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Donnerstag, 12.07.2018 SZ-Serie: Wer wohnt eigentlich in …?

Zeithains kleinstes Dorf

Matthias Thieme wohnt Zeit seines Lebens in Cottewitz. Dort gibt es keinen Laden – aber bald schon schnelles Internet.

Von Antje Steglich

Zahlen & Fakten

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Der Cottewitzer Ortschaftsrat Matthias Thieme lehnt an einem hölzernen Strommast an der einzigen Straße durchs Dorf – der Cottewitzer Straße. Das Wohnhaus links im Hintergrund war einst das Herrenhaus des Rittergutes, das zum Besitz der Familie Pflugk gehörte.
Der Cottewitzer Ortschaftsrat Matthias Thieme lehnt an einem hölzernen Strommast an der einzigen Straße durchs Dorf – der Cottewitzer Straße. Das Wohnhaus links im Hintergrund war einst das Herrenhaus des Rittergutes, das zum Besitz der Familie Pflugk gehörte.

© Sebastian Schultz

  • Der Cottewitzer Ortschaftsrat Matthias Thieme lehnt an einem hölzernen Strommast an der einzigen Straße durchs Dorf – der Cottewitzer Straße. Das Wohnhaus links im Hintergrund war einst das Herrenhaus des Rittergutes, das zum Besitz der Familie Pflugk gehörte.
    Der Cottewitzer Ortschaftsrat Matthias Thieme lehnt an einem hölzernen Strommast an der einzigen Straße durchs Dorf – der Cottewitzer Straße. Das Wohnhaus links im Hintergrund war einst das Herrenhaus des Rittergutes, das zum Besitz der Familie Pflugk gehörte.
  • So sah das Herrenhaus einmal aus.
    So sah das Herrenhaus einmal aus.
  • Eine schmale Betonpiste führt zwischen den Feldern der Agrargenossenschaft Kreinitz nach Cottewitz. Der Elberadweg auf dem Deich macht einen Bogen rings um das Dorf.
    Eine schmale Betonpiste führt zwischen den Feldern der Agrargenossenschaft Kreinitz nach Cottewitz. Der Elberadweg auf dem Deich macht einen Bogen rings um das Dorf.

Cottewitz. Zwischen Rüben- und Rapsfeldern führt die Betonpiste schnurgerade auf Cottewitz zu. Zwei Autos passen hier kaum nebeneinander – doch über zu viel Straßenverkehr können sich die Anwohner des kleinen Zeithainer Ortsteiles sowieso nicht beschweren. Ruhig ist es hier. Eine Taube patrouilliert an der einzigen Straße durchs Dorf, zwei schwarze Hunde laufen gelassen am Zaun nebenher. Weiter hinten picken ein paar Hühner im Garten. Matthias Thieme genießt die ländliche Idylle jeden Tag aufs Neue. „Lieber am Arsch der Welt als im Brennpunkt“, findet der 54-Jährige, der kurz nach seiner Geburt mit der schlesischstämmigen Familie nach Cottewitz zog. Und blieb.

An diesem Morgen sitzt er mit seiner Mutter auf der schattigen Bank vor seinem Haus, das einst auf den Grundmauern der sogenannten Schwarzen Scheune entstand. Warum das Gebäude am Ortseingang, das Anfang der 1950er abbrannte, so genannt wurde, weiß niemand mehr. Mit dem Tod von Alfred Wobus vor einigen Wochen habe das Dorf nicht nur einen geschätzten Nachbarn, sondern auch sein geschichtliches Gedächtnis verloren. Aufgeschrieben wurde bislang wenig, die Ortschronik lebt von Erinnerungen und einigen wenigen historischen Aufnahmen.

