaktur Beti Lue entwickelten die Wissenschaftler eine Schönheitscreme mit Wasserpestextrakt. Zu kaufen gibt es das Produkt bislang jedoch nicht. „Wir suchen noch nach interessierten Partnern aus der Wirtschaft, um die Hautcreme in den Vertrieb zu bringen“, erzählt der Pflanzenforscher.

Auch ein weiteres Produkt steckt noch in den Kinderschuhen. „In einem alten russischen Kochbuch bin ich auf ein Rezept für Kalmuskonfitüre gestoßen und habe es selbst ausprobiert“, so Zehnsdorf. Die Wurzel dieser Sumpfpflanze ist schon seit langer Zeit als Heilpflanze bekannt. Sogar eine aphrodisierende Wirkung wird ihr nachgesagt. Zusammen mit Äpfeln, Zimt und Zucker gekocht, habe sich eine appetitliche Konfitüre mit einer leichten Bitternote ergeben. „Demnächst will ich die Kombination noch mal mit Ananas probieren“, kommentiert Andreas Zehnsdorf sein ungewöhnliches Konfitürerezept.

Zum Arbeitsalltag des Wissenschaftlers gehört auch, dass er in den Frühjahrs- und Sommermonaten oft selbst in die verschiedenen Gewässer steigt, um Pflanzenproben zu entnehmen. Diesen Teil seiner Arbeit mag Andreas Zehnsdorf besonders gern.