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Freitag, 20.04.2018

Warum wir Urwälder dringend brauchen

Forscher aus Eberswalde untersuchen die Effekte, die unberührte Wälder auf ihre Umgebung haben.

Von Eckart Granitza

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Stämme von gefällten Bäumen liegen in einem Teil des Bialowieza-Urwaldes nahe dem Dorf Skupowo.
Stämme von gefällten Bäumen liegen in einem Teil des Bialowieza-Urwaldes nahe dem Dorf Skupowo.

© dpa

Bisons und Elche zwischen grünem Geäst, turmhohe Tannen und Eichen, moosig-modriges Totholz auf verwunschenen Lichtungen: Der Bialowieza-Wald im Osten Polens gilt als einer der letzten intakten Urwälder Europas mit einer beispiellosen Vielfalt an Pflanzen und Getier. Um den Naturschutz in diesem einzigartigen Gebiet wird sich Polen künftig wieder besser kümmern müssen. Denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Regierung in Warschau zu Wochenbeginn scharf gerügt.

Schon Mitte Juni 2017 hatte die EU-Kommission der polnischen Regierung wegen ihres Holzeinschlags im Naturschutzgebiet Bialowieza einen Verstoß gegen EU-Recht vorgeworfen. Der EuGH hat jetzt festgestellt, dass dieser Vorwurf zutrifft und die polnische Regierung ihre Rodungen mit sofortiger Wirkung einstellen muss. Mit seinen 150 000 Hektar ist der Bialowieza Urwald an der polnisch-weißrussischen Grenze fast zweimal so groß wie Berlin und schon seit 1979 durch die Unesco als Weltnaturerbe geschützt. 9 000 Pilz- und Pflanzenarten und mehr als 20 000 Tierarten sind hier zu Hause. Darunter viele seltene Arten wie der sonst fast nirgendwo mehr in Europa vorkommende Wisent.

Seit März 2016 rodet die polnische Regierung große Flächen in diesem Jahrtausende alten Biotop. Ihr Argument: Die von Borkenkäfern befallenen Bäume, meistens Fichten, müssten abgeholzt werden, um den gesunden Bestand des Waldes zu schützen. Die Waldexperten Pierre Leonhard Ibisch, Professor für Naturschutz, und Stefan Kreft von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung im brandenburgischen Eberswalde halten das für unbegründet. In fast jedem natürlichen Wald würden Fichten von Zeit zu Zeit von Borkenkäfern befallen. „Ein gesunder Wald heilt sich normalerweise von einer Borkenkäferpopulation von selbst“, sagt Stefan Kreft. „Es entsteht ein Wald mit Bäumen, die gegebenenfalls sogar besser an die neuen Bedingungen angepasst sind als die vorhergehenden Fichten“, sagt der Ökologe.

Anfällig für seinen ärgsten Feind

Stefan Kreft war im Herbst 2017 mit einer Gruppe von Wissenschaftlern der „Society for Conservation Biology“ in Bialowieza. Vor Ort zeigte sich eine ganz andere Situation, als von den Polen geschildert: Die dramatischen Rodungen der letzten Jahre waren eher kommerziell motiviert.

Umweltschützer und Wissenschaftler sind sich einig: Ausgedehnte Rodungen und der damit einhergehende Verlust von Feuchtigkeit, wie in Bialowieza, machen den ganzen Urwald anfällig für seinen ärgsten Feind: den Trockenstress. Den Verlust von Feuchtigkeit erleiden viele Wälder Europas inzwischen allerdings nicht durch Rodungen, sondern durch die globale Erwärmung. Das birgt auch für die Forstwirtschaft enorme Verluste.

Der Klimawandel ist auch einer der Gründe, warum Kreft und Ibisch den Erhalt der letzten Urwälder als so wichtig ansehen: „Forstwissenschaftler und Förster fragen sich natürlich, welche Baumarten sie anbauen sollen, damit die Produktivität erhalten bleibt. Aber wie reagiert eigentlich ein naturnahes und weitgehend selbstreguliertes Waldökosystem? Welche sind die Faktoren und Prozesse, die Wälder widerstands- und anpassungsfähiger machen? Ich denke, wir müssen auch und gerade von alten Wäldern, von Urwäldern, lernen, wie die mit der zunehmenden Erwärmung und dem einhergehenden Trockenstress umgehen“, meint Pierre Ibisch. So wollen die Waldforscher die nächsten Jahrzehnte in unbewirtschafteten, alten Wäldern beobachten, welche Baumarten die Klimaveränderungen am besten vertragen.

