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Donnerstag, 14.06.2018

Dem Tod von der Schippe geflogen

Ohne Hilfe wäre die Großtrappe im deutschsprachigen Raum bereits ausgestorben.

Von Roland Knauer

Ausgewilderte junge Großtrappen erkunden in den Belziger Landschaftswiesen in Brandenburg ihre neue Heimat.
Ausgewilderte junge Großtrappen erkunden in den Belziger Landschaftswiesen in Brandenburg ihre neue Heimat.

© dpa/Thomas Schulze

Vor ein paar Jahrhunderten häuften sich bei den Obrigkeiten im deutschsprachigen Raum mehr als einmal die bitteren Beschwerden der Bauern: Ein Trupp riesiger Vögel habe im Frühwinter deren kleine Gemüsefelder geplündert, jetzt wisse der Bauer nicht, wie er seine Familie den Winter über ernähren solle. Ein mehr als zehn Kilogramm schwerer Großtrappen-Hahn hat nun einmal einen gesegneten Appetit, und die Gegenwehr fiel den Untertanen schon deshalb schwer, weil nur die Obrigkeit die stattlichen Vögel jagen durfte.

Später kehrte sich die Situation komplett um: Die Bauern bearbeiteten ihre Felder und Wiesen immer intensiver, jetzt drohte einer der größten Vögel, der sich auf seinen eigenen Flügeln durch die Lüfte schwingt, zu verhungern. Nur der Einsatz von Artenschützern und einigen Bauern hat das Blatt im allerletzten Moment dann noch einmal gewendet: In Deutschland und Österreich ist die Großtrappe dem Aussterben in den vergangenen Jahren gerade noch einmal entgangen.

Zeit der Blumenwiesen

Damit geht die wechselhafte Geschichte dieser großen Vögel weiter, bei denen ein alter Hahn bis zu 17 Kilogramm auf die Waage bringen kann, während der schwerste bisher gewogene Höckerschwan nur 14,3 Kilogramm wog. „Ursprünglich kommen die Großtrappen vermutlich aus dem Norden Afrikas, wo in Marokko einige von ihnen bis heute überlebt haben“, erklärt der Geschäftsführer des Fördervereins Großtrappenschutz Henrik Watzke. Vor rund 200 000 Jahren machten sich die riesigen Vögel auf den Weg nach Europa. Allerdings erwies sich die Iberische Halbinsel als Sackgasse, in der in Spanien und Portugal heute noch mehr als 30 000 Großtrappen und damit fast zwei Drittel des Weltbestands leben.

Eine andere Gruppe hatte sich anscheinend viel weiter im Osten auf den Weg gemacht und dort die weiten Steppen im Herzen Eurasiens erreicht, die sich im Westen bis nach Ungarn und Österreich ziehen. Als die Gletscher der Eiszeit aus Mitteleuropa zurückgewichen waren, tauchten auch hier auf den kalten Steppen vor rund 12 000 bis 15 000 Jahren die ersten Großtrappen auf. Mit der Kälte kamen die kräftigen Tiere gut zurecht, nicht aber mit dem Wald, der sich später in Mitteleuropa ausbreitete. Denn Großtrappen leben in der offenen Steppe, in der anschleichende Raubtiere bereits in einigen Hundert Metern Entfernung zu entdecken sind – und in der viele große Insekten leben, von denen sich die Küken ernähren.

„Kleine Gruppen von Großtrappen könnten auf großen Lichtungen überlebt haben“, vermutet Henrik Watzke. Als später Bauern die Wälder für ihre Wiesen und Felder rodeten, gaben sie unbewusst auch den Großtrappen ihre verlorene Heimat auf den längst verschwundenen Steppen zurück: Auf den Wiesen und Äckern wogte damals ein bunter Blütenteppich, in dem ähnlich wie in der Steppe viele große Insekten zu Hause sind. Eine Henne fand dort daher leicht die mehr als zehntausend großen Insekten, die sie in den ersten beiden Lebenswochen an ihren Nachwuchs verfüttert. In der Zeit solcher Blumenwiesen boomten die Bestände der Großtrappen in Mitteleuropa.

