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Dienstag, 26.06.2018

Die Störung der Unverwüstlichen

Flechten sind uralte Organismen, die einen gewaltigen Lebensraum erobert haben. Dennoch schwinden etliche Arten.

Von Annett Stein

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Nicht nur an Bäumen
Nicht nur an Bäumen

© Roman Türk

  • Nicht nur an Bäumen
    Nicht nur an Bäumen
  •  und Gestein in der Natur siedeln sich die unterschiedlichsten Flechten an.
    und Gestein in der Natur siedeln sich die unterschiedlichsten Flechten an.
  •  Sie erobern auch Lebensräume wie Dächer
    Sie erobern auch Lebensräume wie Dächer
  • oder alte Karosserien.
    oder alte Karosserien.

Die meisten Menschen nehmen sie überhaupt erst wahr, wenn sie als bunte Flecken auf der Terrasse oder am Obstbaum im Garten wachsen: Flechten sind unscheinbare Lebewesen. „Der natürliche Zustand wäre, dass bei geeigneten Feuchte- und Lichtbedingungen die meisten Oberflächen dicht mit Flechten besetzt sind“, sagt Imke Schmitt von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt. Von alten Laubbäumen würden lange Bartflechten hängen, Mauerwerk wäre mit bunten Strauch- und Krustenflechten überzogen.

Vom natürlichen Zustand aber ist das Umfeld der uralten Gemeinschaft aus Pilz und Alge vielerorts weit entfernt. In den 1960er- und 1970er-Jahren war es der enorme Schwefeldioxid-Ausstoß, der Flechten absterben ließ. „Das war ein riesiger menschengemachter Einschnitt“, sagt Schmitt. Ganze Städte und Regionen wurden zu Flechtenwüsten.

Dem sauren Regen wurde schließlich mit Entschwefelungsanlagen ein Ende bereitet. „Eine Erholungsphase begann“, sagt Roman Türk von der Universität Salzburg. So mancher Kleingärtner wundert sich nun, was für ein bunter Bewuchs sich auf seinem knorrigen alten Apfelbaum ausbreitet. Und auch auf Dächern und Terrassen wachsen wieder mehr Flechten. „Vor 50, 60 Jahren hat man in Frankfurt mit viel Glück zwei Arten gefunden, inzwischen sind es 100 bis 150“, sagt Schmitt. Gute Nachrichten also?

Keineswegs, betont Flechtenforscher Türk. Denn nur bestimmte Arten kehren zurück. „Stickstoffliebende Flechten hat man früher suchen müssen, heute wachsen sie überall.“ Entlang von Autobahnen und stark befahrenen Straßen breiteten sich zum Beispiel intensiv gelb oder orange gefärbte Blattflechten aus. Sie profitieren von Substanzen, die dem Großteil ihrer Verwandtschaft, aber auch der menschlichen Gesundheit schaden: Stickstoffverbindungen wie Stickoxide und Ammoniak, in gewaltigen Mengen freigesetzt von Verkehr, Industrie und Landwirtschaft. „Der Ausstoß hat in den vergangenen 20 Jahren immens zugenommen“, sagt Türk.

„Für viele Flechten ist dieses Überangebot tödlich“, erklärt Schmitt. Zu den besonders empfindlich reagierenden Flechten gehört die Goldaugenflechte, die in Mitteleuropa früher häufig vorkam und heute in einigen Regionen als ausgestorben gilt. Seltener geworden seien auch die Bartflechten, die einst in vielen Wäldern in langen, hellen Matten von den Ästen hingen. „Die Artenverarmung seit Beginn des Jahrtausends ist enorm“, betont Türk.

Das mag verwundern bei einem Organismus, der wie kaum ein anderer für die Ewigkeit gemacht scheint – extrem widerstandsfähig, wie er gegenüber vielen Umweltfaktoren ist. Im Trockenzustand könne man Flechten für Stunden in minus 196 Grad kalten Stickstoff tauchen, bei minus 60 Grad gar über Jahre lagern – und sie lebten weiter, erklärt Türk. „Sie halten vier Wochen Weltall stand und absoluter Trockenheit über Jahre.“ Auch bis zu 80 Grad Hitze seien für trockene Flechten an dunklem Basaltgestein kein Problem. „In den Tropen gedeihen Flechten auf dem Lack von Autos, in Neuseeland wachsen wunderschöne Blattflechten auf Glasscheiben.“

In trockenen, heißen Wüsten sind Flechten ebenso zu finden wie im Hochgebirge selbst noch in 7 000 Metern Höhe, auf schwermetallhaltigen Böden und in eisigen antarktischen Felsregionen. Und das schon lange, sehr lange. Wahrscheinlich existiere die Gemeinschaft aus Pilz und Alge schon seit mehr als 600 Millionen Jahren, erklärt Türk. Der Zusammenschluss zu gegenseitigem Vorteil – eine sogenannte Symbiose – habe einen gewaltigen neuen Lebensraum eröffnet. Flechten besiedeln die extremsten Standorte der Welt.

Der Gastgeber, meist ein Schlauchpilz, versorgt „seine“ Grün- oder Blaualgen mit Wasser, Mineralstoffen und Kohlendioxid, bietet ihnen Schutz vor UV-Strahlung, Austrocknung und Tierfraß. Im Gegenzug werden bis zu 40 Prozent der von den Algen über Fotosynthese hergestellten Kohlenhydrate an den Pilz abgegeben. Rund 25 000 Flechtenarten sind weltweit beschrieben. In Deutschland sind Türk zufolge 2010 Arten bekannt, in Österreich 2 400.

Eine Flechte ist ein eigenes Mini-Ökosystem,

das unzähligen Organismen als Lebensgrundlage dient. Wimpertierchen, Rädertierchen, Milben und Amöben leben dort, ebenso wie Bärtierchen, die selbst unglaubliche Überlebenskünstler sind. Schnecken grasen Flechtenteppiche ab, Ameisen und Käfer verstecken sich darin, Vögel nutzen sie zum Nestbau. Und nicht nur Rentiere, sondern auch Rehe, Hirsche, Bergziegen und Elche fressen Flechten.

Heute zählten sie zu den am stärksten bedrohten und zugleich am stärksten dezimierten Organismen-Gruppen Europas. Empfindlich machen Flechten ausgerechnet auf der Pilz-Algen-Partnerschaft beruhende Eigenheiten: Anders als zum Beispiel Pflanzen mit ihren Wurzeln nehmen sie Luft und Regenwasser weitgehend ungefiltert auf. Schadstoffe reichern sich so rasch an, zumal es kein Ausscheidungssystem gibt. Zudem kann das fein austarierte Stoffwechsel-Zusammenspiel der Symbiosepartner besonders leicht gestört werden.

Noch weitgehend unklar ist, wie der Klimawandel die weitere Entwicklung beeinflussen wird. Zu befürchten sei, dass viele Arten den höheren Nachttemperaturen nicht gewachsen sind. „Der Pilz atmet nachts weiter, dabei wird Kohlendioxid abgegeben, das kann zu tödlichem Nährstoffverlust führen“, sagt Türk.

Hinzu kämen die immer schlechteren Umweltbedingungen. Die allein auf Produktivität fokussierte Forstwirtschaft sei für Flechten genauso verheerend wie die Intensivierung der Landwirtschaft. „Wir verarmen unsere Umwelt, in unwahrscheinlich hohem Maße“, sagt Türk.

(dpa)

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