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Freitag, 26.05.2017

Willkommen an Bord

Sächsische Wissenschaftler sind mit dem Eisbrecher Polarstern zum Nordpol unterwegs. Die Sächsische Zeitung fährt mit ihnen ins Eis.

Von Stephan Schön

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Kaum an Bord angekommen, schon gibt’s Alarm – doch nur eine Stellprobe an Deck. Danach erst legt die Polarstern in Bremerhaven ab. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön ist nun im Forscherteam des Leipziger Tropos-Instituts unterwegs in die Arktis. Erst Ende Juni wird das Schiff dann im Süden zurück sein – in Spitzbergen.
Kaum an Bord angekommen, schon gibt’s Alarm – doch nur eine Stellprobe an Deck. Danach erst legt die Polarstern in Bremerhaven ab. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön ist nun im Forscherteam des Leipziger Tropos-Instituts unterwegs in die Arktis. Erst Ende Juni wird das Schiff dann im Süden zurück sein – in Spitzbergen.

© kairospress

  • Kaum an Bord angekommen, schon gibt’s Alarm – doch nur eine Stellprobe an Deck. Danach erst legt die Polarstern in Bremerhaven ab. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön ist nun im Forscherteam des Leipziger Tropos-Instituts unterwegs in die Arktis. Erst Ende Juni wird das Schiff dann im Süden zurück sein – in Spitzbergen.
    Kaum an Bord angekommen, schon gibt’s Alarm – doch nur eine Stellprobe an Deck. Danach erst legt die Polarstern in Bremerhaven ab. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön ist nun im Forscherteam des Leipziger Tropos-Instituts unterwegs in die Arktis. Erst Ende Juni wird das Schiff dann im Süden zurück sein – in Spitzbergen.
  • Werftbesuch im Trockendock Anfang Mai: Die Polarstern wird fit gemacht für die Arktis. Mit dieser Verstärkung am Bug rammt und spaltet die Polarstern selbst acht Meter dickes Eis.
    Werftbesuch im Trockendock Anfang Mai: Mit dieser Verstärkung am Bug rammt und spaltet die Polarstern selbst acht Meter dickes Eis.
  • Ganz oben im zentralen Beobachtungsraum, Tür an Tür mit den Meteorologen und mit Blick auf die Messcontainer ist der Arbeitsplatz des SZ-Redakteurs.
    Ganz oben im zentralen Beobachtungsraum, Tür an Tür mit den Meteorologen und mit Blick auf die Messcontainer ist der Arbeitsplatz des SZ-Redakteurs.
  • Die Tür zur Kammer bleibt während der gesamten Expedition üblicherweise offen.
    Die Tür zur Kammer bleibt während der gesamten Expedition üblicherweise offen.

Ein Steg, ein paar Stufen nach oben mit schwerem Gepäck. Die Sonne im Nacken und Schatten in Aussicht. Die Tür weit offen. Es ist Dienstag, 9 Uhr. „Willkommen bei uns!“ Steffen Müller empfängt die neuen Gäste im beigefarbenen Anzug, seiner Arbeitskombi. Er wartet an der Gangway zum Forschungseisbrecher Polarstern.

Sein Blick taxiert blitzschnell. Rucksack, noch einen Packsack, die Schuhe, so eine Jacke, Sonnenbrille … Was mag er so von mir, dem Neuankömmling, denken? Vielleicht: Eine unübersehbar terrestrisch geprägte Landratte. Wäre nicht so verkehrt. Doch die bisher noch fehlende seemännische Erfahrung wird sich offenbar schnell ergänzen lassen. Weiter oben im Schiff, im Beobachtungsraum, pinnt soeben der Meteorologe vom Dienst den Wetterbericht an. Und er sagt dann mal für Sonnabend schon 3,5 Meter hohe Wellen und Windstärke 7 bis 8 voraus. Es bleiben ja zum Glück noch ein paar Tage. Und so lässt es sich erst einmal auf sanfte Art an die Schaukelei gewöhnen.

