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Samstag, 17.01.2009

Wladimir, Angela und der heilige Georg

Zum Krisengespräch im Kanzleramt und zum Opernball nach Dresden – Russlands Ministerpräsident erhält dort den Dankorden, eine umstrittene Ehre.

Von Thomas Schade undKarin Schlottmann

Mit 20 Minuten Verspätung landet um 19.21 Uhr die Regierungsmaschine vom Typ IL 96 aus Berlin-Tegel auf dem Flughafen Dresden-Klotzsche. An Bord Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin. Auf dem Rollfeld wartet Thomas Jurk, der stellvertretende Ministerpräsident. Zeit zum Smalltalk bleibt nicht. Begleitet von einer Polizeieskorte rollen die Limousinen mit dem russischen Regierungschef Richtung Altstadt.

Da haben sich die Tore zum vierten Semperopernball schon geöffnet. Dorthin ist Putin als Stargast geladen. Deshalb ist nach der Bundeshauptstadt die sächsische Landeshauptstadt die zweite Station seines Kurzbesuchs in Deutschland. Der 56-Jährige kommt ohne seine Frau Ludmilla. Er hat durchblicken lassen, dass er auf dem Ball nicht zu tanzen gedenkt. Nach den politischen Gesprächen zum russisch-ukrainischen Gasstreit mit Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte der Abend in Dresden dennoch der angenehmste Programmpunkt seiner Reise sein. Hier wird er mit dem „Adverso Flumine“ geehrt, dem Dankorden des Opernballvereins.

Turbulente Krisengespräche

In Berlin hat Putin nach seiner Ankunft am frühen Nachmittag die Grüne Woche auf dem Messegelände am Funkturm besucht. Rund 1600 Aussteller aus 56 Ländern sind dort vertreten. Putin besucht nur die Russlandhalle.

Spontan spielt der Regierungschef den Übersetzer, denn kein Dolmetscher ist dabei, als er mit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Russlands Agrarminister Alexej Gordejew zusammentrifft. Russland ist mit 6000Quadratmetern Fläche größter Aussteller und ein bedeutender Abnehmer von Lebensmitteln, vor allem von Fleisch. Putins Besuch unterstreicht den starken Auftritt der 25 Regionen von St. Petersburg bis ins ferne Sibirien. Das Signal: Russland hat mehr zu bieten als Gas. Anschließend steigt er überraschend im Hotel Ritz ab, um mit den eilig herbeigerufenen Chefs großer Gaskonzerne zu verhandeln. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel muss auf den Staatsgast warten, um ihn mit militärischen Ehren zu empfangen.

Das Krisengespräch zwischen Merkel und Putin dauert dafür eine halbe Stunde länger als angekündigt. Eine Lösung im Gasstreit mit der Ukraine müsse schnell her, fordert Merkel anschließend. Sie habe dem russischen Ministerpräsidenten gesagt, die Lage sei schwierig sei, vor allem für Bulgarien und die Slowakei. Sie vertraue darauf, dass die Lieferung möglichst bald wieder aufgenommen werde – auch im russischen Interesse. „Jawohl“, antwortet Putin auf deutsch. Erpressung, Korruption und Diebstahl wirft er der Ukraine vor: „Sie haben begonnen, euer Gas zu stehlen.“ „Bei Schuldzuweisungen ist selten der Fall, dass nur einer schuldig ist“, erwidert Merkel trocken. Beide sehen jetzt positive Signale, dass der Konflikt bald beigelegt werden kann. Merkel antwortet kurz, Putin holt weiter aus. Die Kanzlerin übt sich in Geduld. Dann geht sie abrupt vom Pult weg und stellt sich mit ihrem Gast den Fotografen.

