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Montag, 11.06.2018

Zauberhafte Unterhaltung

Das Görlitzer Sommertheater verwandelt die Bühne im Stadthallengarten in eine Smaragdenstadt.

Von Jens-Daniel Schubert

Löwe, Vogelscheuche, Blechmann – und mittendrin Anna Gössi als Dorothy. Ein zauberhaftes Quartett.
Löwe, Vogelscheuche, Blechmann – und mittendrin Anna Gössi als Dorothy. Ein zauberhaftes Quartett.

© Marlies Kross

Görlitz. Am Ende wird alles gut“, sagt die böse Hexe, als sie zunächst geschlagen die Bühne räumen muss. „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ Aus ihrem Mund ist das eine Drohung. Am Ende ist Dorothy mutterseelenallein, die ersehnte Heimkehr nicht sichtbar. Und das nach reichlich zwei Stunden munterer Märchenabenteuer, in denen sie Freunde und mit ihnen das Gute gewann. Die gute Hexe hat ihr gesagt, Heimat sei das, was man ersehnt. Und das trage man in sich. Dorothy schaut optimistisch in die Zukunft. Darüber könnte man philosophieren. Doch philosophische Tiefe ist nicht die Stärke der neuen Sommertheaterproduktion des Görlitzer Theaters im Stadthallengarten. Da wurde ein schwungvolles Musical mit flotter Musik, einem einfachen und wirkungsvollen Bühnenbild, tollen Kostümen, einfallsreichen Choreografien und in jedem Moment begeisternd aufspielendem Ensemble gefeiert. „Der Zauberer von Oz“, hierzulande auch durch die Wolkow-Nacherzählung „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ bekannt, kann im stimmungsvollen Ambiente des Stadthallengartens die ganze Familie in seinen Bann ziehen.

Dorothy, hier ohne Hund Toto, die Inszenierung kommt auch sonst ganz ohne die Erfolgsgaranten „Kinder und Tiere auf der Bühne“ aus, ist vom Leben in Kansas bei Onkel und Tante einfach nur genervt. „… Über den Regenbogen“ – „… Over The Rainbow“ – müsste man in ein Land gelangen, so träumt sie singend, wo, ja wo eigentlich was? Beim geradezu herbei gesungenen Sturm bewähren sich auf der Freilichtbühne erstmals die schlichte, aber wirkungsvolle Ausstattung und die fantasievollen Kostüme von Britta Bremer mit der Tanzcompany. Die wurde von Dan Pelleg und Marko E. Weigert anschaulich in den Dienst der Geschichte gestellt. Ausstattung und Tanz sind die ganz großen Pfunde, mit denen die Inszenierung punktet. Welche tollen Ideen sind etwa die über die Bühne kriechende Schnecke, die kurzbeinige gute Hexe Glinda, die bösen, aber mitreißend tanzenden Zitterschnecks, Weihnachtsmänner mit Osterhase, Mohnblütenberauschte Blumenkinder, die Spinnenreitende böse Hexe oder die smilie-vergnügten Bewohner von Smaragdenstadt! Und natürlich müssen die Hauptdarsteller, Dorothy und ihre Freunde Vogelscheuche, Blechmann und Löwe sich ganz beschwingt und angelehnt an die berühmte Filmszene in präziser Schrittfolge auf den Weg machen „Wir gehen jetzt zum Zaub’rer…“ „We’re Off to See the Wizard“.

Sabine Sterken, viele Jahre in Chemnitz engagierte Regisseurin, schuf Stückfassung und Inszenierung. Das ist eine leicht erzählte Geschichte, märchenhaft, mit einigen dezent-hintersinnigen aktuellen Anspielungen und ein wenig moralisierend. Der merkwürdige Heimat-Touch des Originals „zu Hause ist es am Schönsten“, „There is no place like home“ wird abgemildert zugunsten der Selbstbestärkung von Dorothy und ihren Freunden. Manchmal wird das belehrend. Insbesondere Glinda, die märchenhaft geschrumpfte Tante Em, gespielt von Yvonne Reich, bekommt so etwas von Cinderellas guter Fee und allwissender Märchentante. Anna Gössi spielt die Dorothy mit sympathischer Unbekümmertheit, anfangs durchaus übermütig trotzig, in Oz mit tänzerischem Esprit.

Den Bogen zum recht unschlüssigen Schluss kann sie jedoch nicht alleine tragen. Ihre Freunde sind da schon klug, mitfühlend und mutig über alle Berge. Mit toller Präsenz, spielerischer Konsequenz, viel Humor und kraftvoller Stimme gibt Michael Berner die Vogelscheuche. Denis Edelmann und Hans-Peter Struppe ergänzen typgerecht als Blechmann und Löwe die vier Freunde im Abenteuerland. Marius Marx als Miss Gulch/ böse Hexe ragt aus dem großen, gut geführten und mit Spiellaune begeisternden Ensemble der Solisten und Chorsänger heraus.

Die neue Lausitzer Philharmonie, wiederum hinter der Bühne regensicher platziert, liefert den rechten Sound, am Pult geführt und beschwingt von Albert Seidl. Großer Applaus, beste Empfehlung für unterhaltsames Sommertheater. Am Ende wird alles gut, und wenn nicht …

Weitere Termine: 23., 24., 29. und 30.6., 1. und 5. bis 8.7. sowie weiter ab Herbst 2018 im Theater