„Ach, aus Dresden? Der Journalist also“, stellt Steffen Müller beim Blick auf seine Passagierliste noch fest. Sie ist 55 Forschernamen lang.  Die meisten kommen diesmal aus Sachsen. Seit zwei Jahren planen Wissenschaftler vom Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Tropos) mit gut einem Dutzend weiterer Institute und Universitäten diese Ausfahrt. Es wird eine Expedition zu Wolken, Wasser und mehr ganz nah am Nordpol. Das Codewort dazu lautet PS106.1 – es ist die 106. Fahrt der Polarstern, eines einzigartigen Forschungsschiffes in Deutschland. Diesmal wird ein sächsischer Forscher die wissenschaftliche Fahrtleitung haben: Andreas Macke, Professor für Atmosphärenphysik und Institutsdirektor vom Tropos.

Sein Kollege ist da dem Pol bereits ein ganzes Stück näher. Manfred Wendisch, Meteorologie-Professor und Institutsleiter an der Universität Leipzig, fliegt mit seinen Leuten von Spitzbergen aus mit zwei Polarflugzeugen durch die Wolken. Irgendwann, so in einer Woche etwa, wollen Schiff und Flugzeuge sich dann dort treffen und gemeinsam Wolken, Luft und Eis beschnüffeln. Unzählige Ansaugstutzen, Lufteinlässe und Sensoren analysieren die Atmosphäre vom Boden, oder besser vom Eis, bis in etwa 5 000 Meter Höhe. Alles möglichst zeitgleich. Das ist die große Herausforderung. Am Ende geht es darum, wie sich die Arktis im Klimawandel weiterhin verhält. Möglicherweise wird sie ihn durch das Schmelzen des Meer-Eises noch verstärken. Vor allem aber kann dies mächtig in unser Wetter hier in Mitteleuropa eingreifen.

Doch um solche Aussagen präzise machen zu können, müssen noch jede Menge „Schnüffelstücke“ an Messcontainern und Reling angebracht und mit Strom versorgt werden. Dem besten natürlich. Denn sowohl dreckigen Strom als auch sauberen gibt es hier an Deck. Der gute ist für die teuren Instrumente, der schlechte, der in Spannung und Frequenz mal schwanken kann, für den Föhn oder Rasierer. Obwohl, der kann wohl für die kommenden fünf Wochen in der Tasche stecken bleiben.

„Den Pass nehme ich gleich mal zu mir“, sagt Steffen Müller noch und weist den Weg zu meiner neuen Unterkunft. Das „Du“ ist hier auf der Expedition Amtssprache vom Fahrtleiter bis zum Maschinisten, und der direkte Ton gehört sowie dazu. Von Crew zu Forscher und umgekehrt. Rau, aber herzlich.

„Und wenn du heute Abend noch mal kurz vom Schiff willst, dafür haben wir Ausgangskarten“, sagt Steffen Müller noch. Klingt nicht schlecht, oder doch? Es sind immerhin 20 solcher Karten für fast 100 Gäste hier an Bord der Polarstern. Die meisten haben sowieso jetzt zu tun, zu schrauben, zu updaten, zu verbinden, einfach alles zu tun, was hätte schon längst erledigt sein wollen. 43 Crew-Mitglieder, 55 Wissenschaftler sind an Bord.

Bei Letzteren zähle ich mit dazu. Als Wissenschaftsjournalist, der nun auch an Sensoren und Detektoren randarf – für Hilfsarbeiten. Kisten schleppen, Kabel halten, Werkzeuge reichen. Hier in Bremerhaven, mehr noch auf dem Eis.

82,3 Grad Nord, 15 Grad Ost ist das Ziel, der Kurs geht klar nach Norden. An Norwegen und Spitzbergen vorbei direkt bis ins Eis. Und wenn es bei 82 Grad noch nicht zu finden ist, dann weiter. So weit, bis es fest und dick genug ist, um mit einem exakt 117,91 Meter großen Eisbrecher daran festzumachen. Festmachen, das heißt für die Forscher aber jetzt erst einmal Geräte verzurren, Bandschlingen auslegen, Gitter verschrauben, bevor sich der nächste Nordatlantiksturm mit der Technik balgt. Am Sonnabend dann.

