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Montag, 05.02.2018

Kleiner Helfer im Kopf

Ein epileptischer Anfall kann in manchen Situationen gefährlich werden. Ein Mikrosystem aus Sachsen will Betroffenen helfen.

Von Jana Mundus

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Von Gold umrahmt ist das die Rettung für Epilepsie-Patienten. Der kleine Chip in der Mitte ist der Prototyp für eine Idee, die jetzt auch die EU finanziell unterstützt. Er soll in den Kopf implantiert werden und dort vor dem nächsten Anfall warnen. Ronald Tetzlaff von der TUDresden will das System mit seinen Partnern zur Marktreife bringen.
Von Gold umrahmt ist das die Rettung für Epilepsie-Patienten. Der kleine Chip in der Mitte ist der Prototyp für eine Idee, die jetzt auch die EU finanziell unterstützt. Er soll in den Kopf implantiert werden und dort vor dem nächsten Anfall warnen. Ronald Tetzlaff von der TU Dresden will das System mit seinen Partnern zur Marktreife bringen.

© Christian Juppe

Gerade lacht der junge Mann noch mit seinen Freunden. Die Gruppe will ins Kino. Sie überqueren eine viel befahrene Straße. Plötzlich ist alles anders. Der Mann sackt zusammen und fällt. Sein Körper krampft, der Kopf biegt sich nach hinten, er ist nicht mehr ansprechbar. Die anderen tragen ihn auf den Fußweg. Sie wissen, was jetzt zu tun ist. Ihr Freund hat Epilepsie... Wann kommt der nächste Anfall? Für Betroffene ist das die wichtigste Frage. Im schlimmsten Fall erleiden sie einen Anfall in Situationen, in denen ihnen die eigene Hilflosigkeit zum Verhängnis werden könnte, beispielsweise im Straßenverkehr. Wissenschaftler der TU Dresden und die Sigma Medizin-Technik GmbH aus dem erzgebirgischen Gelenau wollen nun ein mobiles System entwickeln, das Betroffenen das Leben erleichtern soll.

Epilepsie ist eine Funktionsstörung des Gehirns und eine der häufigsten Krankheiten des zentralen Nervensystems. Weltweit ist etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen. In Deutschland leiden rund 600 000 bis 800 000 Patienten daran. Insgesamt 40 000 erkranken jedes Jahr neu. Trotz existierender Medikamente oder der Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffs können die Anfälle nur bei rund 70 Prozent der Betroffenen reduziert werden. „Deswegen müssen wir dringend neue diagnostische Verfahren erforschen, die Anfälle kontinuierlich erfassen oder möglichst vorhersagen können“, sagt Matthias Kirsch von der Klinik für Neurochirurgie an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden.

Alarm für den Arzt

Seine Kollegen an der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik haben eine Lösung. Sie wollen ein Implantat entwickeln, um die Hirnströme direkt im Kopf permanent messen und analysieren zu können. Dieses Implantat soll nicht nur epileptische Anfälle aufzeichnen, um dem Arzt die Analyse der Hirnströme zu ermöglichen, sondern sogar drohende Anfälle vorhersagen. „Damit wird die Entwicklung völlig neuartiger Therapieformen ermöglicht“, erklärt Ronald Tetzlaff, Professor für die Grundlagen der Elektrotechnik. Dafür gibt es nun sogar Gelder von höchster Stelle. Insgesamt 1,4 Millionen Euro erhält das von der TU Dresden und der Sigma Medizin-Technik ins Leben gerufene Projekt Neuro-ESP. Das Geld stammt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) übergab jetzt den Fördermittelbescheid.

Mit der geplanten Neuentwicklung könnte der Patient bei drohenden Anfällen ausreichend lange vorher mittels eines externen mobilen Gerätes informiert werden. „Möglich wäre das beispielsweise über sein Smartphone“, erklärt Tetzlaff. So könnten Epileptiker einen sicheren Ort aufsuchen und gegebenenfalls Medikamente einnehmen. Des Weiteren sollen die Daten, die das Implantat dann ermitteln wird, an den behandelnden Arzt gesendet werden. Die Alarmierung könnte der ebenfalls auf ein Handy gesendet bekommen oder per E-Mail erhalten. Trotz räumlicher Entfernung könnte der Mediziner seinen Patienten so in Zukunft in der akuten Notsituation betreuen. Zum Beispiel bei der richtigen Dosierung und der Einnahme von Arzneimitteln helfen.

Schon in den vergangenen Jahren arbeitete Ronald Tetzlaff mit seinen Kollegen an der Idee zum Hirnimplantat. Dafür muss erforscht werden, welche Aktivitäten vor und während eines Anfalls im Hirn passieren. Aus Messdaten neurologischer Diagnosemethoden entwickeln die Forscher Algorithmen, die später die Vorhersage ermöglichen sollen. Erste Bauversuche für solch einen implantierbaren Chips machen Hoffnung, dass das Projekt am Ende gelingen wird.

Sicherheit im Kopf

In den nächsten drei Jahren sollen nun aber erst einmal die Grundlagen für solch ein Mikrosystem geschaffen werden. „Wir werden danach noch kein fertiges Implantat präsentieren können, das Patienten eingesetzt werden kann“, sagt Tetzlaff. Dafür wären in Zukunft erst einmal umfangreiche klinische Studien notwendig.

Derzeit existieren weltweit weder ein Verfahren noch ein System, die eine rechtzeitige Anfallsvorhersage für Epileptiker ermöglichen. Das ist eine immense psychische Belastung für Betroffenen. Für sie würde eine zuverlässige Anfallswarnung, verbunden mit einer telemedizinischen Versorgung durch den behandelnden Arzt, die Lebensqualität verbessern und gleichzeitig Sicherheit bringen. Doch in Dresden und Gelenau wollen die Experten daran arbeiten, dass das kleine Implantat am Ende Großes bewirken kann.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Klaus K.

    Ich hoffe, dass diese Entwicklung so schnell wie möglich in der Praxis zum Einsatz kommt. Ich habe schon zweimal einen solchen Anfall bei einem guten Freund miterleben müssen, zum Glück war sein Leiden vorher bekannt. Man ist jedes Mal in dem Moment total geschockt und hilflos. Und man sieht es diesem lieben und intelligenten Menschen vorher gar nicht an. Ich hoffe so sehr, dass ihm wenigstens zum Teil so geholfen werden könnte.

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