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Mittwoch, 13.09.2017

Ziel: Aus der Backstube nach Berlin

Die SZ stellt die Direktkandidaten vor: CDU-Mann Roland Ermer aus Bernsdorf will für Bautzen in den Bundestag.

Von Miriam Schönbach

Sieben neugierige Fragen

Bäckermeister mit politischen Ambitionen: Roland Ermer kandidiert für die CDU bei der Bundestagswahl.
Bäckermeister mit politischen Ambitionen: Roland Ermer kandidiert für die CDU bei der Bundestagswahl.

Bautzen. Roland Ermer fröstelt beim Türaufmachen. „Kommen Sie schnell herein. Wir Bäcker mögen es gern warm“, sagt der 53-Jährige gut gelaunt. Es ist fünf Uhr früh. In der Backstube in Bernsdorf liegen die Brötchen zum Ausliefern bereit. An der Rampe steht ein Fahrer und packt schon das Auto für die beiden Filialen. Es duftet nach frisch gebackenem Apfelkuchen und kernigem Mischbrot. Seit vier Stunden laufen Knet- und Rührmaschine sowie die Semmelpresse im Takt der Nacht. Normalerweise bedient der Chef den Ofen.

Doch davon kann in diesen Wochen nicht die Rede sein. Roland Ermer ist im Wahlkampf. Der Christdemokrat will von der Backstube in den Bundestag. Im November 2016 hat der CDU-Kreisverband entschieden, den selbstständigen Handwerksmeister ins Rennen für Berlin zu schicken. „Als ich gefragt wurde, habe ich mir Rat bei meiner Frau und meinen Angestellten geholt. Schließlich ist diese Bäckerei unser Leben, der Rest ist Zeitarbeit“, sagt der dreifache Vater und löffelt Kaffee in eine große Kaffeemaschine im Laden.

Wenig später öffnet sich die Ladentür, die ersten Kunden wollen einen Pott Schwarzen und ein belegtes Brötchen. Sie kommen aus der Nachtschicht. Roland Ermer grüßt sie alle, die meisten mit dem Vornamen. Dann setzt er sich in eine Ecke und nippt an seinem Kaffee mit viel Milch aus Kotten. „Sie schmeckt besser als jede andere. Ich hole mir die Frischmilch für unsere Backwaren direkt aus dem Betrieb“, sagt er. Die Müdigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nach dem Gespräch wird er zu einem Wahlkampftermin fahren.

In letzter Minute für die Ausbildung entschieden

Den Handwerksbetrieb hat Roland Ermer vor knapp 30 Jahren von seinem Vater Jochen übernommen. Ursprünglich stammt die Familie aus dem Schlesischen. Großvater Rudolf Ermer gründet seine Bäckerei 1935 kurz vor den Toren von Breslau. Wie andere junge Männer muss auch er in Hitlers Krieg. Sein Ende erlebt die Familie auf der Flucht. Sie landen erst in Elsterhorst, dann in Groß Särchen, später in Wittichenau, wo der Großvater nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft eine Bäckerei eröffnet. Als Ermers Vater Jochen von der leer stehenden Bäckerei in Bernsdorf hört, geht es 1961 dort hin.

Roland Ermer wird im „Backkessel“ groß. „Ich habe bei Zeiten gelernt, dass ohne Leistung nichts wird“, sagt er. Allerdings kommt für ihn vorerst keine Lehre in der Backstube infrage. Stattdessen träumt der DDR-Bezirksmeister im Segeln von einem Bergbaumaschinenbaustudium. Ein Onkel bringt ihn davon ab. Er erzählt dem Schüler damals, wie schwer er es als gläubiger, katholischer Christ ohne SED-Parteibuch in einem sozialistischen Betrieb haben werde. In letzter Minute heuert er bei seinem Vater in der Backstube an. Es ist sein „Kompromiss mit dem Staat“.

Sieben neugierige Fragen

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Was wäre für Sie eine Versuchung?

Ein kühles Bier, je herber umso besser.

Spielen Sie ein Instrument?

Nein, ich habe mal Klavier gelernt. Es ist aber nur stümperhaft geblieben.

Wie können Sie am besten abschalten?

Beim Motorradfahren. Ich habe gleich drei Motorräder, eins für die Landstraße, eins für die Seele und eins für die Langstrecke.