„So ein Dreck!“ Nein, nicht die noch frische Farbe an Reling und Fußboden ist gemeint, die mal hier, mal da an den Sachen kleben bleibt. Dreck, das ist diesmal ganz sensible Messtechnik, die kann’s zum Glück nicht hören. Aber Fluchen befreit. Es gibt derzeit viel Befreiung an Bord. Nerven braucht jetzt Ulrich Küster von der FU Berlin ganz besonders. „Da ist der ganze Schreibtisch voller Merkzettel, und dann hab‘ ich so ein dämliches Loch zu bohren vergessen.“ Bohrer und Bohrmaschine organisieren, das alles ist möglich, aber Aufwand. Das alles kostet vor allem Zeit. Und die fehlt gerade jetzt. Nur zwei Tage bleiben den Forschern für den Einbau ihrer Geräte an Bord. Und die sind nun fast um. Die Leipziger vom Tropos haben da vorgebaut. In ihrem Zeitplan ist der spontane Besuch eines Baumarktes schon mal von vornherein mit eingeplant. Erfahrung halt.

Unscheinbare kleine graue Kisten klemmen an der Reling, jede 60 000 Euro wert, verchromte Röhren für nur 10 000. So etwas sollte schon wetterfest sein, wenn man in die Arktis fährt. Containerweise wird Messtechnik an Bord gehievt. Den kommenden Monat geht es um Luft, Wolken Wasser. Eis. Und um all das, was dort noch so drin ist. Winzigste Partikel zum Beispiel, die aber Wolken bilden können. Winzigste Organismen, die die Grundlage einer ganzen Nahrungskette im arktischen Ozean sind. Eine Sache, die Hauke Flores mit seinem Team vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) erforschen will.

Wissenschaftler von einem Dutzend Forschungseinrichtung sind mit an Bord. Jeder verfügbare Quadratmeter an Deck ist vollgestellt. Jeder Platz in den Kajüten ist ausgebucht.

Aber, von wegen Kajüte. „Das heißt hier Kammer. Und übrigens, die Tür ist keine Tür, sondern ein Schott!“, kommt der rettende Hinweis von einem schon polarsternbereisten Leipziger Kollegen.

Diese Kammern haben ein Doppelstockbett, eine Dusche. Ein kleiner Tisch hat auch noch Platz, so ähnlich wie im Wohnmobil. Dafür aber gibt es einen unverbaubaren Blick aufs Meer.

„Üblicherweise bleiben diese Kammern hier offen,“ gibt der Erste Offizier eine Regel nach der anderen vor. Der Wohnraum ist Büro und Treffpunkt. „Wer Privatsphäre haben möchte, kann den Vorhang zuziehen.“ Und wenn’s ganz extrem privat wird oder ungestört sein sollte nach einer Nachtschicht beispielsweise, dann kann auch mal die Tür zu sein. Natürlich nicht verschlossen! Ist die Tür zu, darf nur der Kapitän oder Fahrtleiter stören.

Es gibt noch mehr von den Regeln. Einige müssen sich aber erst noch in der neuen Forscher-Mannschaft herumsprechen. Wie die zum Beispiel, ganz pünktlich zu den Essen in der Messe zu sein und nicht etwa zehn Minuten später. Dort zu essen und dann zu gehen, nicht etwa zu schwatzen. Sonst wird’s mit den Plätzen eng. Wahrscheinlich hat sich dies aber bald von selbst gelöst, wenn denn erst einmal die Nachtschichten für Ballonaufstiege, und Sensorreparaturen anfangen. Bis dahin bleiben noch 1 500 Seemeilen – rund 2 800 Kilometer – nordwärts und fünf Tage. So viele sind es noch bis ins Eis, weil zwischendurch immer mal gestoppt wird. Mal für Wissenschaftler mit Bojen und Lichtsensoren im Wasser, mal für das Schlauchboot, von dem aus Proben von der Wasseroberfläche geholt werden.

Dafür sollte die See ruhig sein. Doch die denkt nicht daran und schaukelt sich die nächsten Tage auf. Der Meteorologe bleibt bei seiner Prognose. Damit kommen neben unwilligen Sensoren und stotternden Datenleitungen wohl noch ganz andere Probleme für die sächsischen Landratten hier an Bord.

Alle SZ-Beiträge zur Expedition in den hohen Norden: www.sz-link.de/expedition

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