Ursprünglich befand sich an der Stelle des Ortes lediglich ein Hof, von dem aus freie Adlige die Burg Strehla mit versorgten, heißt es. Nur einen Steinwurf von der Elbe entfernt, seien die Beziehungen nach Strehla schon immer eng gewesen. Der Fluss war früher weniger Hindernis als heute. Aus dem Hof wurde später ein Vorwerk und schließlich Ende des 17. Jahrhunderts durch die Familie Pflugk ein Rittergut, das die Architektur des Ortes bis heute prägt. Von der großen steinernen Mauer ringsum ist zwar nichts mehr zu sehen, und auch das Tor mit dem Pflugkschen Wappen muss irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts abgerissen worden sein. „Als ich ein Kind war, gab es das aber noch“, erinnert sich Matthias Thieme und zeigt auf den Durchgang zwischen zwei Wohnhäusern, die anno dazumal Kälber und Pferde beherbergten. „Gleich daneben war die Milchrampe für die Bauern“, so der ehrenamtliche Ortschaftsrat und Feuerwehrmann.

Zahlen & Fakten

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Einwohnerzahl: 26

Häuserzahl: 12

Gründungsjahr: 1445 (Ersterwähnung)

Der Bus hält überhaupt nicht in Cottewitz. Die nächste Haltstelle befindet sich in Lorenzkirch.

Entfernung zum nächsten Bäcker/Lebensmittelladen: 8,5 Kilometer nach Röderau oder im Sommerhalbjahr mittels Personenfähre 2,4 Kilometer nach Strehla. Immer donnerstags macht ein Bäckermobil Station in dem Ort.

Die Ställe, Schuppen und Wirtschaftsgebäude, die das Herrenhaus mit Parkanlage und Ententeich umrahmten, wurden im Laufe der Jahrhunderte zu Wohnhäusern umgebaut. Es gibt nur wenige wirkliche Neubauten in dem Dorf, dem Herrenhaus kam im Laufe der Zeit allerdings eine Etage abhanden. Dafür gibt es viel frischen Putz, hübsche Gärten und keinen Leerstand. Alle zwölf Häuser sind bewohnt. Der Altersdurchschnitt ist zwar recht hoch, doch weg will hier keiner, sagt Matthias Thieme. Trotz der Elbehochwasser, die den Ort zuletzt 2002 und 2013 überschwemmten und auch Thiemes Haus als tiefsten Punkt des Dorfes unter Wasser setzten. Und trotz der spärlichen Infrastruktur.

Außer einem Imker gibt es quasi keine unternehmerischen Aktivitäten im Dorf. Obwohl der kleine Ort lange Zeit eine eigenständige Landgemeinde ist, erledigen die Bewohner seit jeher alle Besorgungen außerhalb. Vor allem zu Lorenzkirch sind die Beziehungen eng. – Dort gingen die Cottewitzer früher in Kindergarten und Schule, dort kauften sie ein. Noch heute steht in Lorenzkirch ihre Kirche und gibt es einen gemeinsamen Ortschaftsrat. Und obwohl Cottewitz einen eigenen Wendeplatz hat, müssen die Bewohner auch nach Lorenzkirch bis zur nächsten Haltestelle laufen. „Man muss immer fahren“, gibt Matthias Thieme zu. Zwölf Kilometer sind es bis zu seiner Arbeit im Zeithainer Rohrwerk, 14 bis nach Riesa. Das Einkaufen wird meist auf dem Nachhauseweg erledigt, denn auch in den Nachbardörfern haben die Läden in den Nachwendejahren dichtgemacht.

Für die vielen älteren Einwohner des Ortes sei das nicht leicht, aber man arrangiere sich. Zumindest hält noch einmal in der Woche ein Wagen der Bäckerei Jung im Dorf und hat die Röderauer Arztpraxis einen Fahrdienst eingerichtet. Und Cottewitz hat bald einen weiteren Pluspunkt: schnelles Internet.

Obwohl der Strom noch über Freileitungen auf hölzernen Pfählen in die Häuser geleitet wird, hat die Telekom angekündigt, ab August Bandbreiten von bis zu hundert Megabit pro Sekunde anzubieten. „Am feuchten Loch steht schon der neue Kasten“, freut sich Matthias Thieme, der bislang mit zwei Megabit auskommen muss. Dass Cottewitz mit seinen zwei Dutzend Einwohnern angeschlossen wird und größere Ortsteile nicht, erklärt er mit den neuen Medienanschlüssen in den 1990ern. „Damals hat man gleich Glasfaserkabel verlegt. Das erweist sich jetzt als gut.“