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Mittwoch, 05.05.2010

Freie Sicht auf die Milchstraße

Nirgends sind des Nachts mehr Sterne als im Dorf Großmugl in Österreich – ein Fall für die Unseco.

Von Miriam Bandar

Großmugl ist ein österreichisches Örtchen, in dem die Bushaltestelle meist von Jugendlichen bevölkert ist, die woanders hinwollen: ländlich, abgelegen und nachts sehr, sehr dunkel. Gerade deshalb halten die Großmugler ihren Ort aber für genauso bedeutsam wie die Wiener Innenstadt und den Kölner Dom und wollen auf die Liste des Unesco-Welterbes. In klaren Nächten nämlich funkeln am Himmel über Großmugl bis zu 5000 Sterne – so viele wie wahrscheinlich sonst nirgends in dicht besiedelten Gebieten auf der Welt.

Durch die besondere geografische Lage schirmen Hügel selbst das Licht des nur 40 Kilometer entfernten Wiens ab. Astronomen pilgern häufig zu einem Feld neben dem großen Mugl, einem keltischen Grabhügel am Ortseingang, und schauen gen Himmel. Die 1600-Einwohner-Gemeinde schaltet zu besonderen Sternenereignissen ihre Beleuchtung komplett ab.

„Wenn es bei uns schon so finster ist, wollen wir das ausnutzen“, sagt Bürgermeister Karl Lehner. Er sitzt mit dem Entdecker von Großmugls unendlichen Weiten, dem Hobby-Astronomen und Wirt Charly Schillinger, regelmäßig in dessen Gaststube und schmiedet Zukunftspläne: Mit dem Welterbe-Status könnte das „Tor zur Milchstraße“ für größere Touristenmassen erschlossen werden. Bald ist ein Sternenfest geplant, Schillinger liebäugelt gar mit dem Bau eines Astro-Hotels: „Das würde mir supergut gefallen.“

Für Experten stehen die Chancen für die Unesco-Adelung nicht schlecht, da die Organisation momentan überlegt, wie der Sternenhimmel vor immer stärkerer Lichtverschmutzung geschützt werden kann.

„Vor 50 Jahren hat man die Milchstraße in Wien gesehen, heute sieht man dort gerade noch Mond, Venus und an guten Tagen 20 bis 40 weitere Sterne“, sagt der Leiter der Kuffner Sternwarte Wien, Günther Wuchterl. Pariser Nächte seien inzwischen so taghell, dass man dort gar nichts mehr erkenne. „In Großmugl spürt man diese Unendlichkeit und kann richtig ins All hinausreichen.“ Gestirne wie der Große Wagen seien dort vor lauter Überfluss nur noch für Experten zu erkennen. „Sie ertrinken in lauter Sternen.“ Da viele Kinder heute gar keinen echten Sternenhimmel mehr kennen, seien solche leicht erreichbaren „schwarzen Löcher“ in der Zivilisation besonders für den Erhalt des kulturellen Erbes wichtig. „Das Menschenrecht auf die Milchstraße muss erhalten werden“, fordert Wuchterl.

Im Juli soll das Welterbe-Komitee bei einer Konferenz in Brasilien Grundsatzentscheidungen dazu treffen und will sich auch eine Studie aus Großmugl anschauen. Schärfster Konkurrent der Alpengemeinde ist das neuseeländische Dorf Tekapo, das seine 850 Bewohner bereits seit Längerem im Dunkeln sitzen lässt.

Doch Großmugl holt auf: Die Straßenbeleuchtung ist nach Angaben des Bürgermeisters bereits mit sternenfreundlichem, rötlichem Dämmerlicht auf den neuesten Stand gebracht worden, die bei Partys beliebten Sky-Beamer sollen verboten werden, und selbst bei der Kirche geht im katholischen Dorf um 22 Uhr das Licht aus. Zusätzlich bringen eigens astronomisch geschulte „Licht-Berater“ den Bewohnern bei Hausbesuchen den wirtschaftlichen Umgang mit der Helligkeit bei.

„Es ist wichtig, dass die Leute auch dahinterstehen“, sagt Bürgermeister Lehner. Die Maßnahmen bräuchten noch Überzeugungsarbeit, denn für die Großmugler war ihre neue Attraktion Jahrzehnte lang ganz normal. „Die Milchstraße kennt hier jeder.“ Besonders Jugendliche seien eifrig – wenn sie denn mal eine Nacht daheim bleiben und ihre Freundin zum „Sternderl schauen“ herauslocken. (dpa)