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Dienstag, 06.03.2018

Streit um die Gen-Schere

Mit Crispr lassen sich gezielt Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften züchten. Ist das Gentechnik oder nicht?

Von Anja Garms

Ob klassisch per Zufallsmethode gezüchtet oder gezielt mit der Gen-Schere verändert – wie ist das rechtlich zu bewerten?
Ob klassisch per Zufallsmethode gezüchtet oder gezielt mit der Gen-Schere verändert – wie ist das rechtlich zu bewerten?

© dpa/Patrick Pleul

Eine Weizensorte, die gegen die gefürchtete Pilzkrankheit Mehltau resistent ist. Stressresistente Maispflanzen oder Allergen-freie Erdnüsse. An der Züchtung solcher und vieler anderer Kulturpflanzen arbeiten derzeit zahlreiche Pflanzenforscher. Viele nutzen dazu ein molekulares Werkzeug, das sich seit einigen Jahren in rasantem Tempo in den Labors rund um die Welt verbreitet: Crispr/Cas9, kurz Crispr. Mit dieser Technik ist es möglich, das Erbgut – und damit die Eigenschaften – von Pflanzen und anderen Lebewesen präziser zu verändern als bisher.

Viele Forscher sehen enormes Potenzial in der Technologie. Gentechnik-Kritiker hingegen fürchten, dass damit eine Vielzahl gentechnisch veränderter Pflanzen geschaffen, schlimmstenfalls unkontrolliert angebaut und letztlich den Verbrauchern unwissentlich untergejubelt werden könnte. Beide Seiten warten derzeit mit Spannung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der die entscheidende rechtliche Bewertung von Organismen liefern soll, die mit Crispr und vergleichbaren Techniken erzeugt wurden. Die Entscheidung wird in den kommenden Monaten erwartet. Die Frage ist: Handelt es sich dabei um gentechnisch veränderte Organismen (GVOs), die unter die strengen Auflagen des europäischen Gentechnikrechts fallen? Sie müssten in diesem Fall unter anderem ein Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden. Oder sind die Crispr-Produkte keine GVOs, weil sie in vielen Fällen von Pflanzen, die natürlich entstanden sind oder mit konventionellen Züchtungsmethoden erzeugt wurden, ohnehin nicht zu unterscheiden sind? In diesem Fall dürften sie ohne spezielle Prüfung und Kennzeichnung in den Verkehr und auf den Markt gebracht werden.

Aber was genau ist das Crispr-Verfahren eigentlich? Bei der Methode werden Gene, die für eine bestimmte Eigenschaft der Pflanze verantwortlich sind, gezielt angesteuert. Der Genstrang wird an der betreffenden Stelle geschnitten und dann vom zelleigenen Reparatursystem wieder zusammengefügt. An der Schnittstelle können auch neue Gene eingefügt werden.

Die resultierende Pflanze unterscheidet sich in nur einem oder wenigen genetischen Bausteinen von der Ausgangspflanze. Solche Mutationen, die zur Stilllegung von Genen führen können, treten auch natürlicherweise ständig auf und führen zu zufälligen Veränderungen des Pflanzenerbguts. Klassische Züchtungsmethoden, etwa die Bestrahlung, erhöhen die Mutationsrate, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen und schneller eine gewünschte Eigenschaft hervorzurufen.

Die Crispr-Methode ist schnell, einfach und sehr präzise und damit der klassischen Pflanzenzucht oder anderen gentechnischen Methoden überlegen, wie zumindest die Befürworter finden. Lange Zuchtreihen, die sich oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinziehen, fallen damit weg.

„Mit der hohen Präzision der Crispr-Technologie ist ein wesentlicher Schritt erreicht, den Pflanzenzüchtung schon immer angestrebt hat“, sagt auch Ralf Wilhelm, Leiter des Fachinstituts für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen am Julius-Kühn-Institut. Man könne damit Züchtungsziele wie Krankheits- und Schädlingsresistenz oder eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Nässe oder Trockenheit erreichen – und zwar wesentlich schneller und günstiger als je zuvor.

Hinsichtlich einer rechtlichen Bewertung der Verfahren hält sich Wilhelm bedeckt. „Wir würden von wissenschaftlicher Seite keinen Sinn darin sehen, zwei Organismen, die völlig gleich sind, rechtlich anders zu bewerten.“ Allerdings müsse man fallweise entscheiden und die Art der jeweiligen Veränderung berücksichtigen.

Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, legte im Januar dieses Jahres eine Stellungnahme zur rechtlichen Bewertung der Verfahren vor. Darin heißt es unter anderem, dass mit Crispr und vergleichbaren Verfahren erzeugte Organismen nicht als gentechnisch verändert anzusehen sind, solange die vorgenommenen Veränderungen auch auf natürliche Weise entstanden sein könnten.

Zu einem ganz anderen Schluss kommt der Rechtsexperte Ludwig Krämer. Er hat sich im Auftrag von Testbiotech – einem eher gentechnik-kritisch eingestellten Institut – mit der Stellungnahme befasst. Seiner Ansicht nach fallen die neuen Verfahren sehr wohl unter den Geltungsbereich der EU-Freisetzungsrichtlinie, welche die Zulassung gentechnisch veränderter Organismen regelt. (dpa)

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