Später waren es wieder die Bauern, die erneut unbewusst und gleichzeitig äußerst effektiv die großen Vögel ihrer Heimat beraubten: Um die Erträge zu steigern, düngten die Landwirte ihre Wiesen, die sie dann immer öfter mähen konnten. Heute gewinnen die Bauern bis zu sechsmal im Jahr Silage und mähen oft bereits im April zum ersten Mal. Die Blütenpflanzen von einst kommen bei diesem superschnellen Rhythmus schon längst nicht mehr mit. An ihre Stelle treten Gräser, gleichzeitig verschwindet die Insektenvielfalt, die einst in den Blumenwiesen zu Hause war. Nach und nach verschwanden die Großtrappen daher aus Mitteleuropa.

Auch in ihren letzten Refugien in der damaligen DDR und den heutigen Bundesländern Brandenburg und Sachsen-Anhalt sowie im österreichischen Burgenland brachen die Bestände zusammen. Lebten in den 1930er-Jahren noch mehr als 3 000 Großtrappen im heutigen Brandenburg, vermehrten sich die Tiere dort in den 1970er-Jahren nicht mehr aus eigener Kraft. „Engagierte Naturschützer trotzten den Behörden damals erste Schutzmaßnahmen ab“, erklärt Henrik Watzke einen ersten Aufschub für das Aussterben der Großtrappen: Auf den Feldern wurden die Eier eingesammelt und in menschlicher Obhut ausgebrütet, um anschließend die geschlüpften und aufgepäppelten Küken wieder freizulassen. Obendrein wurden rund tausend Hektar erheblich extensiver als vorher bewirtschaftet, um dort den Großtrappen langfristig eine neue Heimat zu geben. „Diese Maßnahmen haben das Aussterben der Großtrappen in Deutschland verhindert“, erklärt Torsten Langgemach, der die staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg leitet.

Spezialzäune halten Füchse fern

Trotzdem aber schien der Art die letzte Stunde im deutschsprachigen Raum zu schlagen: Lebten 1970 noch etwa tausend Großtrappen in Deutschland, zählten die Naturschützer 1996 gerade noch 57 Tiere, die auf den Belziger Landschaftswiesen und im Havelländer Luch in Brandenburg sowie im Fiener Bruch im Grenzgebiet zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt lebten. In Österreich war die Situation mit rund 60 überlebenden Großtrappen ähnlich miserabel, aus Polen waren die letzten dieser Vögel in den 1980er-Jahren verschwunden. Im Herzen Mitteleuropas stand die Art vor dem Aussterben.

Danach wurden die Schutzflächen, auf denen die Bauern erheblich extensiver als ihre Kollegen wirtschaften, auf 3 800 Hektar ausgeweitet. An der Neubaustrecke für die schnellen ICE der Deutschen Bahn wurden im Havelländer Luch Dämme aufgeschüttet, um die träge fliegenden Großtrappen sicher über die elektrischen Oberleitungen zu führen, die obendrein niedriger als üblich angebracht wurden. Ausgleichsmaßnahmen verbesserten den Lebensraum der Tiere weiter.

Gleichzeitig wurde ein neuer Feind identifiziert. Raubtiere mittlerer Größe vertilgten zunehmend Eier und Küken der vom Aussterben bedrohten Art. „Durch die Bekämpfung der Tollwut haben die Füchse stark zugenommen“, stellt Torsten Langgemach einen dieser Feinde vor. Außerdem tauchten mit Waschbären und Marderhunden aus fernen Ländern eingeschleppte Tiere auf, die sich ebenfalls am Großtrappen-Nachwuchs gütlich tun. „Heute gibt es in Brandenburg vermutlich mehr Waschbären als Rotfüchse“, sagt Henrik Watzke.

Inzwischen grenzen die Naturschützer sechs jeweils zwölf bis 30 Hektar große Flächen in den Großtrappen-Regionen mit Spezialzäunen ein, die von Füchsen, Waschbären und Marderhunden weder überklettert noch untergraben werden können. „Die Großtrappen-Hennen merken rasch, dass sie dort ihren Nachwuchs sicher aufziehen können, und brüten ihre Eier innerhalb der Zäune aus“, berichtet Henrik Watzke. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Im März 2018 zählten die Artenschützer wieder 259 Großtrappen im Großraum um Berlin. Im Havelländer Luch überleben die Vögel inzwischen sogar aus eigener Kraft, in den anderen beiden Gebieten werden noch junge Großtrappen ausgewildert, die in menschlicher Obhut aufwuchsen. Schutz in Form von Zäunen und Ausgleichszahlungen an Bauern, die trappenfreundlich wirtschaften, werden aber sicher noch lange nötig sein.

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