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Mittwoch, 07.03.2018

„Wir werden Jobs für alle haben“

Bis 2030 werden in der Oberlausitz 82.000 Stellen frei. Arbeitsagenturchef Thomas Berndt sagt, wie er sie besetzen will – und einige auch nicht.

Von Thomas Staudt

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Arbeitsagenturchef Thomas Berndt
Arbeitsagenturchef Thomas Berndt

© Uwe Soeder

Oberlausitz. Strukturwandel. Alle reden darüber, und heute geht es beim Lausitz-Forum in Weißwasser mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) einen ganzen Tag um nichts anderes. Ein Spiegel des Wandels ist der Arbeitsmarkt, und das nicht erst jetzt.

Vor zwölf Jahren waren in der Oberlausitz noch mehr als 55.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Firmenchefs konnten sich kaum vor Bewerbungen retten und für freie Stellen die Besten heraussuchen. Lehrstellen waren noch immer Mangelware, wenn sich auch die Situation langsam besserte. Heute sind in den Landkreisen Bautzen und Görlitz gut 22.000 Menschen ohne Arbeit. In einigen Branchen werden Fachleute knapp. Die Zahlen der Lehrstellen und der Bewerber nähern sich immer mehr an. Und in zwölf Jahren? Dann werden sich viele Chefs über jede Bewerbung freuen. Und junge Leute wählen können, in welchem Betrieb sie lernen. Das sagt jedenfalls Thomas Berndt, Leiter der Arbeitsagentur Bautzen.

Herr Berndt, wie kommen Sie auf solche Prognosen?

Da muss ich mir nur die aktuellen Zahlen anschauen. Zurzeit sind in den Landkreisen Bautzen und Görlitz insgesamt rund 196000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, jedes Jahr wächst die Zahl der Jobs in der Region um etwa ein Prozent. Das ist erfreulich. Aber jeder fünfte Arbeitnehmer ist älter als 55 Jahre, in einigen Branchen sogar jeder dritte. Sie alle gehen nach und nach in den Ruhestand. Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um rund 82.000 Personen abnehmen.

Es wachsen doch auch Jüngere nach …

Ja, aber bei Weitem nicht genug. Einer Berechnung des Statistischen Landesamtes zufolge werden wir 2030 in der Oberlausitz bestenfalls rund 42.000 junge Leute in dem Alter haben, in dem in der Regel das Berufsleben beginnt. Es fehlt uns mehr als eine ganze Generation. Nach 1990 sind viele junge Leute der Arbeit nachgezogen und haben ihre Kinder beispielsweise in Bayern oder Baden-Württemberg bekommen. Inzwischen sind die ersten Kinder von damals selbst schon Eltern, und wieder kam der Nachwuchs meist in der Ferne zur Welt. Nur wenige, die in den vergangenen 28 Jahren weggingen, sind in die Oberlausitz zurückgekehrt. Ich hoffe, dass noch mehr folgen. Wir brauchen sie. Seit einigen Jahren steigen die Geburten in der Oberlausitz wieder an. Aber bis die Jüngsten ins Arbeitsleben einsteigen können, vergehen 15 bis 20 Jahre.

Nach wie vor sind in der Region aber mehr als 22.000 Personen arbeitslos gemeldet. Sind sie nicht die ersten Kandidaten, um freie Stellen zu besetzen?

In der Tat sind die Arbeitslosen unser größtes Potenzial bei der aktuellen Stellenbesetzung. Aber etwa jeder Dritte ist heute schon über 55 Jahre alt und wird damit dem Arbeitsmarkt im Jahr 2030 nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Situation bei den Arbeitslosen, die erst vor Kurzem ihre Beschäftigung verloren, ändert sich sehr schnell. Meine Vermittler im Arbeitgeber-Service können derzeit auf über 4000 Arbeitsstellen zugreifen, und zahlreiche Arbeitslose werden diese Stellen bald besetzen. Mit steigenden Temperaturen werden auch in den typischen Außenberufen wieder Einstellungen erfolgen. Mehr Sorgen bereiten uns in der Agentur und in den Jobcentern der beiden Landkreise die mehr als 10.000 Arbeitslosen, die länger als ein Jahr ohne festen Job sind. Möglichst viele von ihnen wieder in Arbeit zu vermitteln, ist die größte Herausforderung.

