erweiterte Suche
Donnerstag, 23.08.2018

Eine wahrlich Brücken schlagende Liaison

Von Anja Garms

Svante Pääbo – hier mit der Replik eines Neandertaler-Skeletts – liest im Erbgut der Frühmenschen.Foto: Karsten Möbius/dpa
Svante Pääbo – hier mit der Replik eines Neandertaler-Skeletts – liest im Erbgut der Frühmenschen. Foto: Karsten Möbius/dpa

© Karsten Möbius

Das kleine Knochenfragment, das russische Archäologen 2012 in der Denisova-Höhle entdeckten, hat es in sich: Erbgutanalysen zeigen, dass es von einem Mädchen stammt, dessen Mutter Neandertalerin und dessen Vater Denisovaner war. Die Untersuchung zeige unter anderem, dass die beiden Gruppen von Frühmenschen sich häufiger miteinander vermehrten als bislang angenommen, berichtet ein internationales Forscherteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig im Fachblatt Nature.

„Neandertaler und Denisovaner hatten vielleicht nicht viele Gelegenheiten, einander zu treffen. Aber wenn sie aufeinandergetroffen sind, müssen sie relativ häufig Kinder miteinander gezeugt haben – viel öfter, als wir bisher dachten“, kommentiert Studienleiter Svante Pääbo.

Bis vor etwa 40 000 Jahren lebten sowohl Neandertaler als auch Denisova-Menschen in Eurasien. Die Neandertaler bevölkerten vor allem den westlichen Raum, Denisovaner den östlichen. Überreste von Letzteren fanden sich bisher ausschließlich in der Denisova-Höhle im russischen Altai-Gebirge, wo auch Spuren von Neandertalern gefunden worden sind.

Das Knochenfragment, das das Team um Pääbo, Direktor der Abteilung für Evolutionäre Genetik am MPI-EVA, untersuchte, ist gerade einmal gut zwei Zentimeter lang. Die Forscher datierten es auf ein Alter von etwa 50 000 Jahren. Untersuchungen weisen darauf hin, dass es von einem zum Zeitpunkt des Todes mindestens 13 Jahre alten Mädchen stammt. Die Forscher bezeichnen es als „Denisova 11“. Aus einigen kleinen Proben des Knochens isolierten sie das Erbgut. Durch Vergleiche mit bereits bekannten Erbgut-Sequenzen von einem Neandertaler und einem Denisovaner fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Mädchen ein direkter Nachkomme von einem gemischten Elternpaar ist – es trug Erbgut beider in sich, und zwar in einem Mischungsverhältnis, wie man es von einem direkten Nachkommen erwarten würde.

Dass die beiden Frühmenschen grundsätzlich miteinander Nachwuchs zeugten, war aus früheren Untersuchungen schon bekannt. „Doch ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben könnten, auf einen direkten Nachkommen der beiden Gruppen zu stoßen“, sagt Erstautorin Viviane Slon aus Pääbos Arbeitsgruppe.

Die Analysen zeigten weiter, dass der Denisova-Vater ebenfalls geringe Mengen Neandertaler-Erbgut in sich trug. Vermutlich habe es in seinem Stammbaum sogar mehr als einen Neandertaler-Vorfahren gegeben, die womöglich 300 bis 600 Generationen vor ihm lebten, schreiben die Wissenschaftler. Diese Neandertaler gehörten einer anderen Gruppe an als die, aus der die Mutter des Mädchens stammte. Sie war genetisch enger mit Neandertalern verwandt, die in Westeuropa lebten, als mit einem Neandertaler, der zu einem früheren Zeitpunkt in der Denisova-Höhle lebte.

Dass sich ein Mischlingskind unter den wenigen Frühmenschen finden lasse, deren Erbgut entschlüsselt ist, weise darauf hin, dass so eine Vermischung kein seltenes Ereignis war. Warum blieben dann die beiden Gruppen dennoch genetisch unterscheidbar? Vermutlich war die Überlappungszone beider Gruppen räumlich und zeitlich begrenzt, erklären die Forscher. Vielleicht sei der Nachwuchs auch weniger fit gewesen als der Nachwuchs von reinen Neandertaler- oder Denisova-Paaren.

(dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.