Wo machen Sie am liebsten Urlaub?

Wir machen gern dort Urlaub, wo man mit dem Motorrad gut hinkommt.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Die Biografie von Wolf Biermann, aber momentan habe ich eher weniger Zeit.

Welche Musik hören Sie am liebsten?

Von Enya über Santiano und Pink Floyd bis zur Klassik.

Wer sind die wichtigsten Menschen in Ihrem Leben?

Meine Familie, meine Frau, meine Kinder, meine Eltern. Geprägt haben mich aber auch der Pfarrer von Bernsdorf und mein einstiger Jugendkaplan.

Der Bernsdorfer spricht schnell und trotzdem überlegt. Politisches Parkett ist er gewöhnt. Sein erstes Amt bekommt er 1989 mit 24 Jahren als Obermeister der Berufsgruppe der Bäcker im Kreis Hoyerswerda. „Mein Großvater sagte damals: ,Lasse die Füße auf der Erde und vergiss nicht, woher du kommst’“, erzählt Roland Ermer. Inzwischen ist er als Präsident des Sächsischen Handwerkstages für 57 000 selbstständige Handwerker im Freistaat erster Ansprechpartner. Außerdem ist er Landesobermeister des Bäckerhandwerks Sachsen. Bundespolitisch ist der Bäckermeister zum ersten Mal vor fünf Jahren richtig aufgefallen. Da hat er sich gleich mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wegen der Besteuerung von Backwaren für die Tafeln angelegt. Dass er auf gespendete Lebensmittel noch eine Umsatzsteuer zahlen sollte, ließ ihn nicht schlafen. „Günstiger wäre es gewesen, hätte ich sie in den Müll geworfen“, sagt er. Einige Kollegen hatten sich damals aus Angst vor Nachzahlungen gewünscht, dass er ein bisschen leiser auftritt. Nicht so Ermer. Er schaffte es, dass Schäuble die Finanzämter zurückpfiff.

Das Thema Handwerk will Roland Ermer auch bei seinem Einzug in den Bundestag im Blick behalten. Die Sachgebiete „Ernährung und Landwirtschaft“ und „Entwicklungshilfe“ interessieren ihn auch. „Wir müssen nachhaltige Entwicklungspolitik für die Menschen machen. In Ländern der Dritten Welt ist Hilfe zur Selbsthilfe gefragt. Gerade da sind Handwerkserfahrungen wichtig“, sagt er. Und der Bäckermeister hat noch ein weiteres Anliegen. Die „Unzufriedenen“ will er mit ehrlicher Politik und Gesprächen überzeugen, dass er kein „Volksverräter“ ist.

Wolfgang Bosbach als Vorbild

Diese Bezeichnung, übergeschmiert auf Wahlplakaten, gefällt dem Handwerker genauso wenig wie die Stimmungsmache derjenigen, die „Gauland, Höcke und Co.“ hinterherliefen. „Ich verstehe manche Schwierigkeiten, aber dass wir hier unter vielen Flüchtlingen leiden, ist einfach nicht der Fall. Ich hoffe, dass die Mitte zur Wahl geht“, sagt der Katholik. Sein großes politisches Vorbild ist übrigens Wolfgang Bosbach. An dem scheidenden Bundestagsmitglied und Merkel-Kritiker bewundert der Sachse, dass er seine Meinung nie für einen Posten verkauft habe.

Roland Ermer geht nochmals durch seine Backstube. In der Auslage liegt inzwischen sein Lieblingskuchen: Kirschkuchen mit Pudding und Butterstreuseln. Seine Leidenschaft für das Backen vergleicht er gern mit der Metamorphose des Schmetterlings – vom unscheinbaren Teig zu einem wunderbaren Gebäck. Die Liebe an den Beruf hat er an die große Tochter weitergegeben. Bei seiner Wahl in den Bundestag wird sie die Bäckerei und die 30 Mitarbeiter übernehmen. Doch noch ist der Wahlkreis nicht gewonnen. Deshalb geht es jetzt mit frischen Brötchen auf Wahlkampftour.

Bisher erschienen sind die Porträts von Caren Lay (Die Linke),Jens Bitzka (Grüne),Torsten Herbst (FDP) und Karsten Hilse (AfD)

Hier finden Sie den SZ-Wahlcheck für den Wahlkreis Bautzen I.