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Donnerstag, 13.09.2018

Zum „Freischwimmer-Englisch“ nach Worcester

Die 14-jährige Lena Faludi darf zum Schüleraustausch nach England. Fürs Kultusministerium zählten andere Kriterien als eine Eins im Fremdsprachunterricht.

Von Jörg Richter

Englischlehrerin Andrea Lemke freut sich, dass ihre Schülerin Lena Faludi das Auslandsstipendium erhalten hat. Bald wird sie die spannende Reise nach England antreten.
Englischlehrerin Andrea Lemke freut sich, dass ihre Schülerin Lena Faludi das Auslandsstipendium erhalten hat. Bald wird sie die spannende Reise nach England antreten.

© Anne Hübschmann

Großenhain. Diesen Namen verbindet jeder Ostdeutsche mit einer Gewürzsoße. Doch für Lena Faludi ist Worcester ein großes Abenteuer. Die 14-Jährige ist eine von nur 35 sächsischen Oberschülern, die in diesem Jahr vom Kultusministerium in Dresden ein Auslandsstipendium erhalten haben. Vier Wochen wird Lena in der westmittelenglischen Stadt leben und zur Schule gehen. „Ich bin super aufgeregt“, sagt Lena, „denn nächste Woche geht es schon los.“

Das Überraschende: Sie hat noch nicht mal eine Eins in Englisch. „Noten sind Schall und Rauch. Man sollte sie nicht überbewerten“, sagt ihre Englischlehrerin Andrea Lemke von der 2. Großenhainer Oberschule Am Schacht. „Lernen passiert nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause.“

Und offensichtlich haben es Lenas Eltern sehr gut hinbekommen, aus ihrer Tochter ein sympathisches, teamfähiges und aufgeschlossenes Mädchen zu machen. Diese Eigenschaften hatten die Prüfungskommission des Kultusministeriums beim Auswahlgespräch Anfang Mai überzeugt. Dazu waren rund 200 Jugendliche aus ganz Sachsen eingeladen worden. Sie hatten sich für das Auslandsstipendium, für das der Freistaat jeweils rund 2 700 Euro ausgibt, beworben.

„Ich würde mir wünschen, dass es noch viel mehr solcher Möglichkeiten für einen Schüleraustausch gibt“, sagt Andrea Lemke. Leider spiele der finanzielle Aspekt oft eine Rolle. Ärmere Familien könnten sich den mehrwöchigen oder sogar einjährigen Auslandsaufenthalt ihrer Kinder nicht leisten. Auch deshalb müsste es mehr Stipendien dieser Art geben. Denn die Erfahrungen, die die Schüler aus so einem Auslandsaufenthalt ziehen, würden sie in vielerlei Hinsicht positiv verändern. Nicht zuletzt für die eigenen Sprachkenntnisse. „Das ist etwas ganz anderes als unser Trockenschwimm-Englisch in der Schule“, sagt Andrea Lemke, die an der Schachtschule immerhin Fachgruppenleiterin für Englisch ist. Und sie muss es ja schließlich am besten wissen.

Andrea Lemke verrät aber auch noch eine andere Charaktereigenschaft, die Lena überhaupt erst ermöglicht hat, in die engere Auswahl für das Sprachstipendium zu gelangen. „Sie weiß, was sie will, und hat sich von alleine bemüht, die Frist für die Bewerbung einzuhalten“, lobt die Lehrerin. Bereits vor einem Jahr, zu Beginn der 8. Klasse, habe Lena angefragt, ob es an der Schachtschule die Möglichkeit für einen Schüleraustausch gibt. „Das hat sich bei mir abgespeichert“, erzählt die Lehrerin. Als Anfang des Jahres die Ausschreibung des sächsischen Kultusministeriums auf ihren Schreibtisch landete, hatte sie sofort an Lena gedacht.

„Ich war sofort begeistert und habe es einfach ausprobiert“, sagt Lena. Ende Februar sendete sie die Online-Bewerbung nach Dresden. Zwei Wochen später kam die Einladung zum Auswahlgespräch im Mai. Im Juni flatterte dann ein Brief ins Haus, den Lenas Eltern ihr mit den Worten überreichten: „Wir werden dich vermissen.“ Letzte Woche erhielt sie in Dresden das Auslandsstipendium aus den Händen von Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz. Dort hat sie auch ihre Gastschwester Judy getroffen. Mit ihr fährt sie nach Worcester zu ihrer 73-jährigen Gastmutter. Kurioserweise heißt sie ebenfalls Judy.