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Dienstag, 03.07.2018

Immer wieder diese faule Jugend

Frech und respektlos soll sie sein, die „Jugend von heute“. Es ist ein Jammern ohne Ende. Warum eigentlich?

Von Christina Peters

Vorurteile und Beschimpfungen. Alt gegen Jung, Bewährtes gegen Neues. Die Jugend hatte es schon immer schwer, ihren Lebensstil zu verteidigen. Die Kulturgeschichte ist voll davon. Auch Theodor Hosemann (1807– 1875) lässt sich in seinem Bild „Der Faule und der Pfarrer“ über die Jugend aus.
Vorurteile und Beschimpfungen. Alt gegen Jung, Bewährtes gegen Neues. Die Jugend hatte es schon immer schwer, ihren Lebensstil zu verteidigen. Die Kulturgeschichte ist voll davon. Auch Theodor Hosemann (1807– 1875) lässt sich in seinem Bild „Der Faule und der Pfarrer“ über die Jugend aus.

© picture alliance/akg-images

Sie lieben den Luxus, ärgern die Lehrer und lümmeln herum. Mehr als 400 Jahre vor Christus hatte genau das der griechische Denker Sokrates an den jungen Leuten seiner Zeit auszusetzen. „Die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat“, moserte dann sein Schüler Platon. Und als Platons Zögling Aristoteles erwachsen war, sah es noch düsterer aus: Er verzweifle an der Zukunft der Zivilisation, wenn er die Jugend sehe, wird der entnervte Philosoph zitiert.

Kritik an der Jugend ist ein uraltes Phänomen. Seit Tausenden von Jahren bekritteln Erwachsene die junge Generation, fürchten den Verfall der Sitten und waren selbst natürlich viel anständiger als die jungen Leute. Die Jugend sei heruntergekommen und das Ende der Welt nah, soll angeblich auf einer 4 000 Jahre alten Steintafel stehen – in Keilschrift, der ersten menschlichen Schrift überhaupt. Doch was steckt hinter dem Phänomen, das die Jugend nur allzu gern kritisch beäugt wird?

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Sie sind Chamäleons

Griechen, Römer, Mittelalter, Moderne – immer sind es die gleichen Beschwerden und Beschwörungen. „Wohin sind der männliche Elan und das athletische Aussehen unserer Vorfahren verschwunden?“ klagt 1772 ein englisches Magazin über die Mode der jungen Männer. „Diese verweiblichten, selbstverliebten, ausgemergelten Narren können niemals direkt von unseren Helden abgestammt sein.“

„Vor dem Alten Griechenland war es das Alte Ägypten, davor das Alte Mesopotamien. Es gibt aus vielen antiken Kulturen Belege für diesen Stereotyp der respektlosen jungen Männer“, sagt der britische Althistoriker Matthew Shipton. Die antiken Weisheiten tauchen in Zitatenbänden, Pädagogik-Büchern und Internetforen auf. Einige der beliebtesten alten Zitate sind vermutlich falsch überliefert. Shipton hat den Zoff zwischen den Generationen im antiken Athen erforscht: „Man findet dort ziemlich viel von dieser Vorstellung, die wir heute auch noch kennen: Alles wird immer schlechter, man lebt in der schlimmsten aller Zeiten und Kinder respektieren ihre Eltern nicht mehr.“ Spätestens mit dieser Generation geht es bergab, denkt jede Generation – und das offensichtlich schon seit Menschengedenken.

David Finkelhor hat ein Wort dafür erfunden: Juvenoia. Darin stecken die Bestandteile juvenil und Paranoia – das steht für die Angst vor der Jugend und zugleich auch die Angst um die Jugend. „Es geht um die übertriebene Besorgnis vor dem Effekt, den soziale Veränderungen auf Kinder haben“, erklärt der Soziologe, der seit Jahrzehnten an der US-Universität New Hampshire über Jugendschutz forscht. „Wir ziehen gerne den Schluss, dass es schlecht um unsere Kinder steht. Und dass das wiederum unserer Gesellschaft schaden wird.“

Finkelhor vermutet: Als Spezies, die sich in recht stabilen Verhältnissen entwickelt hat, haben Menschen schon evolutionär bedingt Angst vor Veränderungen. „Auf einer gesellschaftlichen Ebene geht es darum, dass ich Hüter bestimmter Werte oder Institutionen bin, die ich bewahren will“, erklärt der Soziologe. „Und ich gehe dann davon aus, dass diese jungen Leute sie angreifen, abschaffen oder untergraben werden.“ Je rasanter die Veränderung, desto abwehrender die Reaktion: Die Jungen sind schuld.

Dabei ist es laut Finkelhor in Wahrheit so: Wie Chamäleons fügten sich junge Menschen in die Welt ein, in der sie aufwachsen. Das sei eine Überlebensstrategie von Gesellschaften, die sich so besser an Veränderungen ihrer Umwelt anpassen könnten, meint der Soziologe.

Im Kern geht es immer auch um die Jugend an sich – als Zustand. Philosoph Platon empfahl, Männern bis in ihre Dreißiger nur wenig Wein zu erlauben, um „die aufbrausende Art der Jugend mit der gehörigen Vorsicht“ zu behandeln. Erst danach seien sie reif für den Rausch. „Auf ihrem Höhepunkt kennt die Jugend nur die Verschwendung, ist leidenschaftlich dem Tanze ergeben und bedarf somit wirklich eines Zügels“, warnte der Grieche Plutarch im ersten Jahrhundert.

Althergebrachte Vorstellungen

Im 20. Jahrhundert sei der Ton ähnlich, meint Mey: „Es ist häufig ein extrem negativer, defizitärer Blick, immer schon gedacht von der Ziellinie einer etablierten, erwachsenen Person.“ Der junge Mensch wird als unfertiger Erwachsener gesehen – schlimmstenfalls gefährlich, nie ernst zu nehmend. Tatsächlich ist es heute so: Die klassische Generation als Altersgemeinschaft hat weitestgehend ausgedient. Jugendkulturen etwa ließen sich heute überhaupt nicht mehr als solche klassifizieren, sagt Mey. Es gehe immer weniger um das biologische Alter. „Wir erleben, dass es ungeachtet, welche Jugendszene wir uns anschauen, dort sowohl die 20-Jährigen bis hin zu den 50-Jährigen gibt“, so Mey. Juvenile Vergemeinschaftungen nennen das die Forscher.

Die althergebrachte Vorstellung von der Abfolge Kindheit, Jugend, Erwachsensein mit Beruf und Familie gelte so nicht mehr, sagt Mey. „Es gibt eine zunehmende Ambivalenz zwischen den Generationen.“

Das „Ende der Welt“, wie es die Keilschriften einst prophezeiten, werden die Jugendlichen nicht einläuten. Doch es wird eine schleichende Revolution bei Lebensstil, Partnerschaft und Technik geben, sagt Jutta Allmendinger, Leiterin der Vermächtnisstudie vom Wissenschaftszentrum Berlin. „Die Vereinbarkeit von Beruf und anderen Lebensbereichen wird sich verbessern, die Institution der Ehe wird nur ein mögliches Lebensmodell sein, das Internet wird noch viel stärker als heute unser Leben bestimmen.“ Und an alldem ist keinesfalls allein die Jugend schuld. (dpa)

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