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Montag, 14.05.2018

Mit Leonardo DiCaprio im Dschungel

Erst Dresden, dann Manila. Auf fernen Inseln erforscht Hendrik Freitag heute Seltenes.

Rein optisch haben sie nichts gemeinsam. Den Namen Leonardo DiCaprio müssen sich der bekannte Schauspieler und ein neu entdeckter Käfer nun allerdings teilen.
Rein optisch haben sie nichts gemeinsam. Den Namen Leonardo DiCaprio müssen sich der bekannte Schauspieler und ein neu entdeckter Käfer nun allerdings teilen.

© dpa

Leonardo DiCaprio schwamm in einem Wasserfall. Gut versteckt, unentdeckt – bis zu diesem Moment. Dann kam Hendrik Freitag und sammelte ihn ein. Besser gesagt, leitete er eine Gruppe von Hobby-Forschern an, die Leo mitnahmen. Doch die suchten nicht in Hollywood nach ihm, sondern im Dschungel von Borneo. Ihr DiCaprio hat sechs Beine und glänzt schwarz. Er ist ein Käfer und der bisher einzige seiner Art, der jemals entdeckt wurde.

Klar, die Freude über so einen Fund sei groß, sagt Hendrik Freitag. Schon im vergangenen Oktober war er mit der Gruppe unterwegs. Im Rahmen der Taxon-Expeditionen, einem Angebot für naturinteressierte Laien, begleitet er regelmäßig solche Dschungeltouren. Für ihn ist das, was dort dann Freizeit-Wissenschaftler tun, sein Beruf. Freitag ist Experte für Insekten, ein Taxonom. Taxonomen entdecken neue Arten, beschreiben ihre Merkmale und Systematik. So werden auch diese Teil des Wissens über die Organismen auf unserem Planeten. Hendrik Freitag schätzt, dass er bis heute um die 100 neue Insekten gefunden hat. Es gibt aber trotzdem noch genug für ihn und seine Kollegen zu tun. Schätzungen zufolge leben um die sechs Millionen verschiedene Insektenarten auf der Erde. Bisher wurden insgesamt zwischen ein bis zwei Millionen Organismen weltweit entdeckt und beschrieben. Jährlich kommen rund 10 000 Spezies hinzu.

Die Chance, etwas zu finden, ist dort, wo Freitag heute lebt, groß. Seit fast zehn Jahren wohnt er auf den Philippinen, ist nun Professor an der dortigen Ateneo de Manila Universität in der Hauptstadt des Landes. Vorher war er in Dresden bei den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen tätig. Auch heute noch arbeitet er eng mit den Dresdner Kollegen zusammen. Die braucht er auch, wenn er Neuem auf der Spur ist. „Der Fund ist das eine. Aber herauszufinden, ob diesen Käfer schon mal jemand gesammelt hat, ist eine komplizierte Sache“, sagt er. Das ist aufwendige Recherchearbeit. Viele Sammlungen in der ganzen Welt muss er dafür durchsuchen. Beim Käfer aus Borneo stand am Ende fest: Den kennt wirklich noch keiner. Grouvellinus leonardodicaprioi, so der Fachname, taufte ihn die Expeditionsgruppe – nach demokratischer Abstimmung. Nicht ohne Grund. Der Namenspatron und seine Umweltstiftung fördern seit mittlerweile 20 Jahren zahlreiche Artenschutzprojekte.

Die Namenswahl sorgte in den vergangenen Tagen für Furore auf der ganzen Welt. Einer der wenigen Augenblicke, in denen die Öffentlichkeit die Arbeit der Taxonomen wie Hendrik Freitag wahrnimmt. Sein Spezialgebiet bekommt ansonsten eher wenig Beachtung. Gute Jobs gibt es selten. „Dabei sind gerade die Insekten wichtige Indikatoren dafür, ob es der Umwelt gut geht“, erklärt er. Schon allein deshalb ist es wichtig zu wissen, wo welche Arten vorkommen – oder ob sie schon Opfer der durch den Menschen veränderten Welt geworden sind.

Obwohl die Berufsperspektiven mau sind, Hendrik Freitag ist froh gerade diesen Beruf ergriffen zu haben. „Das ist meine Passion“, sagt er. Draußen zu sein, die Natur zu erleben, Neues zu entdecken. Das macht ihn glücklich. Das Arbeitsumfeld ist dabei alles andere als ungefährlich. Ob Schlangen oder Mücken, die Malaria übertragen, der Wissenschaftler muss gut auf sich aufpassen. Bisher ist immer alles gut gegangen. „Es ist wie eine unausgesprochene Übereinkunft. Ich tue den gefährlichen Tieren nichts zuleide und sie mir nichts.“

Vielleicht kehrt Hendrik Freitag irgendwann nach Europa, vielleicht sogar nach Deutschland zurück. Derzeit ist die Arbeit in Manila aber erst einmal interessanter. Manch einer beneidet ihn um das Leben auf der Insel. „Viele denken, ich liege ständig in der Hängematte am Strand.“ Doch dort war er schon lange nicht mehr. Er geht lieber in den Dschungel. (jam)

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