erweiterte Suche
Samstag, 05.05.2018

Zittern um Halberg Guss

Der Streit zwischen Volkswagen und dem Zulieferer Prevent bedroht nun auch 700 Jobs in Leipzig – und doppelt so viele in Saarbrücken.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Beschäftigte von Halberg-Guss Leipzig und ES Guss Schönheide demonstrierten Ende April vor dem Landgericht in Leipzig für Ihre Jobs. Vor Gericht klagte ES Automobilguss gegen den VW-Konzern, der Lieferverträge gekündigt hatte.
Beschäftigte von Halberg-Guss Leipzig und ES Guss Schönheide demonstrierten Ende April vor dem Landgericht in Leipzig für Ihre Jobs. Vor Gericht klagte ES Automobilguss gegen den VW-Konzern, der Lieferverträge gekündigt hatte.

© dpa

Der Hunderte Millionen Euro schwere Streit zwischen Volkswagen und der bosnisch-deutschen Zuliefergruppe Prevent bedroht nun auch knapp 700 Jobs in Leipzig: Die Mitarbeiter der traditionsreichen Gießerei der Neuen Halberg Guss befürchten unter ihrem neuen Eigentümer das Aus – wie auch ihre rund 1 500 Kollegen des Mutterhauses in Saarbrücken. Die Guss-Spezialisten für Automotoren gehören seit Anfang des Jahres zur Prevent-Familie. Am Mittwoch reagierten die Gewerkschaft und der Betriebsrat mit einer „Außerordentlichen Betriebsversammlung“, die von 10 Uhr vormittags bis Mitternacht andauerte. Die elegante Form des Warnstreiks führte umgehend zu Produktionsausfällen.

Mit der Übernahme durch Prevent seien die Halberg-Beschäftigten in einen seit Längerem ausgetragenen Konflikt mit dem Hauptkunden Volkswagen hineingezogen worden, kritisieren die Gewerkschafter. „Die Prevent-Gruppe darf ihre Unternehmensstrategie nicht auf dem Rücken der Beschäftigten durchsetzen“, betont Bernd Kruppa, Chef der IG Metall Leipzig. Aber auch die Konzernführung von Volkswagen stehe in der Verantwortung. „Was die Beschäftigten bei Halberg brauchen, ist ein tragfähiges Unternehmenskonzept, das die Zukunft aller Arbeitsplätze sichert“, so Kruppa. Eine gütliche Einigung wäre ein dringend nötiger Akt der Vernunft. Die IG Metall werde nicht tatenlos zuschauen, wenn auf hohem Niveau auf Kosten von Menschen gezockt werde. Die beiden Standorte würden sich auch nicht gegeneinander ausspielen lassen, betonten die Betriebsräte.

Auf Lieferstopp folgt Auftragsstopp

Laut Kruppa ist für Dienstag ein Spitzengespräch mit der Halberg Guss-Geschäftsführung, den Betriebsräten und der IG Metall in Saarbrücken anberaumt. Die Geschäftsführung wolle Lösungsansätze für eine Art Bündnis für Arbeit diskutieren, hieß es. Laut Kruppa stehen dabei auch einige wirtschaftspolitische und juristische Fragen im Raum: Etwa, ob der Kauf der Halberg-Guss durch Prevent überhaupt ordnungsgemäß abgelaufen sei und warum das Kartellamt dem Deal zugestimmt habe – unter einem Bundesminister Peter Altmaier, der aus den Saarland stammt.

Hintergrund des Konflikts ist die jahrelange Auseinandersetzung zwischen dem VW-Konzern und der internationalen Prevent-Gruppe der Investorenfamilie Hastor aus Wolfsburg. Sie hatte schon 2016 durch einen Lieferstopp die Produktionsbänder von VW stillgelegt. Volkswagen hatte damals Kurzarbeit für Zehntausende Beschäftigte beantragt, der Schaden soll im dreistelligen Millionenbereich gelegen haben. Inzwischen hat VW Lieferverträge mit mehreren Prevent-Töchtern in Sachsen und Sachsen-Anhalt fristlos gekündigt. Betroffen sind ES Automobilguss in Schönheide im Erzgebirge, CarTrim in Plauen und Foamtec in Stendal. Dort drohen nun Entlassungen und Kurzarbeit. Am Landgericht Leipzig wird dazu ein Streit zwischen Automobilguss Schönheide gegen Volkswagen verhandelt. Eine Entscheidung soll nächsten Freitag fallen.

Halberg-Guss war zunächst als einzige Tochter verschont geblieben – das änderte sich Ende April. Doch die Leipziger Gießerei hat eine mehr als hundertjährige Tradition. 1934 wurden dort bereits für Autobauer Opel Guss-Blöcke produziert. Der heutige Standort entstand in den 1980er-Jahren, die Technik kaufte damals die DDR-Regierung in Japan. 1993 übernahm Halberg Guss aus Saarbrücken das Werk von der Treuhand-Anstalt. Seit der Privatisierung flossen mehr als 50 Millionen Euro in die Modernisierung der Gießerei. Im Januar dieses Jahres übernahm dann VW-Schreck Prevent das gesamte mittelständische Unternehmen. Die Prevent-Gruppe hat sich nach Brancheninformationen besonders auf die Übernahme angeschlagener Unternehmen spezialisiert, die vergleichsweise günstig zu bekommen sind.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.