Zudem haben alte, unberührte Wälder eine positive Auswirkung auf das Klima: sie kühlen bei Tag und wärmen bei Nacht. Der Grund ist ihr hoher Anteil an Biomasse und damit an Wasser. Die Arbeitsgruppe von Professor Ibisch bestimmt die Biomasse derzeit in einigen bewirtschafteten und unbewirtschafteten Wäldern in Deutschland. Zum Beispiel in den „Heiligen Hallen“, einem seit der Mitte des 18. Jahrhunderts geschützten alten Buchenwald nahe der Mecklenburgischen Seenplatte, in dem seit 1950 kein Holz mehr entnommen wird.

„Je älter ein Wald ist, desto mehr Biomasse hat er, und je mehr Biomasse im Wald vorhanden ist, desto mehr kann der Wald sich selbst und seine Umgebung kühlen“, erklärt Ibisch. Diesen Effekt können die Waldexperten mit Datenloggern messen, die die Lufttemperatur des Waldes über ein Jahr aufzeichnen. Verglichen mit den Temperaturen in benachbarten, bewirtschafteten Wäldern ergibt sich ein eindeutiges Bild: „In den Heiligen Hallen, als altem, unbewirtschafteten Buchenwald, ist es gerade an warmen Tagen 10 bis 12 Grad kälter als in den nahe gelegenen, bewirtschafteten Kiefernforsten. Hätten wir also mehr alten Wald in der Landschaft, würde das der Erwärmung eindeutig entgegenwirken,“ sagt der Professor.

Allerdings: In Deutschland liegt der Anteil an ungenutzten Wäldern gerade mal bei zwei Prozent. In Sachsen gibt es acht solche Naturwaldreservate, die ihrer natürlichen Entwicklung möglichst ohne direkte menschliche Eingriffe überlassen werden und sich so zu „Urwäldern von morgen“ entwickeln sollen. Mit einer Fläche von 303 Hektar bei 524 838 Hektar Waldfläche insgesamt okkupieren diese Naturwaldreservate allerdings ein verschwindend geringes Gebiet. „Es benötigt nur ein paar Jahrzehnte des Nutzungsverzichtes, bis sich wieder Strukturen und Prozesse einstellen, mit denen sich der Wald wieder selbst reguliert. Und genau damit sollten wir jetzt anfangen, die Zeit drängt“, sagt Ibisch. Bis 2020 sollen nach der deutschen Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung fünf Prozent der Wälder einer natürlichen Entwicklung überlassen sein. „Bei vielen Förstern herrscht die falsche Idee vor, ein Wald ohne Holznutzung sei ‚stillgelegt‘. Wir müssen endlich begreifen, dass die Ökosysteme auch in geschützten alten Wäldern für uns arbeiten“, sagt Ibisch.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. knut knebel

    Im Prinzip ist ja die ganze Sache mit dem Menschen, dem größten Raubtier und Parasiten auf Erden, eine verlorene Sache. Noch haben die Polen bissel was an echter Natur, Sachsen ist da schon viel "fortschrittlicher": tolle 300 von 500.000 Hektar Wald = übliche "Öko"-Bilanz einer "christlich"-demokratischen Politik, da bleibt kein Grashalm aufrecht, Raubbau ist oberste Agenda allerorten. Vielleicht sollte diese zutiefst kranke Gesellschaft besser vernunftbezogene lebensgrundlagen-bezügliche Werte beschreiben und anstreben - anstatt das Raubtier mit "Familie" oder "Heimat" vollzusemmeln. Oh Arzgebirg, wie bist du schie. Ein Glück, du bist längt hiee! So, ich muß los, gedankenlos Bauholz in Größenordnungen kaufen, und zack ist auch dieser Artikel weggeklickt und vergessen!

  2. Laubenpieper

    @1: volle Zustimmung.Habe vor 2 Tagen einen ähnliche Meinung vertreten,ist aber bei einigen Foristen nicht gut angekommen.Manche verstehen eben keine Satire/Ironie.Mit Ihrem Artikel haben Sie aber recht.

  3. Thomas

    Und was ist da neu dran? Das hat Alexander von Humboldt schon vor über 200 Jahren erkannt und wissenschaftlich publiziert! Er war ja auf seinen Reisen damals schockiert, wie der Urwald von den Kolonialisten gnadenlos abgeholzt wurde und hat die Effekte eingehend untersucht.

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