Werden sie nicht ganz automatisch gebraucht, um frei werdende Arbeitsplätze zu besetzen?

So einfach ist das nicht. Je länger jemand aus dem Berufsleben raus ist, desto mehr verändern sich die Tätigkeiten in seinem Beruf. Die technische Entwicklung schreitet sehr schnell voran, Prozesse und Abläufe passen sich an und die Arbeitswelt entwickelt sich rasant weiter. Er würde unvorbereitet auf eine ihm weitgehend unbekannte Arbeitswelt treffen. Wir versuchen, da zu helfen – mit Fortbildungen, Praktika in Betrieben, Wiedereingliederungen. In der Agentur kümmern sich allein etwa 100 Mitarbeiter darum, Frauen und Männer ohne Job wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es gibt einen ganzen Strauß an möglichen Unterstützungen. Uns steht dafür ausreichend Geld zur Verfügung und das wird gut genutzt.

Wie gut denn?

Derzeit nehmen mehr als 3.000 Frauen und Männer an Weiterbildungen oder ähnlichen Aktivierungsmaßnahmen teil. Aber Arbeitsplatz und Bewerber passen zuweilen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht immer zusammen. Ein Grund ist zum Beispiel die Entfernung innerhalb des Arbeitsagenturbezirkes. Nicht jeder kann sich ein Auto leisten. Wenn jemand etwa im Zittauer Gebirge wohnt, der für ihn passende Job aber im Raum Kamenz ist – wie soll er da ohne Auto hinkommen? Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das eine kleine Weltreise. Andere sind nicht mobil, weil sie ihre Eltern pflegen müssen. Und es gibt auch Arbeitslose, bei denen nur ganz geringe Chancen auf einen neuen Job bestehen.

Zum Beispiel?

Einige haben sich aufgrund der langen Arbeitslosigkeit selbst aufgegeben und es gibt Menschen, die trauen sich berufliche Veränderungen manchmal nicht zu. Wir versuchen, uns stärker als in der Vergangenheit um diese Frauen und Männer zu kümmern und haben dafür ein spezielles Team in der Arbeitsagentur. So können wir viel individueller auf jeden Einzelnen eingehen als vor Jahren. Wir hatten Zeiten, da war ein Arbeitsvermittler für bis zu 1.200 Arbeitsuchende zuständig. Heute ist das Verhältnis etwa eins zu 150 bis 200. Inzwischen ist es auch möglich, dass ein Berater von uns mitgeht, wenn jemand seinen Arbeitsvertrag unterschreibt und in einem Betrieb neu anfängt. Das ist manchmal nötig, um vermeintliche Vorurteile abzubauen und weil nicht jeder Bewerber Bestnoten mitbringt. Es sollte generell mehr darauf geachtet werden, was jemand kann – weniger darauf, was einer nicht kann. Viele haben mehr praktische Fähigkeiten und sollen das auch beweisen können. Es wird in Deutschland noch zu viel auf Abschlüsse und Zeugnisse gesehen.

Nun ist ja viel vom Strukturwandel die Rede, vom nahenden Ende der Braunkohle. In der Branche arbeiten heute noch rund 8.000 Menschen in der Ober- und Niederlausitz. Können sie nicht frei werdende Stellen einnehmen?

Die Jobs in der Kohle werden weniger, aber ich gehe davon aus, dass 2030 in der Region weiterhin Braunkohle gefördert und verstromt wird. Die Branche wird dann nach wie vor ein industrieller Kern sein, ohne den viele kleine und mittelständische Betriebe nicht existieren könnten. Wir brauchen die Großbetriebe als Anker für die kleineren.

