erweiterte Suche
Donnerstag, 11.10.2012

„Zehn Jahre würde ich gern noch weiterarbeiten“

Edith Franke bittet Bedürftige an die Dresdner Tafel, hat einst Not erlebt und später mit Luxus-Mode ihr Geld verdient. Heute wird sie 70 Jahre alt.

Von Nadja Laske

Ein Königreich würde Edith Franke für Haferflockensuppe nicht gerade geben. Davon hat sie als Kind einfach zu viel gegessen. Im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete ihre Mutter in Cottbus die erste Suppenküche der Volkssolidarität. Dort fiel auch immer genug für die damals Dreijährige ab. Ein halbes Jahrhundert später gründet sie die Dresdner Tafel und leitet den Verein, der Menschen in besonders prekärer Lage mit Lebensmitteln versorgt, nun seit mehr als 17 Jahren. Heute wird Edith Franke siebzig. An Ruhestand aber denkt sie nicht. „Zehn Jahre würde ich gern noch weiterarbeiten“, sagt sie. Die Tafel liege ihr so sehr am Herzen.

Das Bedürfnis, armen Menschen zu helfen, das stecke ihr wohl in den Genen, meint Edith Franke. Sucht sie nach den Wurzeln ihrer politischen Einstellung, muss sie nicht lange graben: „Meine Eltern haben zwei Jahre lang im Zuchthaus gesessen.“ Unter Hitler verhaftet man die beiden 1933 auf der Straße und sperrt sie wegen ihres Engagements in der Kommunistischen Partei ein.

Immer nah dran an den Menschen will Edith Franke sein. Nah dran sieht sie sich ihr Leben lang – als Maschinenschlosserin in der Produktion, als Studentin der Ingenieur-Ökonomie an der Uni, als Doktorandin der Soziologie und später als Sekretärin der SED-Kreisleitung der TU Dresden. Auf diesem Parteiposten erlebt sie schließlich die Wende mit, wechselt sogar kurzzeitig an die Stadtspitze und hält in aufgeheizter Stimmung Reden vor aufgebrachten Montagsdemonstranten.

Im Februar 1990 erklärt Edith Franke ihren Rücktritt vom Funktionärsamt der Bezirksleitung. „Ich wollte mich nicht mehr anfeinden lassen“, sagt sie. Da wird sie lieber eine der ersten Arbeitslosen der späteren neuen Länder. An dem System, von dem sie einst lebte, gebe es nichts zu verteidigen, sagt sie heute. „Jedes Opfer war eins zu viel und humanistisch verboten.“ Das neue Wirtschaftssystem bekämpfe sie nicht, sondern sie lebe darin und versuche es für die Schwächsten zu nutzen.

„Man muss nicht selbst Armut erlebt haben, um ein Gefühl für Arme zu entwickeln. Aber es schadet auch nichts“, sagt die Tafel-Chefin. Die große existenzielle Unsicherheit fängt zunächst noch ihr Mann ab, der ein eigenes Unternehmen gegründet hat. Edith Franke findet eine neue Arbeit als Service-Leiterin der Tourist-Information auf der Prager Straße. Den Job verliert sie später fristlos. Mit ihrer Vergangenheit sei sie der Öffentlichkeit nicht zuzumuten, heißt es. Mode hat mich immer interessiert, erzählt Edith Franke. Dabei sitzt sie im Restaurant des Landtages und trinkt eine Tasse Kaffee mit Milch. Dunkelblauer Hosenanzug, weiße Bluse. Gerade ist sie aus einer Sitzung gekommen. Als Abgeordnete der Linken ist die Parteilose seit vier Jahren Mitglied des Sächsischen Landtages – ein ihrer Biografie folgendes politisches Engagement.

„Als ich arbeitslos wurde, ist es mir schwer gefallen, gute Kleidung für wenig Geld zu finden“, sagt sie. Besonders schlank sei sie nie gewesen, aber sehr auf sich geachtet habe sie stets. Da passt es einfach, als sich ein neuer Job beim Modeservice Düsseldorf ergibt. „Zwei Jahre lang habe ich im Osten Deutschlands Valentino-Mode vertrieben.“ Edith Franke muss lachen – so artfremd war diese neue Aufgabe. Aber Spaß habe sie ihr gemacht. „Egal was es war, ich habe aus allem viel gelernt.“

Ganz besonders aus ihrer eigenen Zeit am Ende der Nahrungskette. „Die Firma meines Mannes ging insolvent, er wurde schwer krank und Dialysepatient, ich wusste oft nicht, wovon ich die Medikamentenzuzahlung und den Krankentransport bezahlen sollte.“ Am Essen habe es nie gemangelt, aber an Kultur. „Konzertkarten zu kaufen, das ging einfach nicht.“

Heute bietet die Tafel neben Lebensmitteln auch regelmäßig Veranstaltungen an, auf denen Bedürftige schöne Stunden erleben und in Gesellschaft Halt empfinden – auch das ist ein besonderes Anliegen von Edith Franke. „Zu wissen, wohin man gehört, ist ganz wichtig“, sagt sie. Familie, Freunde, Heimat und eine Arbeit, die Freude macht. Für sie mindestens zehn Jahre noch.