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Dienstag, 24.07.2018

Die lange Reise des Seetangs

Ungewöhnliches Treibgut zeigt: Ganz so abgeschieden wie angenommen ist die Antarktis doch nicht.

Von Anja Garms

Seetang, der auf dem Wasser treibt, kann als Floß für viele andere Küstenpflanzen und -tiere dienen. Durvillaea (southern bull kelp) growing on sub-Antarctic Marion Island. This kelp is a large, keystone species in cold-temperate Southern Hemisphere, and supports diverse intertidal plant and animal species.
Seetang, der auf dem Wasser treibt, kann als Floß für viele andere Küstenpflanzen und -tiere dienen.

© dpa/Ceridwen Fraser

Mehr als 20 000 Kilometer haben Seetang-Ableger zurückgelegt, die Forscher in der Antarktis gefunden haben. Noch nie sei ein längerer Transport von biologischem Material über die Ozeane nachgewiesen worden, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt Nature Communications. Das Beispiel zeige, dass die Antarktis weit weniger vom Rest der Welt isoliert ist als bisher gedacht. Im Zuge des Klimawandels könnten sich so womöglich neue Organismen dort ansiedeln, wenn die Bedingungen aufgrund steigender Temperaturen weniger lebensfeindlich werden.

Bislang nahmen Fachleute an, dass die Antarktis und der südliche Ozean aufgrund der Meeresströmungen und der vorherrschenden Winde biologisch weitgehend von der übrigen Welt abgeschnitten sind. Die Wissenschaftler um Ceridwen Fraser von der Australian National University in Acton (Australien) untersuchten nun das Erbgut des in der Antarktis gefundenen Seetangs (Durvillaea antarctica), auch Kelp genannt.

Die großen Algen stammten demnach aus Südgeorgien, einer Inselgruppe im Südatlantik, und dem Kerguelen-Archipel im südlichen Indischen Ozean. Sie haben damit etwa 25 000 Kilometer (von Südgeorgien) oder mehr als 20 000 Kilometer (vom Kerguelen-Archipel) zurückgelegt. Gefunden wurden sie an Stränden einer zu den Südlichen Shetlandinseln gehörenden Insel, King George Island. Zudem ermittelten die Forscher mit Computersimulationen, unter welchen Bedingungen der Tang bis in die Antarktis gelangt sein konnte. Sie zeigten, dass vor allem antarktische Stürme Wellen erzeugen, die die Algen transportieren können. Fachleute sprechen von der sogenannten Stokes-Drift. „Um dahin zu gelangen, musste der Seetang Barrieren durchbrechen, die durch polare Winde und Strömungen aufgebaut werden und die bis jetzt als undurchdringbar galten“, erläutert Fraser. „Wir dachten immer, antarktische Pflanzen und Tiere sind anders, weil sie isoliert vorkommen, aber diese Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Unterschiede fast vollständig auf die extremen Umweltbedingungen und nicht auf die Isolation zurückzuführen sind.“

Im Zuge des Klimawandels könnte sich die Situation ändern, meinen die Forscher: „Wenn regelmäßig Pflanzen und Tiere über den Ozean bis in die Antarktis treiben, werden sie dort ansässig, sobald die lokalen Bedingungen dies zulassen“, sagt Adele Morrison, ebenfalls von der Australian National University. Ihr Kollege Erasmo Macaya von der Universität in Concepcion (Chile) ergänzt: „Der Seetang wächst nicht in der Antarktis, aber wir wissen, dass er auf dem Wasser treibt und so als Floß fungieren und viele andere Küstenpflanzen und -tiere mit sich über den Ozean bringen kann.“ Auf dem untersuchten Seetang hatten die Forscher zum Beispiel Krebstiere gefunden.

Die Ergebnisse folgten auf eine Studie, die kürzlich alarmierende Mengen von Mikroplastik landseitig der Antarktischen Polarfront gefunden habe, schreibt Nathan Putman vom US-Forschungsunternehmen LGL Research Associates (Bryan/Texas, USA) in einem Kommentar. Es sei anzunehmen, dass der gleiche wellengetriebene Transport, der Seetang bis nach Antarktika treibt, auch die Verbreitung von Müll aus weit entfernten menschlichen Populationen in dem Ökosystem ermögliche.

(dpa)

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