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Dienstag, 24.04.2018

Krebs-OP kann Metastasen fördern

Mediziner forschen an Mitteln dagegen, dass die Balance im Körper zugunsten von Tumorwachstum kippt.

Von Annett Stein

Auf der Bildschirmdarstellung einer Magnetresonanz-Mammografie ist ein winziger Tumor in der Brust einer Patientin zu sehen. Warum so etwas in einigen Fällen zu lebensbedrohenden Geschwulsten werden kann, ist auch nach der neuen Studie noch weitgehend unklar.
Auf der Bildschirmdarstellung einer Magnetresonanz-Mammografie ist ein winziger Tumor in der Brust einer Patientin zu sehen. Warum so etwas in einigen Fällen zu lebensbedrohenden Geschwulsten werden kann, ist noch weitgehend unklar.

© dpa/Jan-Peter Kasper

Chirurgische Eingriffe bei Brustkrebs können die Wahrscheinlichkeit für frühe Metastasen erhöhen. Das haben Mediziner in Versuchen mit Mäusen bestätigt. Als Ursache sehen sie Prozesse bei der Wundheilung an, wie sie im Fachjournal Science Translational Medicine berichten. Der nicht an der Studie beteiligte Heidelberger Krebsmediziner Hellmut Augustin hält die Ergebnisse für wissenschaftlich sehr bedeutsam – die daraus abgeleiteten Empfehlungen aber für gegenwärtig nicht begründet.

Bei rund einem Drittel der Patientinnen gebe es zum Zeitpunkt der Brustkrebs-Diagnose schon Krebszellen in anderen Bereichen des Körpers, erläutern die Forscher um Jordan Krall und Robert Weinberg vom Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge (Massachusetts). Was entscheidet darüber, ob diese Zellen – wie meist – in einem Ruhezustand verharren oder sich zu lebensbedrohenden Tochtergeschwulsten, sogenannten Metastasen entwickeln?

Vor allem 12 bis 18 Monate nach einer Brustkrebs-Operation tauchen Weinbergs Team zufolge bei einigen Patientinnen frühe Metastasen auf. Über die möglichen Ursachen werde seit Jahrzehnten debattiert. Einige Experten sind der Ansicht, dass die Metastasen zum natürlichen Verlauf der Krankheit gehören, andere vermuten einen Zusammenhang mit dem chirurgischen Eingriff. Bis heute gebe es keine therapeutischen Mittel gegen das Phänomen.

Unwahrscheinlich sei, dass sich beim Herausschneiden des Primärtumors Krebszellen lösen, in andere Bereiche wandern und dort Metastasen bilden, erläutern die US-Forscher. In diesem Fall dürften die frühen Tochtergeschwulste bei Patientinnen mit einer Mastektomie, einer teilweisen oder vollständigen Entfernung der betroffenen Brust, kaum auftreten. Dies ist aber sehr wohl der Fall. Wahrscheinlicher sei daher ein Zusammenhang mit Signalstoffen, die das Wachstum zuvor ruhender Krebszellen anregen.

Weinbergs Team untersuchte nun an gut 270 Mäusen gezielt, wie sich der Wundheilungsprozess nach einer OP auf das Wachstum in den Körper eingebrachter Tumorzellen auswirkt. Da es bei den Tieren keinen Primärtumor gab, wurde dessen Einfluss von vornherein ausgeschlossen. Die Mäuse bekamen Tumorzellen injiziert, ein Teil bekam – zur Simulation einer Krebs-OP – ein kleines Schwammimplantat unter die Haut gesetzt. In nicht operierten Mäusen hielten die T-Zellen des Immunsystems die übertragenen Tumorzellen weitaus besser in Schach, also im Ruhezustand. In Mäusen mit verheilender Wunde entwickelten sich die Zellen dagegen häufiger zu gefährlichen Metastasen. Offenbar führten Prozesse bei der Heilung dazu, dass das Immunsystem die Ausreifung ruhender Tumorzellen weniger gut verhindern kann, erläutern die Forscher.

Wurden die operierten Mäuse mit dem Arzneistoff Meloxikam behandelt, einem sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatikum (NSAID), blieben die gebildeten Tumore wesentlich kleiner. Meloxikam wirkt antientzündlich. Eine Gabe des Stoffes nach einer Brustkrebs-OP könne die Wahrscheinlichkeit für die Bildung von Metastasen möglicherweise verringern, vermuten die Forscher. Sie halten es für wahrscheinlich, dass sich chirurgische Eingriffe generell auf die Ausreifung in Geweben vorhandener Vorläufer auch anderer Krebsarten auswirken können.

„Es ist vom experimentellen Design her eine extrem intelligent gemachte Studie“, sagt Hellmut Augustin, Leiter der Abteilung Vaskuläre Onkologie und Metastasierung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Die Daten bestätigten, dass allein der chirurgische Eingriff eine entzündliche Reaktion im Körper hervorrufen kann, die die Balance zugunsten von Tumorwachstum kippt. „Die Chirurgie selbst kann tatsächlich das Auswachsen von Metastasen beeinflussen.“

Die von Weinbergs Team vorgeschlagene Erklärung sei allerdings nur eine von vielen möglichen. „Vielleicht ist gar nicht die Chirurgie das Wichtigste“, erklärt Augustin. Möglicherweise sei es der Primärtumor selbst – beziehungsweise sein plötzliches Fehlen –, der den Ausschlag gebe. „Wenn sie den Tumor wegnehmen, verändern sie das bestehende Gleichgewicht im Körper.“ Studien seines Teams hätten zum Beispiel gezeigt, dass Primärtumore große Mengen an VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor), einem Signalmolekül für die Gefäßbildung, produzieren. Werde der Tumor entfernt, verschwinde das Molekül rasch aus dem Blutkreislauf. Ähnliches gelte für viele andere Substanzen. Nach einer 1995 vorgestellten Hypothese könnte ein Tumor gar über Signalstoffe das Wachstum von Metastasen verhindern – und damit eine Konkurrenz um Ressourcen.

Auch das sei letztlich nur eine Theorie, über die molekularen Mechanismen der Metastasenbildung sei insgesamt noch sehr wenig bekannt. „Metastasierung ist immer noch eines der größten Mysterien der Krebsforschung.“ Umso kritischer sieht Augustin, dass Weinbergs Team schon Vorschläge für eine postoperative entzündungshemmende Therapie macht. Es sei völlig unklar, welche Bedeutung der gefundene Zusammenhang unter realen Bedingungen beim Menschen habe.

In einem Übersichtsartikel im Fachmagazin Nature Reviews Clinical Oncology fassten Mediziner kürzlich zusammen, über welche Mechanismen chirurgische Eingriffe und die verwendeten Anästhetika die Metastasenentstehung nach derzeitigem Wissensstand beeinflussen können. Neben dem Immunsystem spielen demnach auch die Ausschüttung von Hormonen und Stoffwechselprozesse eine Rolle.

Auch hier wird der Wundheilungsprozess erwähnt: Wird neues Gewebe gebildet, um eine Wunde zu schließen, sind darin zum Beispiel auch neue Blutgefäße nötig und Signalstoffe werden freigesetzt – die aber auch verstreute Krebszellen heranreifen lassen oder schlummernde Mini-Tumore aktivieren können.

Inzwischen gibt es zahlreiche Belege dafür, dass winzige Tumore im Ruhezustand bei gesunden Individuen häufig sind. Warum sie in einigen Fällen nach vielen Monaten oder Jahren zu lebensbedrohenden Geschwulsten werden, ist noch weitgehend unklar.

(dpa)

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