Der Strukturwandel soll neue Industrien bringen. Sie werden digitaler, automatisierter arbeiten. Auch vorhandene Unternehmen gehen den Schritt in die digitale Welt. Übernehmen da nicht Computer viele Arbeiten, die heute noch in Menschenhand liegen? Anders gefragt: Werden 2030 überhaupt 82.000 neue Arbeitskräfte gebraucht?

Strukturwandel ist ja nichts Neues. Es ist, wie der Name schon sagt, ein Wandel. Seit der Erfindung der Dampfmaschine ändern sich ständig industrielle Strukturen. Und damit verändert sich auch die Arbeitswelt. Die Maschinenstürmer wollten damals die neue Technik zerstören. Aber sie lernten, die Maschinen zu bedienen. Als der Siegeszug des Automobils begann, fürchteten Droschkenkutscher um ihr Auskommen. Aber es entstanden neue Jobs als Taxifahrer. Das ist in der industriellen Revolution, die wir gerade erleben, nicht anders. Es fallen Arbeiten weg, aber gleichzeitig entstehen neue. Moderne Technik nimmt dem Menschen viele Tätigkeiten ab, zum Beispiel schweres Heben. Aber jemand muss diese Technik entwickeln, bauen und reparieren. Unser Forschungszentrum, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, hat übrigens eine interessante Internetseite entwickelt. Auf job-futuromat.iab.de können Sie sehen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Computer Ihren Job übernimmt.

17 Prozent, im konkreten Fall.

Journalisten werden also nicht so schnell durch Roboter ersetzt, andere Berufe schon. Es gibt mittlerweile rund 4000 Kernberufe! Darunter ganz neue, wie Interface-Designer. Sie entwerfen Oberflächenbilder für Computerbildschirme. Andere Tätigkeiten sterben aus, suchen Sie mal noch einen Bürstenmacher. Bürsten kommen heute aus der Maschine. In zwölf Jahren wird es sicher mehr Elektro-Autos geben als heute. Darin steckt eine andere Technik als in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, und jemand muss diese Technik produzieren. Was ich damit sagen will: Wir brauchen 2030 nicht 82.000 Leute, die Jobs von heute eins zu eins weiterführen. Sondern Arbeits- und Fachkräfte für die Arbeit von morgen und übermorgen.

Dagegen steht, dass nach wie vor junge Leute die Region verlassen und in der Fremde ihr Glück suchen. Sie haben die Erfahrung ihrer Eltern im Kopf, dass es hier kaum eine Zukunft gibt.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in der Oberlausitz hat sich komplett verändert. Das Angebot an Lehrstellen wächst von Jahr zu Jahr, im vergangenen Jahr waren 3.089 Stellen in der Arbeitsagentur Bautzen gemeldet. Unsere Berufsberater gehen in die Schulklassen und informieren dort sowie in Elternabenden über die Möglichkeiten, die es hier in der Region gibt. Die Erfahrung der Eltern wirkt nach, und wenn heute ein Mädchen oder Junge Interesse für die Textilindustrie zeigt, heißt es schnell: Da brauchst du es gar nicht erst zu versuchen. Aber das stimmt so nicht mehr. Branchen wie die Textilindustrie bieten heute spannende und anspruchsvolle Jobs. Wer trotzdem nach der Schule erst einmal den Duft der großen weiten Welt schnuppern will, kann das gerne tun. Aber danach bitte zurückkommen in die Oberlausitz und das Gelernte hier einsetzen!

Womit wir wieder bei der Kernfrage sind, wo die Arbeitskräfte der Zukunft herkommen sollen. Junge Leute von hier, qualifizierte ehemalige Arbeitslose, Rückkehrer – was ist eigentlich mit Fachleuten aus den Nachbarländern? Keine Region in Deutschland hat Polen und Tschechien so nah vor der Haustür.