Das eigene Auto mitgebracht

Später in Dresden brauchen Putins Limousinen dreißig Minuten bis in die Dresdner Altstadt. Dafür sperrt die Eskorte der Polizei Kreuzungen und Seitenstraßen. Selbst zu dem 24-Stunden-Blitzbesuch hat der Russe seinen Mercedes-Dienstwagen und einen Tross von angeblich rund einhundert Mitarbeitern und Sicherheitsleuten mitgebracht. Der größte Teil davon ist mit insgesamt fünf großen Flugzeugen vor und nach dem Ministerpräsidenten in Dresden angekommen. Auch hier muss die Crew auf spontane Wünsche des Chefs reagieren. So wird ein Treffen Putins mit deutschen Journalisten im Taschenbergpalais kurzerhand auf Freitag 23Uhr vorverlegt. Da geht der Ball erst richtig los. Ursprünglich war es für Sonnabend terminiert. Doch Putin hat sich offenbar wegen des Gasgipfels am Wochenende in Moskau entschlossen, eher abzureisen. So wird sein Zeitplan immer straffer.

Es sieht vor, dass Putin zunächst vor dem Ball kurz im Hotel Taschenbergpalais eincheckt. Wie schon 2006 bei seinem letzten Dresden-Besuch logiert er in der Kronprinzensuite, der mit 360 Quadratmeter größten Herberge des Hauses. Sie besteht aus sechs Räumen und wurde von einem schwedischen Designer mit edlem Interieur ausgestattet. Doch Putin dürfte kaum ein Auge auf die feinen italienischen Polstermöbelwerfen, auf das englische Eichenparkett, die französischen Teppiche und Spiegel. Ihm bleibt kaum Zeit, um die Ballgarderobe anzulegen. Um 20.15Uhr soll er an einem der Seiteneingänge der Semperoper sein, doch das ist nicht zu schaffen.

Putins Beziehung zu Dresden reicht zurück bis ins Jahr 1985. Damals im August kam er im Auftrag des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes mit 32 Jahren weit unauffälliger als heute in die Stadt. Mit seiner Familie lebte er damals in der Dreizimmerwohnung eines Plattenbaus auf der Radeburgerstraße. 1986 wurde seine zweite Tochter Maria in Dresden geboren. Während seiner bis heute weitgehend undurchsichtigen Agententätigkeit für den Geheimdienst entdeckte Putin hier auch seine Liebe für das deutsche Bier. In der angeblichen KGB-Stammkneipe „Am Thor“ auf der Hauptstraße und bei den Wochenendausflügen in die Sächsische Schweiz soll er gern mal gebechert haben. .

Seine Dresdner Jahre endeten 1990, kurz nach einem spektakulären Auftritt am 6. Dezember 1989. Da stand die Bürgerbewegung vor dem KGB-Stabsgebäude in der Angelikastraße 4, vis-à-vis der Stasi-Bezirkszentrale –bereit, auch den sowjetischen Geheimdienst zu stürmen. Mit gezogener Waffe und den Worten „Ich bin als Soldat bereit zum Tod“ soll Putin den Bürgerrechtlern entgegengetreten sein.

Drei Bilder und ein Denkmal

Nicht zuletzt der Abgang aus Dresden macht Putins Ehrung beim Opernball für ehemalige Bürgerrechtler wie Werner Schulz zu einem Problem. Der Orden zeige den Heiligen Georg und seinen Kampf für das Gute. „Das Gute an Putin sucht man aber selbst mit der Lupe vergeblich“, wetterte Schulz. Und CDU-Politiker Heinz Eggert schlug vor, Putin sollte bei der Ordensverleihung daran erinnert werden, dass er seine politische Karriere den demokratischen Bewegungen von 1989 verdanke. Ohne diese Umwälzungen wäre er ein „immer noch namenloser Offizier beim KGB, der noch nicht mal das Geld hätte, einen Opernball zu besuchen.“

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich erwähnt in seiner Laudatio im Festsaal den KGB mit keinem Wort. Vor den 2200 Ballgästen spricht er von Putins Verdiensten um den deutsch-russischen Kulturaustausch. Vor zweieinhalb Jahren habe er ein Dostojewskij-Denkmal in Dresden enthüllt. „Der Dichter hat lange bei uns gelebt.“ Und 2001 seien drei Gemälde aus den Alten Meistern nach 60 Jahren durch seine Hilfe zurück gekehrt. Und Tillich ermuntert den Gast: „Diese Geste macht Hoffnung. Sie macht Hoffnung auf weitere solche Gesten.“