erweiterte Suche
Donnerstag, 02.08.2018

Inselleben macht Vögel schlau

Von Alice Lanzke

Keas (Nestor notabilis) auf der Südinsel Neuseelands sind bekannt für ihr flexibles Verhalten. Sie gehören zu den Papageienarten mit den größten Gehirnen. Foto: dpa/Jon Sullivan
Keas (Nestor notabilis) auf der Südinsel Neuseelands sind bekannt für ihr flexibles Verhalten. Sie gehören zu den Papageienarten mit den größten Gehirnen. Foto: dpa/Jon Sullivan

© Jon Sullivan

Inselbewohner haben oft den Ruf, etwas eigen zu sein. Für das Tierreich scheint das tatsächlich zu stimmen: Einer Studie zufolge haben Vögel, die auf ozeanischen Inseln leben, größere Gehirne als ihre Verwandten auf dem Festland. Das liege vermutlich daran, dass die Lebensbedingungen auf Inseln unberechenbarer seien, erläutern die Forscher im Fachblatt Nature Communications.

Inseln sind ideale Orte, um Evolutionsprozesse zu erforschen, da sich hier Tierarten auf begrenztem Raum relativ ungestört in ökologischen Nischen entwickeln. Das gilt umso mehr für ozeanische Inseln – also Eilande, die nie mit dem Festland verbunden waren, sondern meist als Bestandteil Mittelozeanischer Rücken oder durch Vulkanismus abseits der Kontinente entstanden. In derart vom Festland abgeschiedenen Lebensräumen herrschen oft eigene Bedingungen: So besagt die Inselregel, dass eigentlich große Tiergruppen wie Rüsseltiere, die sich auf Inseln entwickeln, eher kleinere Arten entwickeln – etwa bei Elefanten. Umgekehrt werden solche Vertreter von Gruppen, die normalerweise klein sind, auf Inseln tendenziell größer.

Von einer weiteren Besonderheit berichtet nun ein Team um den Biologen Ferran Sayol vom spanischen CREAF (Forschungszentrum für ökologische und forstwirtschaftliche Anwendungen) in Barcelona. Sie verglichen mehr als 11 000 Gehirne von 1 931 Vogelarten, von denen 110 auf Inseln lebten und 1 821 auf Kontinenten. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass Inselvertreter eher größere Gehirne haben als ihre nahen Verwandten vom Festland.

Schon länger deuteten Fertigkeiten einiger auf Inseln beheimateter Vogelarten auf besondere Intelligenz hin. So sind etwa die Neukaledonienkrähe (Corvus moneduloides), die Hawaiikrähe (Corvus hawaiiensis) und der auf den Galapagosinseln verbreitete Spechtfink (Camarhynchus pallidus) für ihren äußerst geschickten Einsatz von Werkzeugen wie etwa Stöckchen bei der Nahrungssuche bekannt.

Wie die Biologen nun schreiben, legen Wahrscheinlichkeitsmodelle und vergleichende Analysen nahe, dass sich die größeren Gehirne der Vögel auf den Inseln selbst entwickelt haben – und das bei unterschiedlichen Arten. Die Tiere haben die Inseln demnach wohl nicht erst nachträglich besiedelt. Die Autoren erklären die größeren Gehirne der Inselbewohner vor allem mit einem höheren Selektionsdruck: Die Umwelt sei auf Inseln unberechenbarer, was bessere kognitive Fähigkeiten fördere. Werde etwa das Nahrungsangebot auf einer Insel knapp, könnten Inselbewohner oft – im Gegensatz zu Arten auf dem Festland – nicht so leicht ausweichen. Stattdessen seien jene Tiere im Vorteil, die auf neue Art nach Nahrung suchen könnten. „In der Tat legen immer mehr Belege nahe, dass größere Gehirne die Überlebensfähigkeit von Tieren erhöhen, die mit herausfordernden Situationen konfrontiert werden“, schreiben sie.

Für die Wissenschaftler liefert ihre Studie nun einen weiteren Baustein, um die Anpassung bestimmter Tierarten an die besonderen Bedingungen des Insellebens zu erklären: So müssten künftig nicht nur geografische Isolation, ökologische Chancen und Erbgut-Faktoren berücksichtigt werden, sondern auch die besonderen Umstände der Gehirnevolution. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.