Stimmt schon, aber dort sehe ich dauerhaft keine so große Reserve für unseren Arbeitsmarkt. Die Nachbarländer entwickeln sich ähnlich wie wir, und sie werden ihre eigenen Arbeitskräfte in Zukunft selbst brauchen. Die meisten Polen und Tschechen, die hier arbeiten, pendeln übrigens aus ihren Heimatorten zu uns. Gleichzeitig verlassen noch immer knapp 44.000 Frauen und Männer die Oberlausitz für die Arbeit, das sind rund 500 Auspendler weniger als 2012. Hier sehe ich noch eine große Reserve für den Arbeitsmarkt. Und in Ausländern.

Sagten Sie nicht gerade, sie würden zunehmend in ihren Ländern gebraucht?

Damit meine ich vor allem Polen und Tschechen. In der Oberlausitz arbeiten heute etwa 8.700 Ausländer, die meisten von ihnen kommen aus den Nachbarländern. Stellen Sie sich mal den hiesigen Arbeitsmarkt ohne diese 8.700 vor: Da bliebe manche Arztstelle unbesetzt, und manches Restaurant hätte kein Personal. In den nächsten Jahren kommt es zunehmend darauf an, Zuwanderer in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Dass das machbar ist, hat sich in den vergangenen zwei Jahren gezeigt. Zum Stichtag Juni 2017 hatten 185 Menschen mit Migrationshintergrund einen festen Arbeitsplatz in der Oberlausitz, die aus den nicht europäischen Herkunftsländern wie Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak zu uns gekommen sind. Im Juni 2015 waren es nur 70 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Das ist ein Anfang, auf dem sich aufbauen lässt. Aus Arbeitsmarktsicht werden wir ohne gezielte Zuwanderung die Fachkräftelücke nicht schließen können.

Aus Ihren Worten klingt Optimismus, dass es gelingen wird, die drohende Lücke an Arbeitskräften zu schließen?

Natürlich bin ich optimistisch. Aber es wird ein Kraftakt, den nicht allein die Arbeitsagentur und die beiden Jobcenter stemmen können. Die Oberlausitz braucht überall schnelles Internet, ohne das sich heute keine Firma mehr ansiedelt. Verwaltungen sind gefragt, wenn es um schnelle Baugenehmigungen geht – für Wohnhäuser wie für Firmengebäude. Alle müssen mehr als jetzt für die Vorzüge des Lebens im ländlichen Raum werben, denn das ist die Oberlausitz. Arbeitgeber können und müssen dafür sorgen, dass Beschäftigte bei ihnen bleiben oder kommen. Dazu gehören moderne Arbeitszeitmodelle, Weiterbildungen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auskömmliche Löhne und einiges mehr.

Gespräch: Tilo Berger

Wie geht’s mit der Lausitz weiter? Weitere Beiträge gibt’s unter www.sz-link.de/lausitz-forum

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Marc Brossmann

    „Wir werden Jobs für alle haben“ Jetzt übernehmen Arbeitsamtsvorsteher schon die Arbeit der Satiriker. Vermutlich weil es wegen der Vollbeschäftigung allerorten auf dem Amt nix mehr zu tun gibt. Herrliche Zeiten.

  2. ich

    Und manche können zwischen "werden" und "haben" nicht unterscheiden. Ist sicher das Ergebnis der schwarzen Bildungspolitik hier in Sachsen. In Brandenburg jedenfalls hat man das gelernt.

  3. Der Schweißer

    @ich: Was hat man in Brandenburg gelernt?

  4. Michael Ton

    Die optimistische Haltung des Arbeitsagenturchefs ist zu begrüßen, gehört aber auch zu seiner Aufgabe. Die hohe Zahl der Arbeitspendler gibt zu bedenken. Und unerwähnt bleibt, wieviele Personen geringfügig beschäftigt sind oder als "Aufstocker" ergänzende Leistungen vom Jobcenter beziehen. Unerwähnt ist auch, welche älteren arbeitslosen Personen gegen ihren Willen aufgefordert werden, die Altersrente oder die Grundsicherung zu beantragen, anstatt die Chance für weitere Arbeit zur Aufbesserung der Rentenanwartschaften zu erhalten. Dennoch ist das Engagement der Arbeitsagentur zu würdigen.

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